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Von Majaka nach Limbaži
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Nach 15 Kilometern passieren wir die estnisch-lettische Grenze. Seit ich damals in dem kommunistischen Ungarn hinter dem Eisernen Vorhang eingesperrt war, sind Grenzen für mich ein Greuel. In den fünfziger Jahren war es nicht mal möglich, in die sogenannten Bruderländer also nach Tschechoslowakei oder nach Rumänien zu reisen. Damit haben die Genossen uns eine große Lebensfreude, nämlich das Reisen in anderen Ländern, beraubt. Ich bin darüber heute noch wütend. Obwohl ich weiß, dass seit jenen Zeiten viel, ja fast alles sich verändert hat, ergreift mich auch jetzt noch vor jedem Grenzübergang eine Nervosität, die man nur als Phobie bezeichnen kann.
Natürlich ist heute diese Grenze vollkommen harmlos, wir werden von den Beamten freundlich begrüßt und duchgewunken.
Wir sind also in Lettland angekommen.
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Kurz hinter der Grenze liegt Ainaži, ein ziemlich großer Ort mit Kirche, Häusern und Geschäften. Früher wurden hier Schiffe gebaut, im 19. Jahrhundert gab es eine Marineschule. Alles vorbei! Nur ein kleines Museum zeigt noch die Zeugnisse der alten Herrlichkeit.
Der erste Eindruck von Lettland: Hier sieht es doch etwas ärmlicher aus, als wir es in Estland wahrgenommen haben. Die Menschen sind einfacher gekleidet, die Gebäude sind weniger gepflegt, die Schaufenster sind noch immer sozialistisch, sprich verstaubt.
Einer der halb zerfallenen großen Holzhäuser trägt das Denkmalzeichen der UNESCO.
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Nur eine halbe Stunde weiter erwartet uns das Hafenstädtchen Salacgríva. Der Hafen ist leer, nur drei oder vier Yachten aus Skandinavien haben in dem unwirtlichen Becken festgemacht. Der Ort macht einen verschlafenen Eindruck. Früher hat man hier Fische verarbeitet, aber seit die Ostsee überfischt ist, gibt es nichts mehr zu verarbeiten. Das Problem kennen wir aus dem Roman von John Steinbeck. Wie später in Monterey, so versucht man auch hier durch Tourismus die Fischwirtschaft zu ersetzen. Dort klappte es ja. Hier wird es wohl noch eine Weile dauern. Wir besuchen ein recht gemütliches Fischlokal. Es befindet sich in Hafennähe in einem kleinen grün getünchten Holzhäuschen. Der Gastraum ist mit den obligatorischen Fischereigerätschaften und Meeresgetier urig dekoriert. Die Gerichte sind zwar einfach aber wohlschmeckend und sehr preiswert. Trotzdem sind wir an diesem Mittag in Juli also in der Hauptsaison die einzigen Gäste.
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Das Touristenbüro der Stadt ist schon gut gerüstet: Wir bekommen umfangsreiche Informationen für die weitere Reise. Die Damen sind über ihre Pflichten hinaus kompetent und hilfsbereit. Wenn man viel herumkommt, weiß man so was zu schätzen.
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Die Wetterbedingungen haben sich verbessert. Es ist manchmal sogar sonnig und dann sofort angenehm warm. Mit gestilltem Hunger und in guter Laune verlassen wir die große Küstenstraße und nehmen die nach Osten führende schmale Nebenstraße P12. Zwar zeigt uns die Karte, dass bald ein etwa 15 km langes unbefestigtes Stück folgen wird, aber das kann uns doch nicht schrecken, wir sind ja vor einigen Tagen schon einen ganzen Tag auf Schotterwegen gefahren.
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Wir erreichen die besagte Strecke und fahren darauf munter weiter. Aber bald merken wir, dass diese Piste doch eine andere Sorte ist als die, die wir kennen. Die Fahrbahn ist zwar grob geschottert, aber die Grundsubstanz besteht aus purem tiefem Sand, in dem unsere schwerbepackten Tourenräder trotz breiten Reifen förmlich versinken. Auch wenn wir mit riesigem Kraftaufwand im kleinen Gang schrittweise uns vorwärts quälen, bricht der Spur immer wieder seitlich aus und wir müssen ständig damit rechnen, dass die Räder umkippen.
Wir schlängeln, keuchen, fluchen. Bis wir die ganze Scheußlichkeit dieses Weges begreifen, sind wir schon viel zu weit, um umzukehren. Wir sind in einer Falle und entkommen können wir nur vorwärts.
