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Von Visalaukė nach Vilnius

Bis Vilnius haben wir noch 45 Kilometer zu fahren. Die Schnellstraße A14 ist zwar kein ausgesprochener Radweg, aber sie hat einen etwa 60 cm breiten Randstreifen, und damit können wir leben. Aber je näher wir der Hauptstadt kommen, um so größer wird der Verkehr und um so schmaler und bröckeliger der Randstreifen, bis er dann völlig verschwindet. Eine unwürdige Zuführung in eine Hauptstadt! Allerdings ist man schon dabei, diesen üblen Zustand zu verbessern: Auf den letzten fünf Kilometern können wir die neue, großzügige Stadtautobahn benutzen, die uns über einer Brücke des Flusses Neris in Vilnius hinunter führt. Wir kommen von Norden, auf dieser Seite der Stadt gibt es keine Vororte oder Industriegürtel und wir

sind sozusagen von der Wiese plötzlich in der Stadt. Um uns stehen die repräsentativen Monumentalbauten Litauens, das Parlament, die Nationalbibliothek, die Universität, sowie Banken und Botschaften, alles etwas protzig, wie überall auf der Welt.

Unser Hotel, das E-Guest-House, liegt über der Stadt auf einem Hügel. Es ist heiß geworden, so lassen wir eine Menge Schweiß fließen, bis wir oben sind. Das Hotel ist ein Neubau, diesmal tatsächlich mit internationalem Standard. Zimmer mit Bad, Frühstück und Internetanschluß inklusive für 53 €, ein sehr guter Preis.

Wir machen uns stadtfein, und da die Altstadt keine zwei Kilometer weit ist, laufen wir zu Fuß dahin. Wir nehmen dort die erste Gelegenheit wahr, ein feines Mittagsmahl zu uns zu nehmen. Damit ist der gute erste Eindruck über Vilnius gesichert.

Als erstes besuchen wir die Touristeninformation. Es ist Samstag, kurz vor 16 Uhr, und damit sind wir die letzten Kunden, die Einlass finden. Das hauptstädtische zentrale Touristenbüro macht Samstag um 16 Uhr zu, Sonntag ist es sowieso geschlossen. Allerdings wenn ich betrachte, wie lustlos wir dort abgefertigt und letztendlich ohne Informationen schnell wieder heraus komplimentiert werden, könnte man die Einrichtung überhaupt zumachen.

Aus unserem Reiseführer können wir entnehmen, dass Vilnius die größte Ansammlung an Barockbauten hat, die auf der ganzen Welt zu sehen ist. Nun, auch wenn kleine Völker sich gern mit großen Federn schmücken, schon ein kurzer Spaziergang in der Stadtmitte zeigt, dass das Stadtbild von Vilnius tatsächlich stark von Barock geprägt ist.

Vilnius wurde im 14. Jahrhundert von dem litauischen Großfürsten Gediminas gegründet, der auf einem Hügel eine Burg bauen ließ, deren Spuren heute noch zu sehen sind. In den darauf folgenden Jahren hat sich Litauens Macht gefestigt, es wurden weite Gebiete in Russland erobert und – im Bündnis mit Polen – Angriffe des Deutschen Ordens abgewährt.

1569 trat Litauen seine Souveränität an Polen vertraglich ab. Es folgte eine Zeit von Frieden und Blüte. Die polnischen Jesuiten, die im Zuge der späteren Gegenreformation ins Land kamen, gründeten die erste Universität und entfalteten eine rege Bautätigkeit, deren Zeugnisse das Erscheinungsbild von Vilnius bis heute prägen.

Erst am Ende des 18. Jahrhunderts kam der nationale Niedergang. Nach der dreimaligen Teilung Polens im 18. Jahrhundert wurde Litauen russisches Hoheitsgebiet, bald wurde die Universität geschlossen und sogar der Gebrauch der litauischen Sprache als Schriftsprache verboten. Gleichzeitig erhöhte sich der Anteil der Russen und Juden in der Bevölkerung derart, dass die Litauer in Minderheit gerieten. Um 1900 waren von den 160000 Menschen in Vilnius etwa 75000 Juden. In dieser Zeit wurde die Stadt als „Jerusalem des Nordens“ apostrophiert.

1918 wurde das Land teils wieder unabhängig. Vilnius allerdings wurde von Polen annektiert, und zwar mit der Begründung, dass die Mehrheit der Bewohner Polnisch als Muttersprache sprächen.

1940 wurde Litauen, wie die andere baltischen Staaten auch, von den Sowiets okkupiert. Später kamen die deutsche Truppen. Die Juden von Vilnius, also fast die Hälfte der Einwohner, wurden systematisch ermordet.

Nach dem II. Weltkrieg wurde Litauen, wie die anderen Baltischen Staaten auch als Teilrepublik der Sowjetunion erneut einverleibt. Erst als das Sowjetreich zerfiel, wurde Litauen 1991 wieder frei. Heute hat Vilnius etwa 600000 Einwohner, davon 20% Russen und 5% Polen, nur einzelne Juden.