Andere Reisen

In Vilnius

Die Innenstadt ist mit Pilgern bevölkert, die mit gelben, orangenfarbigen und weißen T-Shirts uniformiert sich besonders in der alten Prachtstraße Aušros Vartų Gatvė drängeln. Am Ende dieser Straße erhebt sich das einzige übrig gebliebene alte Stadttor von Vilnius, das Aušros Vartai. In dem Turm direkt über dem Torbogen gibt es eine kleine Kapelle, in der das Ziel der Pilgerfahrten, ein wundertätiges Madonnenbild aus dem 16. Jahrhundert, sich befindet. Besonders viele Pilger aus Polen suchen hier ihr Heil für Seele und Körper.

Fast so zahlreich wie die Pilger, nur wesentlich unangenehmer, sind die vielen Bettler, die ihre Tätigkeit manchmal recht aggressiv ausüben. Besonders die erschreckend verdreckten und abgemagerten Jugendlichen und Kinder, die – offensichtlich mit Dope vollgedröhnt – mit laufender Rotznase und speicherndem Mund sich demonstrativ weinend vor den Passanten in Weg stellen und in den Lokalen die Gäste zäh belästigen, ohne dass der Kellner sie daran hindert.

In Vilnius laufen schon am Vormittag mehr betrunkene Menschen in den Straßen herum, als wir anderswo auf dieser Reise erlebt haben. Die Menschen sind auch nicht mehr so freundlich, wie beispielsweise in Estland, sondern eher laut. Ich merke, wie der anfängliche positive Eindruck, den wir von der Stadt hatten, zu bröckeln anfängt.

Wie zum Bach das Plätschern, so gehört das Heulen von Alarmanlagen zu Vilnius, und zwar im Chor, und das Tag und Nacht. Viele Geschäfte und alle Autos sind mit diesen Maschinen ausgerüstet, die ohne ersichtlichen Grund bestialische Töne von sich geben. Wenn vor einem Geschäft einer dieser Hörner um Hilfe schreit, und auch noch ein wild rotierendes Alarmlicht das Ort des vermeintlichen Einbruchs oder Überfalls anzeigt, nehmen die Passanten von diesem Spektakel keine Notiz. Manche scheinen diese Dinge richtig zu lieben. Wenn bei uns die Wagentür mit der Fernbedienung geöffnet oder geschlossen wird, ist der Vollzug dieses Vorgangs mit Blinken der Lichter angezeigt. Hier werden diese Lichtzeichen durch Aufheulen der Alarmanlage ersetzt.

Viele Fahrzeuge haben als witzigen Gag, einen Bewegungsmelder, der so eingestellt ist, dass er die vorbeigehenden Passanten oder die vorbeifahrenden Autos mit einem Zweisekunden-Aufschrei begrüßt. Ein solcher Wagen in einer belebten Straße hört gar nicht mehr auf zu witzeln.

Wir haben erlebt, wie an einem belebten Platz gleichzeitig zwei Geschäfte und drei Autos Alarm signalisierten. Ein Polizist, der unmittelbar daneben stand, hat für all diese Dinge keinen bösen Blick verschwendet.

Eine Fahrkarte für den Bus kostet etwa 30 Cent. Man kauft sie bei dem Fahrer, der in einer abgesperrten Kabine sitzt. Wie bei einem Bankschalter mit Schleuse, werfen wir das Geld in einen Blechbehälter, der dann nach innen gekippt wird. Anschließend bekommen wir die Karte auf derselben Weise. Dies alles um Raubüberfälle zu vermeiden. Mitten der Hauptstadt. Am hellichten Tag.

Ich beobachte, dass fast alle Fahrgäste Dauerkarte benutzen, mit Bargeld zahlt vielleicht einer von zehn. Das heißt aber, dass ich in meiner Hosentasche wesentlich mehr Geld habe als der Busfahrer in seinem hochgeschützten Geldbehälter. Ein merkwürdiges Gefühl.

Wir besuchen die Sonntagmesse in der Kathedrale. Der Bau ist schlichter Barock, der mächtige Turm, der neben der Kirche steht, ist gotisch. Die Messe ist gut besucht. Eine schöne Baritonstimme singt zu Orgelklängen Händel. Auch wir sind von der feierlichen Stimmung überwältigt.

Nach der Messe schauen wir die Grabkapelle des Nationalheiligen Kasimirs an, dessen Gebeine nach einer wahren Odyssee erst neulich, nach der Wende, hier Ruhe gefunden haben. In einer anderen, von sehr vielen Menschen besuchten Kapelle befindet sich ein offensichtlich wundertätiges Mariabild. Die Wände der Kapelle sind mit Hunderten von silbernen Votivzeichen vollgehängt. Der polnische Einfluss auf die hiesige Religiosität, so auch die übersteigerte Marienverehrung, ist allgegenwärtig.
Südlich von der Kathedrale liegt der Universitätenviertel, wo viele der erwähnten Barockbauten von Vilnius das Stadtbild bestimmen. Ob es von der nach Mörtel duftenden Makellosigkeit der frischrenovierten Monumentalbauten, oder – heute ist Sonntag – von den menschenleeren Straßen kommt, ich finde es hier ein

wenig steril und leblos, wie ein überdimensioniertes Architekturmodell. Dieses nordische Barock hat allerdings nichts mit der Fröhlichkeit und Farbigkeit des italienischen Hochbarocks zu tun, es wirkt auf mich immer ein wenig kalt und spröde.

Das Didžioji Gatvė ist die Hauptstraße vom alten Vilnius, Schon im 15. Jahrhundert wurden hier übernationale Märkte veranstaltet. Heute steht alles in Dienste der Touristen: Esslokale und Cafes in jedem zweiten Haus, Andenkenläden, Stände von Straßenhändlern, die kitschige Bilder und Kunsthandwerk verkaufen wollen. Und Tonnen von Bernsteinschmuck in jeder Größe und Form.

Um den zentralen Platz Vokiečių gatvė lebten früher die Juden, auch das Ghetto wurde hier eingerichtet, bevor die Einwohner systematisch ermordet wurden. Heute wird an diese noch gar nicht so lang vergangene Zeit nur mit einigen Erinnerungstafeln hingewiesen. Wir haben das ungute Gefühl, dass es von der heutigen Bevölkerung nicht gerade gern gesehen wird, an diese Zeit erinnert zu werden. Natürlich wurden die Juden weder von den Litauern noch von den Russen hingemetzelt, diese Schande ist und bleibt unsere Großtat. Ich lese aber, dass die Bürger heute Sturm

dagegen laufen, dass einige wenige ehemalige jüdische Einrichtungen wieder aufgebaut und diese Grundstücke jüdischen Organisationen zurück gegeben werden sollen. Der Ministerpräsident des Landes wird mit dem Spruch zitiert: „Wir sind doch nicht die Sklaven der Juden!“ Trotz oder mit diesem Spruch hat er die letzte Wahl haushoch gewonnen. Dagegen hilft auch das barocke Weltkulturerbe nicht.

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Auch in der Nacht heulen die Alarmanlagen. Es ist wie das nächtliche Hundegebell in den Dörfern: Es hat keine Bedeutung, aber man kann es nie wissen.