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Es ist noch hell am Tag, als unser Nachtzug München verlässt. Wir schreiben Juli, aber das Wetter ist wie im April. Eben hat es noch gegossen, jetzt scheint schon wieder die Abendsonne. Das Bild, das vor dem Fenster vorbei zieht, ist wunderschön bayrisch. Ich frage mich, warum wir in die Ferne schauen, anstelle bei uns zu Hause den Sommer zu genießen. Aber was soll’s? Es ist eh zu spät, danach zu fragen.
Der Morgen im Rostock ist grau, windig, kalt.
Die Stadt ist hübsch und soll es demnächst noch schöner werden: Überall ist man dabei, zu restaurieren, zu erneuern, auszubessern. Die Spuren der vergangenen Jahrzehnte sind noch nicht völlig verschwunden. Neben auf Hochglanz gebrachte Bauten stehen noch welche, von denen der Putz bröckelt.
In der Fußgängerzone singt ein Don Kosaken Chor das bekannte Lied „Kalinka“.
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Die finnische Fähre ist imposant groß, schnittig, schnell. Erst auf dem zweiten Blick sind einige Dinge zu bemängeln. Beispielsweise funktionieren die Magnetkarten nicht, womit wir die Kabinentür öffnen sollen.. Neue Karte bekommen. Sie funktioniert eine Weile, dann auch nicht mehr. Dritte Karte bekommen. Dabei kann ich beobachten, wie zahlreiche andere Passagiere von demselben Problem geplagt sind. Wenn ich als geborener Ungar bösartig sein wollte, könnte ich behaupten, dass dies ein neuer Beweis dafür ist, dass die Ungarn und die Finnen miteinander verwandt sind.
Obwohl das Schiff unter finnischer Flagge fährt, sprechen alle Beschäftigten vielleicht mit Ausnahme des Kapitäns und der Offiziere miteinander Russisch. Leider werde ich in diesem Leben es nicht mehr schaffen, die vermeintlich weich und lieblich klingende Sprache von Tolstoj und Dostojewski schön zu finden. Kein Wunder: Der erste Satz, den ich als Kind auf Russisch lernte, war „Dawaj Tschasi!“, zu Deutsch „Her mit den Uhren!“. (Andere Sätze, die ich mit sechs,sieben Jahren lernte, darf ich hier gar nicht erwähnen.) Vor Tolstoj kommen bei mir erst immer die uniformierten Horden.
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Es bleibt dabei: Seereisen mit einem so großen Schiff finde ich langweilig. Das Wasser ob blau oder grau, wie jetzt, ist eintönig, das Schiff selbst ist in einer Stunde erkundschaftet. Danach sitzt man nur herum, vorausgesetzt, man findet einen freien Stuhl. Auch die anderen Reisenden, darunter viele Rentner, tragen nur begrenzt zur Unterhaltung bei. Beispielsweise entdeckt eine ältere Dame eine ferne Insel. „Was ist das für eine Insel?“ , fragt sie, und einer der rüstigen alten Herren ihrer Gruppe antwortet: „Amerika!“ Danach kreischen und schreien sie minutenlang schenkelklopfend, sie wollen sich gar nicht mehr einkriegen. Ist das die zweite, oder die wievielte Jugend?
Der Mann ist mir schon beim Einschiffen aufgefallen. Während alle anderen Radler die heute obligatorischen teueren Tourenräder, Zubehör und Klamotten haben, ist er recht einfach ausgerüstet. Sein Rad wurde eins, das vielleicht vor zwanzig Jahren für Langstrecken als zweckmäßig betrachtet. Seine zahlreichen Taschen, eine sogar aus dickem Leder hergestellt, scheinen zwar recht stabil, aber selbst genäht zu sein. Und Radlerbekleidung hat er auch keine, er trägt Sachen, als ob er nur kurz Semmeln holen ginge. Dafür kleben Stickers auf seinem Rahmen aus Mexiko, Südamerika und Asien!
