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Aus der Nähe betrachtet ist Tallinn eine wunderschöne Stadt! Der alte Stadtkern ist mit hohen dicken Mauern umgeben, verstärkt durch mächtige runde Basteien. Wenn man eins der Stadttore passiert, setzt sich das mittelalterliche Bild dahinter nahtlos fort. Schmale krumme Gassen, die mit groben Steinquadern holperig gepflastert sind, bestens restaurierte Häuser, gemütliche Lokale, die, wenn es aufhört zu regnen, sofort ihre Tische und Stühle auf die Straße hinausstellen. Überraschend viele Touristen aus aller Herren Ländern bevölkern die Straßen und Plätze. Es herrscht eine lebhafte, fröhliche, sehr angenehme Stimmung. Zahlreiche Passanten tragen bunte bäuerliche Festtracht. Auch die jungen Mädchen, die auf der Straße Erdbeeren verkaufen, sind in gleicher Weise gekleidet.
Tallin wurde am Anfang des 13. Jahrhunderts von Dänen gegründet; der Name der Stadt bedeutet „Dänenstadt“. Kurz nach der Gründung wurde sie unter dem Namen Reval Mitglied des Hansebundes.
1346 wurde Estland von Dänemark an den Deutschen Orden verkauft. Die zweihundert Jahre danach brachten wirtschaftlich und kulturell viel Positives mit sich. Leider wurde diese Ära 1558 von Ivan dem Schrecklichen, der den Deutschen Orden aus Estland vertrieb, beendet.
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In den darauf folgenden Jahrhunderten wechselten sich im Estland Russen und Schweden in der Vorherrschaft ab, bis in diesem Kampf sich Russland endgültig durchsetzte. Erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde Estland als unabhängiger Staat proklamiert.
1940 besetzten erst russische, später deutsche Truppen die baltischen Staaten. Nach dem Krieg wurde Estland Teil der Sowjetunion, bis diese um 1990 zerfiel. Die heutige Republik wurde 1991 neu gegründet. Estland hat heute nur 1,4 Millionen Einwohner, davon leben 400 000 in der Hauptstadt Tallinn, wo fast die Hälfte der Einwohner russischsprachig ist.
Hilfreich sind die an jeder zweiten Straßenecke angebrachten Stadtpläne, die die Orientierung in dem Gassengewirr erleichtern.
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Wir haben uns noch von Deutschland per Internet ein Zimmer bestellt. Es wurde als „komfortabel“ angepriesen und soll 45 € kosten, für uns ein angenehmer Preis, hier aber muss mancher dafür angeblich fast eine ganze Woche arbeiten. Das Haus zu finden ist mit Hilfe der erwähnten Karten eine Kleinigkeit. Dann aber die unangenehme Überraschung: Unser „Hotel“ ist eine Bruchbude! Der Putz fällt von den Wänden und die Fensterscheiben wurden auch vor zehn Jahren zum letzten Mal geputzt. Von irgendwelchem Komfort keine Spur.
Eigentlich interessiert mich nur noch wenig, wie in diesem Haus ein Zimmer aussieht, aber wenn wir schon hier sind, wollen wir Mal schauen. Nun, es ist eine kleine Kammer mit zwei Pritschen. WC und Dusche sind irgendwo am Gang. Suzanne findet es akzeptabel, ich dagegen bin der Meinung, dass man hier für das Geld etwas Besseres finden müßte. Obwohl Suzanne protestiert, verlassen wir diese Stätte des Grauens.
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Dies erweist sich bald als ein böser Fehler. In Tallinn ist Sängerfest. (Daher die vielen Trachtenträger!) Es gibt so gut wie kein freies Zimmer. Aber auch ohne diesen Umstand ist der Preis, 50 € für ein Loch ohne Bad und WC, nicht nur in Tallinn, sondern wie wir es später erfahren in ganz Estland durchaus üblich.
Nach langer Sucherei finde ich in einem Hotel noch ein normales Zimmer, allerdings nur für diese eine Nacht. Ich zahle dafür über 100 €.
Die Nacht ist ungewöhnlich weiß. Bis halb elf scheint die Sonne, und um drei ist es schon wieder so hell, dass ich ohne Leselampe mein Buch lesen kann. Auch dazwischen wird es nicht vollständig dunkel, auf dem nördlichen Horizont bleibt ein heller Streifen. Dazu schreien auch nachts die Möwen. Gewöhnungsbedürftig ist so was.
