Andere Reisen


Von Pedase nach Tuksi

Nachts hat es durchgeregnet und auch der Morgen ist nicht viel besser. Wir zögern unseren Start bis 10 Uhr hinaus. Dann nützen wir eine Regenpause und fahren los, aber schon nach einer halben Stunde gießt es wieder, wie gehabt. Die Waldwege sind jetzt endgültig aufgeweicht, das Fahren in dem tiefen Boden ist recht mühsam. Auch die gestrige lange Strecke zeigt mit Verzögerung ihre Wirkung. Ansonsten ist diese verlassene bewaldete Gegend wunderbar, der Strand ist – wenn auch hinter den Bäumen – immer in der Nähe. Wir machen unterwegs öfters Abstecher zu der schönen Sandküste, die jetzt völlig verlassen da liegt.

Nova ist auf der Karte der nächste größere Ort. Auf der Karte. In Wahrheit sind es nur einige Häuser, und ein Schild „Kauplus“. Suzanne ist – in Gegensatz zu mir – sprachbegabt und so weiß sie schon jetzt, am dritten Tag, dass dies weder mit kauen, noch mit addieren zu tun hat, sondern einfach „Laden“ bedeutet. Aber wo ist dieser Laden? Das Haus ist ein zweistöckiger Wohnbau aus den sozialistischen Zeiten, hinter dem Eingang ein Treppenhaus, von irgendeinem Geschäft keine Spur.

Dann kommt doch noch eine Frau, und sie deutet uns an, dass wir sie folgen sollen. Sie steigt auf die Treppe bis zum Dachboden hoch. Hier finden wir einen Raum vor, wo aus rohen Brettern eine Art Kaufmannsladen gezimmert ist. Auf den wenigen Regalen sind Konserven, Getränke, Süßigkeiten aufgereiht, in einer Kühltheke ein wenig Käse und Wurst. Brot gibt es hier auch zu kaufen. Für das Aufstellen der Rechnung kommt neben einem Taschenrechner auch der Abakus – das mit den Holzkugeln, das wir als Kinderspielzeug kennen – zum Einsatz.

Dieser Laden ist die einzige öffentliche Einrichtung im Umkreis von unendlichen Weiten. Was machen hier die Menschen im Winter, wenn die Wiesen nicht so schön blühen wie jetzt, und die fahle Sonne nur an einigen wenigen Mittagsstunden den Tag erhellt?

Überhaupt, die Siedlungen in Estland! Es gibt in dem ganzen Land weniger als anderthalb Millionen Einwohner. Wenn wir die Landkarte anschauen, sieht es dort nicht anders aus als bei uns, Ortschaften neben Ortschaften. Aber wenn ich in Deutschland einen Ort, der auf der Karte zu sehen ist, erreiche, dann gibt es dort einen Ort mit Kirche, Gasthaus, Wohnhäusern und Menschen. Hier ist es anders. Wenn wir eine Siedlung erreichen, dann wird diese durch einen Ortsschild angezeigt. Sonst ändert sich nichts. Nach einigen Kilometern kommt dann der Ortsende-Schild. Das war es dann auch. Dazwischen ist manchmal nichts, jedenfalls nichts sichtbares, höchstens Mal zwei oder drei Waldhäuser. Es kommt aber vor, dass ein Bus anhält, aus dem jemand aussteigt und auf einem Pfad im Wald verschwindet, also die Gegend ist doch nicht völlig unbewohnt.

Die estnische Verfassung sichert jedem Bürger den kostenlosen Zugang zum Internet. In den Städten gibt es in manchen Geschäften, Ämtern oder Hotels Computer, die 24 Stunden online sind und für jedermann kostenlos zur Verfügung stehen. Diese Stationen sind mit einem „@“-Schild angezeigt. Etwas merkwürdig und jedenfalls sehr überraschend ist es aber, wenn wir im tiefen Wald plötzlich so einen Schild sehen mit einem Pfeil, der auf einen kaum sichtbaren Waldpfad zeigt. Vielleicht sind dort die sieben Zwerge online?

Der Weg ist eine löcherige Staubpiste im Nadelwald, hier meistens Kiefer. Dazwischen auch Mal weitläufige, üppige Lichtungen, ungemähte Wiesen, die jetzt paradiesisch blühen. Wir sehen nur wenige Zeichen von Bewirtschaftung. In der Nähe der seltenen Häuser weiden Mal zwei Kühe oder drei Schafe. Manchmal ist ein kleiner Kartoffelacker zu sehen, aber sonst nur wilde nordische Natur. Verkehr gibt es kaum, nur zwei, drei Fahrzeuge in der Stunde. So stelle ich mir Sibirien vor.

In Tuksi, wo immerhin einige wenige Häuser beieinander stehen, haben wir von der Gehopse genug. Mir ist sogar eine Speiche im Hinterrad gebrochen. Es sind heute nur 42 Kilometer gewesen, die allerdings auf der schweren Waldpiste.

Das Haus, wo Zimmer angezeigt sind, ist wieder eine Überraschung. Das Waldgrundstück hat feingemähten Rasen, und das Haus selbst passt auch nicht so recht hierher, aber es ist architektonisch ambitioniert und gar nicht schlecht gelungen. Wie wir bald erfahren, es wurde vor fünfzehn Jahren als Diplomarbeit einer angehenden Architektin entworfen, und bis zur Wende als Erholungsheim einer staatlichen Firma genutzt. Jetzt ist es Privatbesitz eines Tallinner Ehepaares. Sie verbringen die Sommermonate hier im Wald und nebenbei vermieten sie Gästezimmer.

Die Küste liegt etwa ein Kilometer entfernt, ein schmaler romantischer Fußpfad führt dahin. Der Strand ist wunderbar sandig, aber der Himmel ist grau, die Luft kühl und das Wasser eigenartig bräunlich, wir fühlen uns nicht zum Baden verführt. Ich frage mich, wann soll man hier baden können, wenn nicht jetzt, im Juli?