Andere Reisen


Riga
Gestern sind wir einmal quer durch die Stadt gefahren, allerdings haben wir dabei nicht mehr als kurze Eindrücke gesammelt. Wir bleiben heute in Riga, um die Stadt etwas näher anzuschauen.

Schon der erste Blick zeigt uns, Riga ist größer, schöner, lebhafter, als wir es uns vorgestellt haben.

Die im 12. Jahrhundert von deutschen Kaufleuten gegründete Stadt wurde bald danach Sitz eines Bischofs und Mitglied der Hanse. In den folgenden Jahrhunderten hat der Reichtum der Region bei den benachbarten Ländern Russland, Schweden und Polen Begehrlichkeiten geweckt, die in dem Großen Nordischen Krieg 1700-1721 gegipfelt haben, aus dem Russland als Sieger hervorgegangen ist. Ein großer Teil des Baltikums wurde danach russisches Herrschaftsgebiet. Ungeachtet dessen blieb Riga eine deutsche Stadt mit mehrheitlich deutscher Bevölkerung und Deutsch als Amtssprache.

Erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde Lettland unabhängig. Die Jahre bis 1940 waren für Riga eine gute Zeit. Dann folgte der Hitler-Stalin-Pakt, die russische Okkupation, später die deutsche Besatzung, Judenverfolgung, Zerstörung der Stadt durch Kriegshandlungen, erneute Okkupation, wieder durch die Sowjets. So ist es kein Wunder, dass die 1991 erneut erlangte nationale Unabhängigkeit für Lettland einen emotionsgeladenen Stellenwert hat, den wir kaum nachvollziehen können. Dass diese Unabhängigkeit jetzt durch den EU-Beitritt auch noch verbrieft und abgesichert wurde, erklärt auch die Begeisterung, womit der Beitrittsakt von der Bevölkerung begrüßt wurde.

Zuerst besuchen wir die Altstadt. Nach der Zerstörung und dem Verfall wurden die meisten Straßen, Kirchen und Paläste in einem beispielhaften Kraftakt in den letzten zehn bis zwölf Jahren wunderbar restauriert, so dass wir heute den ehemaligen Reichtum wieder bewundern können. Besonders um den zentralen Platz, das Rästlaukums, sind zahlreiche schöne Beispiele der alten Bauepochen zu sehen, wie das mächtige Rathaus, das Renaissance Haus der Schwarzhäupte, benannt nach einer Bruderschaft aus dem 14. Jahrhundert, oder die gotische Petrikirche.

Obwohl es noch früh am Tag ist, haben wir das Gefühl, mit der Besichtigung zu spät dran zu sein. Es tummeln sich hier solche Massen von hauptsächlich deutschen Touristen, wie wir es kaum erwartet hätten. Es sind nicht nur die vertriebenen ehemaligen Einwohner der Stadt, die hier die Stätte ihrer Kindheit einen Besuch erstatten, nein, es sind auch junge Leute aus allen Herren Ländern, die Riga für sich entdecken.

Zusätzlich zum täglichen Wahnsinn gesellen die Tausenden von Kurzbesuchern, die die im Hafen liegenden Kreuzfahrtschiffe über das Land ergießen. Diese Spezies sind ein Kapitel für sich. Da ihre Zeit knapp bemessen ist, rennen die Gruppen hinter Schilder tragenden Führern im Schweinsgalopp, ohne Rücksicht zu nehmen auf andere Menschen, die nicht zu der Gruppe gehören. So stelle ich mir die Bisonherde der Prairie vor, wenn sie losrennen.

Dieser Andrang ist wirklich lusttötend. Wir verlassen die Altstadt. Auf dem länglichen Platz Brīvības steht auf einer hohen Säule eine Frauengestallt, die drei Sterne hochhält. Es ist das Denkmal für die Unabhängigkeit Lettlands. Die drei Sterne sind Symbole der drei lettischen Regionen, Kurland, Livland und Lettgallen. Das Denkmal wurde schon während der ersten Unabhängigkeit des Landes 1932 errichtet und hat interessanterweise die Sovietzeiten als unverfängliches Freiheitsdenkmal unbeschadet überlebt. Jetzt ist der Monument Symbol von Freiheit und Unabhängigkeit Lettlands, und wird von uniformierten Gardisten bewacht, die zur Freude der Touristen sich stündlich ablösen.