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Jetzt holt er ein Stück gehobelten Holz aus seiner Tasche, den er als Tisch, Schneidebrett und Teller in einem nutzt, um sein Mittagsmahl zuzubereiten. Ich wünsche ihm Guten Appetit, so kommen wir ins Gespräch. Auch er will von Tallinn aus nach Süden radeln, zurück nach Deutschland, wo er ein wenig zu arbeiten gedenkt, bevor er die nächste Reise antritt. Den Großteil seiner Zeit verbringt er nämlich auf der Straße, wie er erzählt.
Er wuchs in der DDR auf und war mit dem damaligen Leben nicht unzufrieden. Nur seine Reiselust, den Wunsch, andere Länder und Menschen kennen zu lernen, konnte er dort nicht erfüllen. So bewarb er sich bei verschiedenen sozialistischen Hilfsdiensten, die zum Beispiel in Cuba oder in Afrika tätig waren, aber der Andrang war zu groß, er wurde nicht genommen. So kam er auf die Idee, sich für einen Job in der Sowjetunion zu melden, den er prompt bekam. So verbrachte er dort 15 Jahre und konnte das verdiente Geld fast vollständig ansparen.
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Als dann Mitte der Neunziger mit dem Aufbau des Sozialismus auch in Russland endgültig Schluss war, und sein Job wegrationalisiert wurde, sah er sich dazu gezwungen, sein Leben vom Grund aus umzustellen. Was nun? Klar: Zurück in das wiedervereinigte Deutschland. Dort fand er aber ein Land vor, das ihm fremd, ja völlig unbekannt war. Er fand zwar Arbeit und auch eine Wohnung, aber wie er erzählt das Betriebsklima, das Fehlen von Kollegialität, überhaupt der Umgang der Menschen miteinander ist ihm genau so vorgekommen, wie es nach seiner früheren Vorstellung in dem Kapitalismus halt ist: nur am Gewinn orientiert, konkurrierend, unmenschlich.
Und ohne Zukunftsperspektive. Wie er sagt, er kann es mit seiner Ethik nicht vereinbaren, an der sicheren Zerstörung der Welt aktiv beteiligt zu sein. Er nennt als Beispiel, das Märchen vom ewigen Wachstum. Oder die ausschließlich auf Börsenwerte ausgerichtete Weltwirtschaft. Oder die
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| Globalisierung, die zwar für Aktionäre höhere Tagesgewinne bringt, aber die Lohnabhängigen in den Industrieländern in Armut treibt. Oder das vollkommen ungelöste Problem, Atommüll umweltverträglich zu entsorgen. Oder die Millionenentschädigungen (Entschädigung!!!) für Pleitiers auf Managerposten. Oder die immer wiederkehrenden Parteispendenskandale. Oder das Steuerflucht, ja das ganze Steuersystem, die die kleinen und die ehrlichen Bürger bestraft und den Gaunern Tür und Tor öffnet. Mir wird von seinem missionarischen Eifer fast schwindlig, aber stichhaltige Gegenargumente, die ihn bremsen könnten, habe ich leider nicht. Jetzt lebt er extrem genügsam aus dem Ersparten. |
Er jobbt nur, wenn es notwendig ist und sich nicht vermeiden lässt. Ansonsten ist er mit dem Rad unterwegs, versucht genügsam zu sein und so über die Runden zu kommen.
Es ist eine zirkusreife Leistung, wie der Lotse bei der vollen Fahrt von seinem kleinen Boot auf unser Schiff übersteigt. Wir nähern uns Tallinn. Viel ist dabei nicht zu sehen. Hinter den grauen Regengardinen ist das Land nur ein schmaler grauer Streifen, auf dem nur einige schlanke Türme zeigen, wo die Stadt liegt. Viele mittelgroße Pötte ankern auf Reede, weil der Hafen ziemlich klein ist.
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