Andere Reisen

Von Riga nach Skaistkalne

Es gestaltet sich etwas schwierig, Riga mit Fahrrad nach Süden zu verlassen. Schon auf dem mehrspurigen südlichen Stadtring ist der Verkehr sehr dicht und hektisch. Wir versuchen – wo es vorhanden ist – auf dem Gehweg voran zu kommen, sonst bleibt nur die Fahrbahn. Da das Radfahren in Lettland noch nicht so verbreitet ist wie bei uns, tut man gut daran, sich nicht als vollwertigen Verkehrsteilnehmer zu betrachten und schon gar nicht irgendwelches Recht, wie beispielsweise das Vorfahrtsrecht zu beanspruchen. Nachher hat man zwar recht gehabt, ist aber plattgefahren.
Bevor wir das Stadtgebiet verlassen, versorgen wir uns mit Proviant in einem Supermarkt. Suzanne geht hinein, ich bleibe bei den Rädern und schaue zu, wie ein älterer Arbeiter mit einem langstieligen Besen die Metallfassade des Gebäudes abfegt und dabei den ganzen Dreck auf unsere Räder rieseln lässt. Ich bin sauer, schimpfe und bin

überrascht, als er sich auf Deutsch entschuldigt. Auch ich entschuldige mich jetzt für mein Schimpfen und so kommen wir ins Gespräch. Deutsch gelernt hat der Herr bei uns in Deutschland, wo er als lettischer Polizist in einem Hilfsprogramm als Fernmeldetechniker ausgebildet wurde. Jetzt ist er Rentner, aber die Rente reicht nicht zum Leben und nicht zum Sterben. So arbeitet er hier als Hilfskraft für 1,50 € Stundenlohn. Er bezeichnet es als eine gute Arbeit. Mit täglich sechs Stunden Arbeit verdient er im Monat etwa soviel, wie unser Zimmer in Riga für die zwei Nächte gekostet hat.

Der Anfang der Autoroute A7 ist autobahnartig ausgebaut, trotz regem Verkehr kommen wir auf der Standspur gut voran. Bald danach verengt sich aber die Straße und setzt sich als eine normale Landstraße ohne Seitenstreifen oder befahrbaren Bankett fort. Meistens ist sogar die Fahrbahnkante abgebrochen, die Erde daneben tief ausgewaschen. Dazu kommt der noch dichtere Verkehr, eine unendliche Prozession von Lastzügen, die in Berührungsabstand an uns vorbei rasen. Um die Widrigkeiten zu erhöhen fängt es an zu regnen, wir werden bald von den Autos in eine Wolke von Gischt aus Straßendreck gehüllt.

In einem Buswartehäuschen, wo wir vom Regen Schutz suchen, halten wir inne und überlegen, was für Alternativen wir zu diesem Irrsinn haben. Zufälligerweise ist es die Stelle, wo die schmale Landstraße nach Vecumnieki abbiegt. Wir wollen zwar nicht nach Vecumnieki, sondern nach Bauska, aber auch diese kleinere Straße hat so ungefähr unsere Richtung nach Vilnius, und wir würden jetzt sogar in ganz verkehrte Richtung fahren, nur um diese A7 zu entkommen. Als wir feststellen, dass hier kaum eins der Fahrzeuge abbiegt, wissen wir: Das ist unsere neue Route!

Der Regen hört bald auf, die Straße ist gut asphaltiert, das bäuerliche Land gefällig. Um uns nicht völlig zu verwöhnen verstärkt sich der Gegenwind, aber nach dem Erlebnis auf der Autostraße möchte ich mich über nichts mehr beklagen.

In Vecumnieki trinken wir einen Kaffee, wobei ich erwähnen möchte, dass der Kaffee, den wir auf dieser Reise serviert bekommen, überall – so auch hier – hervorragend ist.

Einer der Gäste, ein gutgekleideter älterer Herr mit Designerbrille, spricht uns an. Woher, wohin? Er ist Amerikaner, der vor Jahren aus diesem Dorf auswanderte. Jetzt ist er auf Heimatbesuch, und erzählt, dass er hier als privates Hilfsprogramm Schulspeisung organisierte, und dass es den Menschen, besonders in ländlichen Gegenden, noch an allem fehlt.

