Andere Reisen

Von Tallinn nach Pedase

In Ländern, wo das Radfahren noch nicht so verbreitet ist wie bei uns, ist es oft problematisch, in größere Städte hinein- oder aus denen hinauszufahren. Die Einfallstraßen sind meistens überlastet und Radler sind als Verkehrsteilnehmer nicht vorgesehen. Nicht so in Tallinn. Ein erstklassiger neuer Radweg führt uns aus der Stadt nach Westen hinaus. Nach einigen Kilometern allerdings mutiert dieser Radweg zum bloßem markierten Randstreifen und bald verschwindet auch dieser. Da aber gleichzeitig auch der Verkehr allmählich abnimmt, ist dies eine akzeptable Lösung.

Die Landschaft ist am Anfang offen und flach. Weite grüne Wiesen, wenig Ackerland, kleine Wäldchen, die sich aber immer mehr verdichten, und bald sind wir in Wäldern, die kein Ende zu nehmen scheinen. Am Wegrand blühen wilde Blumen, so üppig wie wir es gar nicht kennen. Einige, wie die Glockenblume, ist uns wohlbekannt, aber viele andere, wie beispielsweise diese zweifarbige, die an dem nebenstehenden Bild zu sehen ist, habe ich bestimmt noch nie gesehen.

Das Wetter will heute alle seine Möglichkeiten durchspielen. Dramatische Wolkentürme drohen sich auf uns zu stürzen, es fallen einige Tropfen vom Himmel, dann aber scheint wieder die Sonne.

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Das flache Land bricht in der Küstennähe zum Wasser hin ab. Die kleinen Flüsse, die nach Norden zum Meer fließen, bilden an diesen Stufen Kaskaden, die in einem so ebenen Land kaum vermutet werden.

Obwohl wir nah an der Küste fahren, bekommen wir das Wasser nur selten zu sehen. Die Straße verläuft nicht am Wasserrand, sondern in geringem Abstand davon im dem Wald. Eine Ausnahme bildet Türisalu Pank, eine Klippe mit wunderbarer Aussicht auf eine weite Bucht, wo das ufernahe seichte Wasser mit großen runden Findlingen vollgestreut ist: Es sind Hinterlassenschaften der letzten Eiszeit.

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Am Nachmittag fängt es an dauerhaft zu regnen, und es regnet – von kurzen Pausen abgesehen – bis Abend. Auch aus diesem Grund versuchen wir die heutige lange Strecke etwas abzukürzen. Dies bietet sich auf unserer Karte förmlich an. Die etwas abseits von der kürzesten Route gelegene Stadt Paldiski wollen wir nicht besuchen. Ihre einzige Attraktion soll darin bestehen, dass dort die Russen ihre Atom-Uboote stationierten und bis 1994 die ganze Umgebung Sperrzone war,. So fahren wir lieber nach Klooga, und von dort wollen wir weiter nach Pölküla.

Bis Klooga ist alles so, wie die Karte uns zeigt, obwohl ich mich wundere, wie diese Siedlung, die auf die Karte fett gedruckt ist, in Wahrheit nur aus einer Straße besteht, an der die zurückgesetzten Häuser große Abstände voneinander haben. Menschen sehen wir sowieso nicht, nicht mal Hunde bellen uns an.

Hinter dem Dorf wird die Straße schlechter, dann wird daraus ein Feldweg, die zu einem Ruinenfeld führt, zu einem verlassenen, im Zerfall befindlichen ehemaligen Militärlager. Große Betonskelettbauten, Hallen, Wohnhäuser, alles bröckelt, rostet, modert. Durch eingefallene Dächer plätschert das Regenwasser. Dazwischen liegen Berge von Schutt und Schrott. Die ganze Gegend ist verlassen und unheimlich.

Ich denke, es wäre für manche Staatsmänner heilsam, diesen verlassenen Müllplatz der jüngsten Geschichte zu besuchen, um zu sehen, wie schnell die auf Ewigkeit angelegte Macht und Stärke sich wie Pfeifenrauch in Nichts auflöst. Es bedarf keine zehn Jahre, bis ein topsecret Stützpunkt der zweitstärksten Militärmacht der Welt sich in eine Schutthalde verwandelt.

Natürlich ist diese Siedlung auf unserer Karte nicht eingezeichnet. Dafür ist der Weg, der auf der Karte von hier weiterführt, in natura nicht zu finden. Es führt von hier überhaupt kein Weg weiter. Danach fragen können wir auch niemanden, weil es hier keinen Menschen gibt. Und es regnet nach wie vor.

