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Nachts stürmt und gießt es mit solcher Heftigkeit, dass ich obwohl mein Bett sich gute anderthalb Meter von dem gekippten Fenster befindet geweckt werde, weil mein Bettzeug vom Regen völlig durchnässt ist. Glücklicherweise ist der Morgen freundlicher, zwar recht windig, aber mild und trocken.
Die Insel Kassari ist von dem großen Eiland Hiiumaa nur durch einen bachbreiten Wasserarm getrennt. Wir machen einen Umweg, um den Naturschutzgebiet Sääre tirp am südlichsten Ende von Kassari zu besuchen. Es ist eine Landzunge, die sich immer mehr verjüngt, um später nach etwa 3 Kilometern als eine Schüttung aus Kies und
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Sand, die nur wenige Meter breit ist, allmählich im Wasser zu verschwinden. Ein eigenartiges Gefühl hier zu stehen, wo links und rechts das Wasser Wellen schlägt, und man fragt, wieso dieses bisschen Land nicht schon längst weggespült wurde. Auch die Pflanzen, die hier wachsen und blühen, sind andere als die, die wir bis jetzt gesehen haben.
Irgendwo in diesem Wunderland entdecken wir eine Gruppe von Menschen, die auf dem Boden im Kreis sitzen, und mit hochgestreckten Armen körperliche und seelische Verrenkungen aufführen. Die sieben bis acht Frauen und ein Mann, offensichtlich der Guru, sind schon ganz vergeistigt, und sie lächeln, wohl einig mit der magischen Natur, mit geschlossenen Augen vor sich hin. Ihre Naturnähe geht allerdings nicht so weit, dass sie die 500 Meter von dem Parkplatz bis hierher zu Fuß bewältigt hätten: Sie sind verbotener Weise mit ihren Blechkisten auf dem Fußweg hergefahren. Die Autos bilden um die Gruppe einen zweiten magischen Kreis.
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Wir kommen nach Söru, wo wir die Fähre nach Saaremaa nehmen wollen. Leider müssen wir auf die nächste Fähre sechs Stunden warten, sie fährt nur zweimal am Tag.
Im Hafenbecken liegen einige bewundernswert schön restaurierte alte Segelboote, wahrscheinlich angelockt von dem heute dort stattfindenden Volksfest der Umweltschützer. In einer großen Halle die früher vielleicht als Lagerhalle diente werden Vorträge gehalten und Projekte vorgestellt. Es sind hauptsächlich Jugendliche, die in den großen Zelten auf der benachbarten Wiese übernachteten. Ein sehr „alternativ“ angehauchtes friedliches Völkchen, das hier sich versammelt, viel Selbstgestricktes, Batikgefärbtes. Die ganze Szene ist eingebettet im Duft von Räucherstäbchen. Ja, ja, die glücklichen 60-er Jahre! Jetzt weiß ich, wo sie geblieben sind!
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Ein unerwartet schneidiger junger Mann, als er hört, dass wir miteinander Deutsch reden, stellt sich als Oberleutnant zur See der Estnischen Marine vor. Er hat seine Ausbildung in Deutschland bei der Bundesmarine erhalten, ist dankbar dafür und sehr stolz darauf. Er freut sich darüber, dass unsere beiden Völker in der Zukunft Europa gemeinsam gestalten werden.
Wir wollen uns zwischendurch ein wenig Ruhe gönnen und ziehen uns zurück. Etwas weiter am Wegrand steht eine Holzbank, wir setzen uns hin und genießen die Stille. Plötzlich torkelt ein völlig betrunkener Mensch herbei und behauptet, dass wir auf seinem Privateigentum sitzen, die Bank gehört ihm. Es macht aber überhaupt nichts, wir sind doch alle Freunde! Dies zu bekräftigen muss ich etwa zehnmal seine Hand schütteln. Dann will er mit mir unbedingt Finger hacken, was hier offensichtlich nicht mit dem Mittel-, sondern mit dem kleinen Finger gemacht wird. Ich bin 66 geworden und habe noch alle meine Finger dran. Auch sehe ich nicht ein, warum ich jetzt hier welche ausreißen lassen sollte. Erst als ich andeute, dass ich mich seiner Stärke nicht gewachsen fühle, lässt er von seinem Vorhaben ab, krempelt die Ärmel hoch, damit wir seine Muskeln und Schönheit bewundern können. Dann verabschiedet er sich dreimal und zeigt mit eindeutigen Bewegungen, dass er jetzt weitertrinken muss.
Auch die längste Wartezeit geht zu Ende, wir übersetzten nach Saaremaa. Nach etwa einer weiteren Stunde erreichen wir unser Nachtquartier, ein alleinstehendes Haus in der Wildnis. Das einfache Zimmer ist ordentlich, und die Wirtin ist so lieb, uns noch in dieser späten Abendstunde ein schmackhaftes Abendessen auf den Tisch zu zaubern.
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