Andere Reisen

In Anykščiai

Das Frühstück wird im Restaurant serviert. Dort ist in dieser Morgenstunde für etwa hundert Gäste feierlich gedeckt mit allem, was zu einem gediegenen Dinner gehört: Mehrfaches Besteck und Gläser, feines Porzellan, Tischdecke und Servietten aus Damast. Für uns zwei! In Fahrradhose!

Wir packen unsere Räder, checken die Ketten, die Speichen, und dabei trifft mich der Schlag: Im Hinterrad sind drei Speichen gebrochen! Wieso ich es nicht schon gestern merkte, ist mir unerklärlich! Wir haben nur das nötige Minimalwerkzeug, das Ritzelkranz abziehen kann ich jedenfalls nicht. Glück im Unglück, dass es hier, in einem Stadt passiert, und nicht draußen, in Niemandsland.

Die junge Frau in der kleinen Werkstatt ist lieb und hilfsbereit, aber der Meister hat heute frei, uns kann erst morgen geholfen werden. Als sie hört, dass wir nur wegen dieser Reparatur einen Tag länger hier bleiben müssten, fängt sie an zu telefonieren. Nach etlichen Gesprächen gibt es eine Lösung, nämlich jemand, der in der Nähe arbeitet und ab und zu hier aushilft, nimmt sich eine Stunde frei und macht die Arbeit. Wir können mein Fahrrad in einer Stunde abholen.

Um die Zeit zu überbrücken, schauen wir uns die Stadt doch noch an. Meine Einschätzung ist leider richtig gewesen, es gibt nur wenig zu sehen: Eine neugotische Kirche, ein überdimensioniertes Denkmal für einen Dichter namens Antanas Baranauskas.

All die Häuser und Hütten der Stadt haben an der Straßenseite eiserne Fahnenstangenhalter, manchmal sogar mehrere. Diese Einrichtungen kenne ich. Auch in Ungarn hatten wir, während wir fleißig an dem Kommunismus bastelten, ständig irgendwelche hohe Feiertage mit Flaggenpflicht. Mal wurde die siegreiche Oktoberrevolution gefeiert, Mal Stalins Geburtstag.

Als wir das Rad abholen wollen, haben wir die Bescherung: Die Räder an meinem Fahrrad sind mit Sicherheitsmüttern gesichert, die ohne einen Spezialschlüssel, den ich vergessen habe zurück zu lassen, nicht zu lösen sind. So ist der besagte Mensch gekommen, und weil er das Rad nicht abmontieren konnte, unverrichteter Dinge wieder abgezogen. So kann er die Reparatur erst am Abend durchführen. Ich kann das Fahrrad morgen früh abholen.

Nichts zu machen! Doof bleibt doof!

So kommen wir zu einem zwar nicht geplanten, aber vielleicht gar nicht so verkehrten Ruhetag. Ich fühle mich etwas lustlos, ich brauche ein wenig Zeit, um mich zu erholen.

Es ist auch Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Im Augenbliclk habe ich das ungute Gefühl, dass unsere Reise sich nach Riga verflacht hat. Wir stehen morgen auf in einem Ort, wo nichts zu sehen ist, und dessen Name uns schon entfällt, bevor wir sie gelernt haben. Dann streben wir recht mühsam einen zum Verwechseln ähnlichen Ort an, wobei die durchfahrene Landschaft in der Regel auch nicht viel hergibt. Das Ankommen an sich ist das Haupterlebnis des Tages, sowie das Wissen, dass wir unserem Ziel einen Stück näher gekommen sind.

Aber was ist das Ziel dieser Reise?

Als wenn sie meine Gedanken lesen könnte, fragt mich Suzanne:

„Was machen wir mit dieser Reise?“

Ich finde diese Frage sehr treffend. Wir müssen mit dieser Reise etwas machen. Vielleicht wäre es Zeit, ein Reiseziel zu setzen, zeitlich oder geographisch. Wir sind in Tallinn losgefahren ohne eine Route, einen Zeitrahmen oder ein Ziel fest zu schreiben. Uns fehlt etwas, was einem mühsamen, manchmal auch langweiligen Tag einen Sinn gibt. Natürlich geschah dieses Versäumnis nicht zufällig. Es hat schon seinen Reiz, in relativ unbekannten Gegenden frei herum zu fahren und sich von dem Vorgefundenen überraschen zu lassen.

Bis wohin wollen wir fahren? Bis Vilnius, bis Danzig, oder gar bis Berlin? Warum nicht nach Hause, bis München? Drei Wochen, vier Wochen, oder gar sechs? Ich merke, wie schon der Gedanke, ein Ziel zu haben, mich aufrichtet.

Trotzdem, auch diesmal bleibt es bei diesem vagen „mal sehen“.

Die Augenblicke der Unmut sind allerdings nur die eine Hälfte meiner Gefühle. Wenn nämlich – wie es meistens der Fall ist – alles gut läuft, und Suzanne flott vor mir herradelt, dann bin ich froh und glücklich darüber, dass es uns in unserem Alter noch vergönnt ist, überhaupt diese Erfahrungen zu machen.

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Am Nachmittag kommt ein Riesengewitter mit Blitz und Donner. Da in Litauen alle Autos mit Alarmanlagen ausgerüstet sind, und diese Geräte bei jedem lauten Donnerschlag losheulen, werden wir von lustigen Geräuschkaskaden unterhalten. Rrrrummsss!!! Hoi-hoi-hoi-hoi-hoi-hoi…

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Es ist doch der absolute Wahnsinn! Wir kaufen in dem Supermarkt unter anderem eine Flasche Mineralwasser. Erst zu Hause entdecke ich, dass die Flasche in Malsfeld, in einem kleinen hessischen Dorf bei Kassel, abgefüllt wurde! Kein Wunder, dass die Straßen in Polen – wie es erzählt wird – dem Lastwagenverkehr nicht mehr gewachsen sind, wenn einfaches WASSER von einem kleinen hessischen Dorf durch halb Europa in eine kleine ostlitauische Stadt transportiert wird, als ob es hier kein Wasser gäbe?! Welche hirnrissige Bestimmungen und Gesetze machen es möglich, dass jemand mit solcher Idiotie auch noch Gewinn machen kann?