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Der Himmel ist bewölkt, kühl ist es auch, aber solange es nicht regnet, wollen wir uns nicht beklagen.
Wir radeln weiter nach Westen, vorbei an dem ehemaligen russischen Militärflugplatz Kiltsi, auch so eine höchstgeheime Einrichtung, nach der heute kein Hahn mehr kräht. Unmittelbar daneben ist die Schlossruine Ungru loss. Die Renaissance-Fassade täuscht, der Bau wurde erst 1896 angefangen, aber nie vollendet. Es ist eine traurige Geschichte: Ein gewisser Baron von Ungern-Sternberg wollte das Schloss seiner Angebeteten schenken, aber die junge Dame starb, und so wurden die Bauarbeiten eingestellt.
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Wir übersetzen mit der Fähre zur Insel Hiiumaa. Diese ist mit etwa 35 mal 45 km das zweigrößte Eiland Estlands hinter Saaremaa. Die Passage ist relativ kurz, trotzdem dauert es etwa anderthalb Stunden. Das große Schiff schleicht sich nur in Schrittempo voran, das Wasser ist seicht, die Fahrrinne ist schmal.
Runter von der Fähre geht es weiter, wie vorher auf dem Festland, auf flachem, bewaldetem, dünn besiedeltem Land. In Suuremoisa gibt es eine Kirche sowie ein Schloss aus dem 18. Jahrhundert, beides vorbildlich restauriert.
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In Käina nehmen wir ein Zimmer. Der Ort besteht aus einer Kirchenruine, einem Gasthaus, einem Supermarkt und aus einigen wenigen Häusern. Die Küche in dem Lokal schließt um 20 Uhr, wir haben Glück, als Letzte bekommen wir noch etwas zu beißen, nicht so, wie die Herrschaften, die nur zehn Minuten nach uns kommen. Der nächste Esslokal befindet sich in Kärdla, etwa 20 km entfernt.
Es ist ganz merkwürdig, aber ich habe Schwierigkeiten es zu empfinden, dass ich in Estland bin. Wenn ich mich in Frankreich, Tschechien oder Portugal befinde, erreichen mich in jedem Augenblick Dutzende von Signalen, die mir sagen: Du bist hier und nicht anderswo. Hier merke ich so was nicht. Es ist hier sehr schön, es grünt und blüht, duftet und zwitschert, aber es fehlen die Eckpunkte, an denen ich mich orientieren könnte. Sogar die Himmelsrichtungen unter diesem kolossalen Himmel sind nicht leicht zu finden, da die Sonne hoch am Norden aufgeht, am ganzen Tag ziemlich oben am Zenit steht, und spät am Abend nach Norden zurückkehrt.
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Auch die estnische Küche hinterlässt nach einigen Tagen eine gewisse Ratlosigkeit. Es schmeckt alles hervorragend, ob das russische Suppen oder schwedische Fischgerichte sind. Ich vermisse aber Spezialitäten, wie die estnische Entsprechung zu Labskaus, Gulasch, Pizza, Paella, oder Aquavit, Whiskey, Vodka oder Guinness.
Auch die Geschäfte sind mit internationalem Warenangebot vollgestopft, wir finden fast nichts, wo wir sagen könnten: Das kennen wir nicht, das müssen wir probieren, das gibt es nur hier, in Estland.
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