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Von Virtsu nach Pärnu
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Nein, schlechter kann ein Sommerwetter nicht sein! Es ist erbärmlich kalt, ein stürmischer Südwind reißt an den Büschen und Bäumen, und es gießt. Waagerecht. Ich bin so mit diesem Sauwetter beschäftigt, dass ich völlig vergesse, dass Suzanne heute Geburtstag hat. Das wiederum macht mich so traurig, dass am Ende sie mich noch trösten muss.
In der Hoffnung, dass es aufhört zu regnen, versuchen wir das Frühstück in die Länge zu ziehen.
Apropos Frühstück: Ich weiß nicht, was die Esten selbst zum Frühstück zu sich nehmen, aber eine einheitliche Vorstellung davon, was dem Gast zum Frühstück serviert wird, scheint nicht zu existieren. Nur die Menge ist immer riesig. Ansonsten ist es jeden Tag spannend, was wir bekommen: Haferbrei, Würstchen, Sandwich, Salat oder Gemüse? Unsere gewohnte Marmelade oder Honig gibt es leider nie.
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In den Lokalen läuft, ähnlich wie in Spanien, von morgen bis Abend das TV. Gezeigt werden meist amerikanische Vorabendserien. Da nicht mal eine Million Menschen Estnisch sprechen, lohnt es sich nicht, die Filme zu synkronisieren, ja nicht mal mit Untertiteln zu versehen. So übersetzt eine merkwürdig gelangweilte Männerstimme im off die Dialoge. Man sieht also eine leidenschaftliche Liebesszene und hört dazu die schläfrige Übersetzerstimme, wie vom Blatt gelesen.
Der Regen hört tatsächlich auf, aber der stürmische Gegenwind bleibt.
Der Tag ist schnell erzählt. Es sind etwa 70 km auf einer recht guten Asphaltstraße. Außer dem schönen Wald gibt es unterwegs allerdings nichts Besonderes zu sehen. Auf der ganzen Strecke gibt es nur zwei kleine Lebensmittelläden, sonst kaum ein Haus. Trotzdem wäre es ein Genuß, hier zu radeln, wenn … ja, wenn der Wind nicht so gewaltig blasen würde. So ist es aber ein mehrstündiger Kampf, wobei wir es nur selten schaffen, schneller als 10 km/Std zu fahren. Suzanne ist manchmal nahe zum Weinen, aber mir geht es auch nicht viel besser.
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Wir trinken unterwegs ziemlich viel Mineralwasser, das wir aus den kleinen Läden holen. Es wird grundsätzlich in Zweiliter-Plastikflaschen angeboten. Die weggeworfenen Flaschen können wir überall in den Straßengräbern wiederfinden. Oft müssen wir auf den Regalen lange stöbern, bis wir ein einfaches, normales Mineralwasser finden. Die meisten der Flaschen sind nämlich mit Sprudelgetränken gefühlt, die mit 4 - 5 % Alkohol etwa so stark sind, wie das Bier bei uns.
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In Pärnu sind wir so erschöpft, dass wir uns vornehmen, auch morgen hier zu bleiben und einen Ruhetag einzulegen. Die Hotels, in denen wir versuchen, ein Zimmer zu finden, sind ausgebucht, erst in dem Fußballstadion, wo unter der Tribüne eine Art Herberge sich befindet, bekommen wir ein Zimmer. Es ist eine elende Bude, billig ist es auch nicht, aber wir sind glücklich, uns duschen und ausstrecken zu können.
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Wir wollen den Tag mit einem feinen Geburtstagdinner abschließen. Das Lokal „Munga“ soll dafür das geeignete Etablissement sein. Es befindet sich in den ehemaligen Wohnräumen eines hübschen alten Holzhauses. Die Einrichtung - bestehend aus alten gutbürgerlichen Möbelstücken, alten Gemälden, Antiquitäten schafft eine nostalgische, familiäre Atmosphäre. Die Gerichte sind schmackhaft, die junge Bedienung herzlich und gut in Englisch. Es wäre alles gut gegangen, wenn wir nicht auf die Idee gekommen wären, zum Feier des Tages eine Flasche französischen Chardonay zu bestellen. Der wurde nämlich sommerlich warm serviert. Man sollte in Estland beim bewehrten guten Bier bleiben.
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Am Morgen beim Durchchecken der Räder entdecke ich, dass zwei Speichen meines Hinterrades gebrochen sind. Da wir kein Werkzeug haben, womit ich das Ritzel abziehen kann, suchen wir einen Mechaniker. Die Werkstatt liegt etwas außerhalb in dem südlichen Gewerbegebiet, es unterscheidet sich in Nichts von einem unserer modernen Werkstätten, nur die Preise sind beschämend niedrig: Gründliche Inspektion von zwei Rädern mit Einstellen der Bremsen und Schaltungen, sowie Ersetzen der fehlenden Speichen kostet insgesamt 12 €.
