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Von Anykščiai nach Visalaukė
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Ich habe schlecht geschlafen, schlecht geträumt. Es war wieder ein Fiebertraum, den ich in dieser Art schon seit meiner Kindheit kenne, und ich meistens bei hohem Fieber oder aber bei Narkose hatte. Es ist immer ein Sisyphus-Traum: Ich muss irgendwelche, meistens einfache Tätigkeit verrichten, die mir aber nicht gelingt. Dabei habe ich das Gefühl, dass von diesem Gelingen alles, meine ganze Existenz abhängt. Diesmal wollte ich im Traum meine Fahrradtaschen für die Weiterfahrt packen, es ging aber nicht, meine Klamotten haben irgendwelches sperriges Gerippe gehabt, die nicht in die Tasche passen wollten.
Warum diesmal dieser Traum? Ich weiß es nicht. Fieber habe ich jedenfalls keins.
Das Fahrrad ist fertig, es läuft prima. Gekostet hat es nur 5 €.
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Die Frau in der Werkstatt fragt, wohin heute die Reise geht? Als wir ihr sagen, dass wir nach Molėtai wollen, dreht sie ihre Augen gegen den Himmel und macht dazu mit ihrer Hand viele, viele Wellenbewegungen. Damit wäre die heutige Strecke treffend beschrieben. Wir durchqueren eine Moränenlandschaft mit vielen kleinen Seen und noch mehr steilen Hügelchen, die es in sich haben.
Die Beschaffenheit der Fahrbahn ist eigenartig. Es ist eigentlich eine doppelspurbreite Schotterpiste, in deren Mitte, also an Stelle des Mittelstreifens, man eine schmale Fahrtspur asphaltiert hat. Bei dem geringen Verkehr, das hier stattfindet, benutzt jeder diese Spur. Wenn sich zwei
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Fahrzeuge treffen, weicht jedes dem anderen halbspurig aus. Jedenfalls in der Theorie. In der Praxis ist es eher so, wie es bei den Ritterspielen des Mittelalters war: Wenn zwei aufeinander zurasen, gewinnt der mit den stärkeren Nerven. Fahrräder sind in dieser Sportdisziplin nicht zugelassen.
Die Landschaft ist schön. Wälder, Seen und steile Hänge verschönern nun mal die Gegend.
Ab Skiemonys ist die achterbahnartige Strasse in ganzer Breite asphaltiert. Manche der Kuppen ist so scharf, dass die Autos, wenn sie schnell fahren und nicht aufpassen, richtig abheben. Ich denke sogar, dass manche der
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Sportsfreunde aus Spielfreude direkt darauf drängen, möglichst weit zu fliegen. Das Ergebnis dieser Übungen kann man vor und nach dem Scheitelpunkt, wo die Ölwanne aufschlägt, als tiefe Rinnen im Asphalt sehen.
In Molėtai erkundigen wir uns in der Touristeninformation, wo wir unterwegs nach Vilnius eine Unterkunft finden. Etwa anderthalb Stunden von hier, vor Visalaukė, gibt es ein B&B-Haus, wo wir schlafen können.
Das Anwesen liegt östlich abseits der Landstraße, ein etwa zwei Kilometer langer Feldweg führt uns dahin. Dort finden wir am Ufer eines kleinen Sees ein besonders idyllisches Fleckchen Erde vor. Das Haus ist Neubau, Sauna am Ufer, am Steg liegt ein Anglerboot. Die Wirtsleute sind herzlich, aber etwas unbeholfen. Heute ist es sehr heiß, wir sind durstig, und sie fragen, ob wir etwas trinken wollen. Sicher
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wollen wir es! Am liebsten Wasser oder eine Flasche Bier! Bier haben sie aber keins, und Wasser wollen sie uns nicht zumuten. Wir sollen zwischen Tee, Kaffee und Kwas wählen. Da wir durstig sind, wählen wir das Kwas, ein aus Brot gegorenes, leicht alkoholisches, an Malzbier erinnerndes Getränk, was kalt getrunken genießbar sein soll. Dieses ist aber lauwarm und unappetitlich trübe.
Das recht große und aufwendig erbaute Gebäude wurde so entworfen, wie Kinder im Sandkasten ein Haus bauen. Es ist die alte Geschichte: Die Bauherren haben wohl einige hundert Euro an Architektenhonorar gespart, dafür für hunderttausend Euro Schrott gebaut. Alle Räume sind etwa gleich groß und haben ein Grundriß, der es fast unmöglich macht, sie zweckmäßig einzurichten. So können wir
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beispielsweise in unserm Zimmer das Bett nur dann verlassen, wenn wir über dem Fußbrett klettern. Dafür ist das Badezimmer so groß, dass man dort Tennis spielen könnte. Andererseits hängt der Spiegel nicht über dem Waschbecken, wo der hingehört, denn dort ist die Wand schräg, sondern drei Meter weiter, an der Wand gegenüber. Dabei erzählen die Wirtsleute fast rührend, welche große Anstrengung es erforderte, dieses Haus so zu bauen, dass sie den Anforderungen des westlichen Tourismus entspricht.
Das Abendessen ist sehr einfach: Kochwürstchen in Eierpfannkuchen eingerollt und mit geriebenen und gerösteten Kartoffeln leicht bestreut. Zwei Scheiben Gurke und eine Tomatenscheibe sind die Garnierung. Dazu Tee und einige selbstgemachte Plätzchen.
Nach dem Abendessen ist es noch hell. Wir sitzen am Seeufer und schauen dem abendlichen Treiben der Seebewohner zu. Es gibt hier Enten, Möwen und Haubentaucher, sowie viele andere kleinere Vögel, deren Namen ich nicht kenne. Fische, die springen, quakende Frösche, und jede Menge Insekten. Ein Storch kehrt mit gemächlichem Flügelschlag nach Hause. Das sind die Momente, in denen die naive Sehnsucht nach dem einfachen Leben, das in seiner idealen Form natürlich auch hier nicht existiert, sich kaum ertragen lässt.
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