Wir kommen an der Grenze zu Litauen an. In dem Grenzdorf Skaistkalne bestellten wir uns telefonisch ein Zimmer, das wir in einem in Salacgrīva erhaltenen Prospekt entdeckten. In einem Gemischwarenladen erfahren wir, dass das Zimmer nicht im Dorf, sondern etwa 2 km östlich außerhalb liegt. Wir fahren auf der gezeigten Schotterpiste 5 km, und außer Wald finden wir nichts. Glücklicherweise kommt eine Frau uns entgegen, die wir fragen können. Sie sagt, wir müssen etwa 2 km zurück, und dann einen Waldweg nach Süden nehmen. Dort irgendwo im Wald müßte diese Adresse sein.

Wir fahren zurück, finden den einzigen schmalen Waldweg nach Süden. Es ist zwar kaum eine Wagenspur, aber einen breiteren Weg gibt es nicht. Wir folgen dieser Spur etwa 2 km, und finden kein Zeichen von menschlicher Behausung, nur tiefe, fast unberührte Wildnis. Dies kann also nicht der besagte Weg sein.

Wir sind abgekämpft, müde, verunsichert, ratlos. Uns bleibt wohl in dieser Lage nichts anderes übrig als nach Skaistkalne zurück zu fahren und dort uns nochmals und genauer zu erkundigen.

Bei dem ersten Haus frage ich noch einmal nach Krastmalas, wo sich unser Quartier sich befinden soll. Eine alte, zahnlose, Russin begrüßt uns herzlich, nicht weniger ihr junger Hund, der gefallen daran findet, den Salz von meinen verschwitzten Beinen zu lecken. Ich versuche, den Hund freundlich davon abzuhalten, aber der versteht wohl kein Deutsch, sage ich. Ja, Russisch auch nicht, lacht die Frau. Übrigens der Waldweg, dem wir folgten, war schon richtig, wir müssen nur dort weiter und weiter fahren, bis wir den Hof finden.

Voller Zweifel fahren wir wieder zurück und siehe da: Nur wenig weiter als wir vorher gekommen sind, lichtet sich der Wald und es taucht vor uns, wie im Märchen, das kaum noch vermutete Haus auf. Wir werden schon heiß erwartet und entsprechend herzlich begrüßt: Zimmer, Dusche, Sauna, Abendessen, alles bereit!

Nach dem wir uns vom Staub der Straße gereinigt haben, sitzen wir auf der Terrasse und genießen die paradiesische Ruhe, das Licht, und die zauberhafte Schönheit dieses versteckten Ortes. Die große, hölzerne Hauptgebäude ist umgeben von einigen kleineren Wirtschaftsbauten, einer Gartenlaube, sowohl einer Sauna, die traditionell – wohl aus Feuerschutzgründen – sich immer separat vom Haupthaus befindet. Vor und zwischen den Bauten sind Blumenbeete angelegt, wo sich Sommerblüten in dieser kurzen, aber warmen Jahreszeit in explosiver Pracht entfalten. Unter uns liegt eine abschüssige, blühende Wiese, und dahinter, kaum 100 m von uns, fließt der Grenzfluss Mēmele, der schon im Deutschlandlied besungene Memel.

Auch das einfache Abendessen, das uns serviert wird, lohnt eine Beschreibung. Zum panierten Schnitzel und Dillkartoffeln werden zweierlei Salate serviert, eine frische, und eine andere, die sauer eingelegt wurde. Ich könnte nicht sagen, welche die bessere ist, da beide hervorragend schmecken. Alles ist aus eigener Ernte selbst hergestellt, auch die Nachspeise, körniger Frischkäse mit wilden Preiselbeeren. Und noch etwas ganz besonderes: Zum Trinken bekommen wir Birkensaft gereicht! Er schmeckt frisch, etwa wie sauer gespritzter Weißwein. Es wird im Frühjahr von den Bäumen gezapft und leicht vergoren im ganzen Jahr, aber besonders im Winter gern getrunken, da es reich an Vitaminen ist. Es soll sowieso Wunder bewirken, man wird davon gesund, jung, schön und unwiderstehlich. Wir trinken davon etwa zwei Liter. Mal sehen.