|
|
|
 |
|
Endlich haben wir einen wunderbar sonnigen Morgen! Zwar ziehen einige große weiße Wattenbäusche am Himmel träge nach Westen, aber sie sind Schönwetterwolken, sehr fotogen, nicht bedrohlich.
Unsere Gastgeberin serviert uns ein Frühstück, was in anderen Ländern auch als üppiges Mittagessen durchgehen würde. So versorgt, machen wir uns auf den Weg nach Haapsalu. Die Straße heute ist ideal zum Radeln, neu asphaltiert und fast ohne Verkehr. Sogar der Wind, der uns bis jetzt meistens entgegen blies, hat nachgelassen. Bei solchem Wetter blühen die Blumen noch bunter, die Vögel singen noch schöner. Am liebsten würden wir gleich mitsingen!
|
|
|
|
|
|
|
|
Leider werden nicht nur die uns lieben Gottesgeschöpfe munter, auch die Insekten schwirren heute lebhafter. Im Glücksfall sind es nur Winzlinge, klein wie Obstfliegen, die sich allerdings zu dichten Wolken versammeln. Wenn wir durch so einen Schwarm radeln, bleiben Hunderte von den Tierchen in den Haaren, Mund, Augen und auf der Haut kleben. Unangenehmer ist es mit den allgegenwärtigen Stechmücken, die wie in allen nordischen Ländern, so auch hier im Sommer eine richtige Plage sind. Und schließlich sind noch die Bremsen zu beklagen. Die sind zum Glück seltener, dann aber groß wie Fledermäuse.
|
|
 |
|
|
|
|
|
|
 |
|
Haapsalu liegt auf einer Halbinsel, die in eine große, von Inseln geschützte Meeresbucht hineinragt. So sieht man überall das Wasser, trotzdem haben wir das Gefühl, nicht an der Küste, sondern in einer Binnenseelandschaft zu sein.
Die Stadt hat schon mal bessere Zeiten erlebt. Im 14. Jahrhundert war sie sogar Bischofsitz. Aus dieser Zeit stammt die mächtige Burgruine in der Ortsmitte, und mittendrin in dieser Ruine erhebt sich die gotische Kathedrale von Haapsalu.
Nach vielen Kriegen, in denen Dänen, Schweden und Russen das Land immer wieder verwüsteten, bekam die Stadt am Anfang des 19. Jahrhunderts eine neue Chance, in dem entdeckt wurde, dass die hiesigen heißen Moorbäder gegen Gelenk- und Hautleiden gute Heilerfolge zeigen. Als Folge der sich schnell entwickelnden Infrastruktur ist es bei den vornehmen Russen um den Zarenhof Mode geworden, den Sommer in Haapsalu zu verbringen. Auch Peter Tschaikowski ist wiederholt hier gewesen, ein Denkmal an die Uferpromenade erinnert an den großen Komponisten. 1907 wurde die Eisenbahn von St. Petersburg bis Haapsalu verlängert und es wurde hier ein schmuckes Bahnhof
|
|
|
|
|
|
|
gebaut, der mit 214 m „die längste Bahnhof im Russenreich“ war, was das auch immer heißen soll. Das lange Gebäude ist neulich hervorragend restauriert worden und ist eine der Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt.
Heute bleiben wir in Haapsalu. Ich habe meine Medikamente, die ich täglich gegen hohen Blutdruck nehmen muss, irgendwo verloren. Natürlich haben sie hier in Estland nicht die deutschen Präparate, die ich benötige, aber Internet sei’s Dank wir können nachschauen, welche Wirkstoffe meine Pillen haben, und hier etwas Ähnliches besorgen lassen. Allerdings müssen wir bis morgen Mittag auf die Lieferung warten.
|
|
 |
|
|
|
|
|
|
 |
|
Die Stadt ist klein, wir können in einem kurzen Rundgang alles besichtigen: den im Jahre 1905 erbauten hölzernen Kursaal, die Johannes-Kirche aus dem 16. Jahrhundert, und die vielen alten hölzernen Gästehäuser, von denen etliche noch auf die fällige Renovierung warten.
Unterkunft finden wir im Yachthafen, wo das Dachgeschoss des Clubhauses als einfache Herberge ausgebaut wurde. An dem Pier und an den Stegen liegen einige wenige, große Segelboote aus Schweden, Finnland, Holland und Deutschland. Sonst ist der Hafen leer und himmlisch ruhig. Wir sitzen auf der sonnigen Dachterrasse und kommen mit dem Wirt des Clublokals ins Gespräch. Wir loben die erholsame Stille des Ortes, worauf er entgegnet, dass hier alle Menschen hoffen, dass es mit der Stille bald zu Ende geht und die EU den nötigen wirtschaftlichen Aufschwung bringt.
|
|
|
|
|