An der Grenze zur Neustadt, wo früher die Stadtbefestigung mit Wassergraben lag, krümmt sich ein Parkgürtel, das Basteikalns und das Kronvaldaparks um die Stadt. Heute ist Sonntag, und die Stimmung könnte nicht sonntäglicher sein. Die Gartenlokale sind gut besucht, auf den Rasenflächen haben sich Familien mit vielen Kindern zum Picknick niedergelassen. Das stille Wasser des Stadtkanals ist mit bunten Tret- und Paddelbooten gesprenkelt.

An der Elizabietes iela setzen wir uns auf der Terrasse eines Esslokals. Ich werde wohl allmählich ein Fan der baltischen Küche, auch dann, wenn ich noch immer nicht sagen kann, was sie so gut macht. Vielleicht sind es das viele frische Gemüse und Obst, das meist roh zu dem fettarmen Fleisch und Fisch gereicht werden. Und wenn schon fett, dann sind es eher Sahne und Sauerrahm. Neben gängigen Getränken werden hier oft auch Milch, Kefir und Tomatensaft angeboten, und das alles für einen beschämend niedrigen Preis.

Wir lesen in einem Reiseführer, dass gleich um die Ecke, in der Strelnieku und Alberta, die größte Ansammlung von Jugendstilbauten ist, die sich auf der ganzen Welt befindet. Von wegen, denke ich, wieso hier in Riga?

Und dann stehen wir da, und ich will meinen Augen nicht trauen: Ganze Straßenzüge mit wunderbaren vier-, fünfstöckigen Palästen, von denen die meisten bestens restauriert sind. Sie sind mit pflanzlichen und figürlichen Ornamenten überreich dekoriert und präsentieren sich so, als wenn sie erst gestern, und nicht zwischen 1900 und dem Ersten Weltkrieg erbaut würden. Nein, so etwas habe ich tatsächlich noch nie gesehen! Wir laufen wie Schlafwandler herum und verrenken uns fast die Hälse dabei!

Später lesen wir, dass einige dieser Bauten von dem damals berühmten Rigaer Architekten Michail Eisenstein entworfen wurden. Er war der Vater von Sergej Eisenstein, dem genialen Filmregisseur. In diesem Fall gilt tatsächlich, dass der Apfel nicht weit vom Baum fällt.

Nebenbei bemerkt betrachten wir hier diese Wunderwerke so gut wie allein: Keine Touristen, kein Reisebus, keine galoppierenden Gruppen, nur beschauliche sonnige Nachmittagsruhe. Herrlich!

Beim Kaffeetrinken im Park Esplanāde hinter der russisch-orthodoxen Kathedrale schauen wir den von Müttern behüteten spielenden Kindern zu. Neben uns, auf schattigen Bänken, spielen die Männer Schach und trinken ihr Bier. Wenn ich über „Frieden“ ein Gemälde malen würde, es würde so ein Bild zeigen.

Zurück in die Altstadt: Die Besucherscharen sind abgezogen, es herrscht die normale beschauliche Ruhe. Jetzt können wir ungestört auf den alten, kopfsteingepflasterten Gassen schlendern und die alten Zeiten wie einen Film Revue passieren lassen.

Am Abend überlegen wir, wie unsere Reise weitergehen soll. Bis Riga haben wir von unserer Route mindestens eine vage Vorstellung gehabt. Von hier geht es bald nach Litauen und wir merken, dass unsere Informationen von diesem Land besonders lückenhaft sind. In unserem Reiseführer besteht Litauen fast ausschließlich aus der Hauptstadt Vilnius. Welche Strecke ist am besten für uns geeignet? Wollen wir überhaupt nach Vilnius, das im Südosten des Landes liegt, oder vielleicht schlagen wir die Richtung Südwesten ein, die an die Küste führt. Auch dort könnte es interessant sein.

Dann allerdings wäre es logisch, an der Küste zu bleiben und durch Königsberg nach Polen weiter zu fahren. Königsberg heute Kaliningrad, ist aber eine russische Enklave, und das bedeutet in diesem Fall, dass dort bürokratische Zustände herrschen, die inzwischen selbst in Russland zur Vergangenheit gehören. Im Internet wird berichtet, dass bei der Vergabe von Visas völlige Willkür herrscht und die Behörden keine Gelegenheit auslassen, die Alleinreisenden zu schikanieren, schröpfen und demütigen. Wenn ich diesen Berichten weiteren Glauben schenke, dann ist Kaliningrad auch nicht besonders sehenswert, da die Kriegsschäden hier besonders groß und die Neigung der Russen, eine alte deutsche Stadt wieder aufzubauen, besonders klein sind. So werden wir morgen doch in Richtung Vilnius fahren.