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Pärnu wurde im 12. Jahrhundert vom Deutschen Orden gegründet. Begünstigt durch seinen geschützten Hafen in der Flussmündung hat es sich schnell zu einem der bedeutendsten Handelsplätze der Hanse entwickelt. Noch im 18. Jahrhundert hat die Stadt etwa gleichviel Einwohner gehabt wie Lübeck, obwohl das Leben durch Kriege und Besatzung durch die Nachbarländer immer wieder gestört wurde.
Das heutige Erscheinungsbild der Altstadt wird im Wesentlichen durch Bauten aus den 16. bis 18. Jahrhundert geprägt. Die Achse bildet die Rüütli, heute eine autofreie Fußgängerstraße, wo viele Cafes, Esslokale und Boutiquen zum Flanieren einladen. Sicherlich ist das eine oder andere der Baudenkmäler sehenswert, wenn auch nicht sensationell, sie ergeben insgesamt einen durchaus liebenswerten und gefälligen Gesamteindruck.
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Heute ist Pärnu der estnische Badeort schlechthin. Ein über drei Kilometer langer Sandstrand und heilsame Moorbäder haben schon vor 170 Jahren Gäste aus den baltischen Ländern und Russland angelockt. Ein zweiter Aufschwung hat das Seebad in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts erfahren, als nach Ausbleiben der aristokratischen Besucher neue Schichten aus Bürgertum und Politik Pärnu für sich entdeckten. Viele der damals gebauten Objekte Hotels und Villen des damals modernen funktionalistischen Baustils kann man heute bestens restauriert bewundern.
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Leider ist Pärnu in der letzten Zeit durch Pressemeldungen bekannt geworden, die den Ort als Hauptsitz der estnischen Faschisten alter und neuer Prägung beschrieben. So hat man in einem der schönen öffentlichen Stadtparks ein Denkmal für den Waffen-SS aufgestellt, das erst nach massivem Protest auch aus EU-Kreisen wieder entfernt wurde. Hier, an Ort und Stelle, merken wir zum Glück nichts von dieser braunen Seite der Stadt. Pärnu ist liebenswert und hat ein besseres Image in der Welt verdient.
Auch heute wie schon wiederholt werden wir auf der Straße am hellichten Tag von wohlmeinenden, aber völlig betrunkenen herumtorkelnden Männern belästigt. Sie sind nicht böse, wollen uns eher behilflich sein, mit Anzug und Krawatte sehen sie eher wie Geschäftsleute aus wie Penner, aber sie sind in ihrem Suff distanzlos und lästig.
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Sonst sind die Menschen in Estland nach unserer Erfahrung eher zurückhaltend. Ein deutsches Ehepaar, das wir in Haapsalu trafen, meinte sogar, die Esten wären unfreundlich. Tatsächlich werden wir von anderen Menschen auch in den einsamsten Gegenden nur selten gegrüßt, die Nachbarn am Frühstückstisch oder die Verkäufer in den Geschäften überhören gern, wenn wir beim Eintritt sie grüßen. Andererseits sind alle, an die wir uns direkt wenden, herzlich, hilfsbereit, korrekt. Ich glaube, diese Distanziertheit ist kein Zeichen von Abneigung gegenüber Fremden, sondern einfach eine Landessitte, die nur uns fremd vorkommt.
Insgesamt weisen die Menschen weder im Aussehen noch an der Kleidung Eigenschafen auf, die uns ungewöhnlich vorkämen. Sie sehen aus, und sind auch, so wie wir in Deutschland. Nur ihre Sprache, wie gesagt…
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Abends lassen wir uns in einem Cafe in unserer Nähe verköstigen. Eine Spezialität der baltischen Länder ist, dass man nicht nur in einem Restaurant sondern auch in einem Cafe, wo sonst guter Kaffee etwa zwischen Filterkaffee und Espresso und feiner Kuchen serviert werden, auch eine in der Regel recht ansprechende Speisekarte vorfindet.
Inzwischen habe ich mich mit der hiesigen Küche doch befreundet, ohne genau sagen zu können warum. Man bekommt nichts, bei dem ich unbedingt das Rezept haben will, aber genau so wenig wird einem etwas vorgesetzt, was nicht frisch, schmackhaft und ehrlich wäre. Und dies kann man nicht von allen Ländern behaupten, die die Kochkunst auf ihre Fahne geschrieben haben. Siehe Frankreich, aber das ist eine andere Geschichte.
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