Wir fahren zurück nach Klooga. Endlich: Vor dem Dorf sehe ich eine junge Frau aus dem Wald kommen. Ich will sie nach dem Weg fragen und begrüße sie. Sie schaut mich erschrocken an und rennt panisch davon!

Zurück zu den Häusern erblicken wir zwei Jugendliche. Wir haben Glück: Einer der Jungs spricht sogar ein paar Brocken Englisch. Sie schauen interessiert meine Karte an und sagen, dass sie den Weg, den ich suche, nicht kennen . Wie wir nach Pölküla kommen, wissen sie auch nicht.

Wir sind ratlos. Dann erscheinen aber eine Frau und zwei Kinder, die uns offensichtlich aus einem der Häuser beobachtet haben. Die Frau spricht nur Russisch, aber soviel Russisch, um nach dem Weg zu fragen, kann ich auch. Nun, den gesuchten Weg gibt es tatsächlich nicht. Wir müssen entweder zurück wie wir gekommen sind, oder wir können uns auf einem Waldweg ein wenig Abkürzung verschaffen.

Wir wählen den Waldweg. Der ist unbefestigt und vom Regen aufgeweicht. Bald sind wir vom Schlamm verdreckt wie die Sumpfhirsche. Dann müssen wir eine Eisenbahnlinie überklettern, einen Übergang gibt es nicht, aber die Spur zeigt uns, dass wir noch auf dem beschriebenen „Weg“ sind. Er zieht sich allerdings in die Länge, so fangen wir langsam an daran zu zweifeln, dassder Wald je ein Ende haben wird.

Und dann in diesem Wald, wo wir außer dieser Schlammpiste kein Zeichen von menschlichem Wirken erwarten, stehen wir plötzlich vor einer monumentalen Gedenkstätte, ein KZ-Denkmal für zigtausend ermordete Juden!

Wir halten inne. Ich bin erschüttert und sprachlos, wenn ich sehe, wo überall in der Welt manche biedere und spießige Männer herummordeten, und wie wenig diese Schandtaten sie daran hinderten in späteren Jahren das Leben zu genießen.

Dann erreichen wir doch noch eine asphaltierte Straße, die wir allerdings nicht lange genießen dürfen. Es folgt eine lange Schotterpiste, jetzt eher Schlammpiste, vollgesät mit kleineren und größeren Wasserlöchern, in denen der Regen sich sammelt und Blasen schlägt. Ein Genuß ist das Radeln lange nicht mehr, aber wir müssen weiter bis Padise, wo nach unserer Information ein Hotel sich befindet.

Nach 80 Kilometern erreichen wir Padise. Wir sind nass, verdreckt, müde In Padise gibt es einige wenige Häuser, einen Laden für Lebensmittel, aber ein Hotel gibt es nicht. Der Besitzer des Ladens ist sehr freundlich und bemüht, uns telefonisch eine Bleibe zu finden. Es gelingt ihm auch, allerdings 20 Kilometer weiter, in Pedase. Ich würde gern streiken, aber es würde uns auch nicht helfen. Also weiter.

Nach einiger Zeit sehen wir ein Schild: „Pedase Hotell 16 km“. Der Weg ist mittlerer Weile eine aufgeweichte Waldpiste, aber wir sind guten Mutes, da ein weiteres Schild verkündet: „Pedase Hotell 3 km“. Und dann fahren wir an diesem schmalen Waldpfad noch weitere 10 Kilometer, vorbei an manchen Schildern, die irgend etwas mitteilen, aber ein Hotel oder ein Hinweis darauf finden wir nicht.

Endlich ein Waldhäuschen! Ein alter Bauer steht vor dem Tor, und bevor wir nach dem Hotel fragen können, erkundigt er sich, aus welchem Land wir kämen. Als wir sagen, dass wir Deutsche sind, springt er vor Freude fast in die Höhe: Sein Schäferhund hat er nach der deutschen TV-Serie „Kommissar Rex“ benannt! Deutschland ist wunderbar, und die deutschen Schäferhunde sind noch wunderbarer. Soviel über Völkerverständigung.

Übrigens das Hotel, das wir suchen, liegt 5 Kilometer hinter uns. Da steht ein Schild „Külalistemaja“, wie estnisch nun Mal die Hotels heißen. Ist doch alles klar, oder?

Auf den letzten Kilometern des Rückwegs werden wir noch von einem kräftigen Hagelschauer durchgepeitscht. Dann aber haben wir es geschafft! Das Haus ist hier in der Wildnis überraschend komfortabel, ein ehemaliges Arbeiter-Erholungsheim, jetzt privatisiert und renoviert.

An diesem ersten Tag sind wir 113 Kilometer geradelt.