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Am Vormittag erneute Zimmersuche. Wir bekommen bei der Zimmervermittlung ein B&B-Zimmer. Es liegt an der Peripherie, wo die Stadt ins Dörfliche übergeht. Die meisten Bauten sind ebenerdige oder einstöckige Holzhäuser, viele baufällig und auch der Rest könnte einen neuen Anstrich gut vertragen. Das 40 €-Zimmer ist eigenartig eingerichtet. Zwei Betten, ein Garderobeständer und ein Klavier. Sonst nichts. Der Zugang ist aus einer Küche, und zwar durch eine Glastür, die eine klare Glasscheibe, aber keine Gardine hat. In dieser Küche wohnen andere Gäste, ein junges finnisches Pärchen die beiden riechen bestialisch nach Schnaps und ein Baby. Wir hängen unsere Regenjacken vor die Glasscheibe. Den Kontakt zu diesen Menschen können wir trotzdem nicht ganz umgehen: Auch der Zugang zum WC befindet sich in dieser Küche.
Unsere Fahrräder sind übrigens diebstahlsicher untergebracht: Sie stehen auf Anraten des Hausherrn bei uns im Zimmer am Bettfuß.
Tallinn zu besuchen wäre schon allein Grund genug so weit zu fahren. Da die Altstadt in sich geschlossen ist und kein stilloser Neubau das Gesamtbild zerstört, atmen die Straßen und Plätze eine Atmosphäre, als ob die reichen Kaufleute der Hanse hier noch das Sagen hätten. Ihr Reichtum hat sichtbare Spuren hinterlassen in Form von
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prächtigen Bauten von der Gotik bis zum Jugendstil, die den Krieg und den Sozialismus erstaunlich gut überstanden haben, und jetzt in neuem Glanz die Blütezeit dieser Vergangenheit zitieren. Dabei ist Tallinn nicht, wie viele ähnliche Städte, die nur für den Fremdenverkehr hergerichtet sind, kitschig oder museal. Die Stadt ist groß genug, die Masse der Besucher relativ gut zu verkraften ohne sich dabei negativ zu verändern.
Der erste Eindruck von der estnischen Küche ist recht positiv, wenn auch ohne besondere Überraschungen. Es gibt viele köstliche Suppen, darunter eine kalte, einem Bortschsch ähnliche Gemüsesuppe mit roten Beeten und Sauersahne, sowie Abwandlungen von der russischen Soljanka mit viel Fleisch. Als Hauptgericht werden Fisch und Fleisch geboten, oft in Sahnesauce oder einfach mit einem Klecks Sauerrahm, garniert mit viel rohem Gemüse und rohen Obststücken. Und wer Dill mag, der ist in Estland gut bedient: Es gibt so gut wie kein Gericht, der nicht mit Dill gewürzt wäre. Getrunken wird dazu in der Regel Bier, der auch dann noch ausgezeichnet schmeckt, wenn man es wie wir es tun mit in München geschulter und verwöhnter Zunge probiert.
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Die estnische und die ungarische Sprache sind miteinander verwandt. Die Wurzeln dieser Verwandtschaft liegen hinter dem Vorhang vorhistorischer Zeiten, sodass es heute nicht mehr möglich ist, auch nur einzelne Wörter der jeweils anderen Sprache zu verstehen. Auch das Schriftbild ist für mich fremd, ellenlange Wörter, viele Ü’s und Ö’s, immer wieder Häufung von Vokalen. Der Text auf den Schildern lässt mich nicht Mal ahnen, was die Wörter bedeuten sollen. Internationale Wörter scheinen ungebräuchlich zu sein, Restaurant heißt nicht Restaurant, Telefon heißt nicht Telefon.
Trotzdem: Ich bin in der Stadt mehrmals stehen geblieben, weil ich meinte, Passanten Ungarisch sprechen zu hören. Erst beim genauen Hinhören merkte ich, dass sie sich estnisch unterhalten. Offensichtlich ist der Klang der zwei Sprachen für mich zum Verwechseln ähnlich.
Das Klavierzimmer wurde uns als Bed & Breakfast vermietet. Unsere Frage nach dem Frühstück wird von dem Vermieter so beantwortet: „My wife is very busy“, was soviel bedeuten soll wie, es gibt heute kein Frühstück.
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