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Manchmal kommt ein Fahrzeug, meistens ein Lastwagen. Um nicht durch jedes einzelne Loch durchgeschüttelt zu werden, nehmen sie solche Wege mit hoher Geschwindigkeit. Dabei werden wir, und die ganze Welt um uns, in eine riesige undurchdringliche gelbweiße Staubwolke gehüllt, die sich erst nach Minuten verzieht.
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Wie man weiß, das Fegefeuer dauert nicht ewig. Bei uns waren es zweiundhalb Stunden für 15 Kilometer. Dann aber kommt die Belohnung, das Paradies: Der Weg setzt sich mit bestem Asphaltbelag, Sonnenschein und kaum zu glauben Rückenwind fort! Wir gleiten ohne Mühe wie im Traum dahin!
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Seit wir die Küste verlassen haben, hat sich die Landschaft verändert. Es ist nicht mehr so flach wie bisher, kleine Hügeln wechseln sich mit tieferen Flusstälern ab. Auch die Ausschließlichkeit von Nadelwäldern Kiefer und Tanne scheint vorbei zu sein. Mischwald mit Birken, auch mit einzelnen Eichen begleitet uns. Die zahlreichen freien Felder dazwischen sind alle bewirtschaftet, mit Hafer, Roggen oder Kartoffeln angebaut, die Wiesen sind gemäht. Öfter als vorher fahren wir an kleinen Dörfern oder an einzelnen Bauerhäusern vorbei, wo wir Menschen und Tiere sehen, alles Zeichen der dichteren Besiedlung. Auch Obstbäume, hauptsächlich Äpfel, sehen wir hier zum ersten Mal, seit wir in Tallinn losgefahren sind. Allerdings tragen diese Bäume keine Früchte. Ob sie zuviel Frost abbekommen haben?
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Der Baustil der Bauernhäuser ist auch anders geworden. In Estland haben wir viele, meist schön renovierte Holzhäuser gesehen. Hier ist eher der Mischbau aus Naturstein und Ziegel bevorzugt. Es ist eine Bauweise, die wir von Zuhause kennen: Die Türen und Fenster sind mit Quadersteinen eingerahmt, auch die Ecken sind aus Stein erstellt, die Wände dazwischen sind mit Ziegelsteinen gemauert. Hier ist es aber genau umgekehrt: Die Wände sind aus Stein und die Ecken und Öffnungsrahmen aus Ziegel. Ich merke, wie diese kleine Veränderung meine ästhetischen Vorstellungen durcheinander bringt.
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Ich habe so viele Störche vielleicht mit Ausnahme Spaniens noch nie auf einem Haufen gesehen. Sie plazieren ihre großen Nester mit Vorliebe in der Nähe der Menschen auf Strommasten und Schornsteine. Die jungen Störche haben die Größe der Erwachsenen schon fast erreicht. In manchem Nest stehen vier gleichgroße Vögel, man erkennt es nicht mehr, welche die Eltern und welche die Kinder sind. Futter scheinen die Tiere genug zu finden. Hier sind die Wiesen noch nicht mit Chemikalien durchsetzt, wie bei uns, was das Kleingetier gedeihen lässt. Auch die vielen kleinen und großen Seen, die in dieser Moränenlandschaft die Kuhlen ausfüllen, bieten den Störchen optimale Lebensbedingungen.
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Die Herberge in Limbaži liegt etwas außerhalb der Stadt an einem Seeufer. Eigentlich ist es ein Leistungszentrum für Ruderer und Kanuten, eine Einrichtung aus sozialistischen Zeiten, alles ist etwas abgenutzt und erneuerungsbedürftig, aber das Zimmer ist sauber, es hat ein eigenes Bad mit Toilette, ein Luxus, das wir hier nicht erwartet hätten. Der Zugang zu unserem Zimmer befindet sich in einem Raum, wo eben starke Männer, nur mit einem Handtuch bekleidet, von Masseuren bearbeitet werden.
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Zum Abendessen müssen wir in die Stadt zurück. Das Zentrum ist in dieser Frühabendstunde wie ausgestorben. Ab und zu kommt ein Auto vorbei gefahren, es sind Bauernjungs, die mit ihren Karren nach Abenteuer suchen. Hier werden sie wohl schwer fündig werden.
In der Herberge haben wir ein Prospekt gefunden, das die Vorzüge und Sehenswürdigkeiten des Ortes anpreist. Zum Speisen wird der Kellerlokal „Tris Kambari“ wärmstens empfohlen, bekannt „for delicious meals“. Nun, das so gelobte Etablissement ist ein düsterer Kneipenkeller mit lauter Technomusik, wo die besagte Jugend die Traurigkeit sich von der Seele trinkt. Wir weichen in ein Cafe gegenüber aus, wo wir die einzigen Gäste sind. Als besonderes Service wird das ewig laufende Soap-Opera im TV ungefragt für uns auf CNN umgeschaltet.
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