Andere Reisen

Von Vilnius nach Panošiškės

Wie geht es weiter?

Es stehen zwei Routen zur Debatte. Entweder fahren wir quer durch Litauen nach Nordwesten, zu der Hafenstadt Klaipėda, wo Fähren nach Dänemark verkehren, oder aber nach Südwesten, nach Polen. Wir entscheiden uns für die zweite Variante.

Der Weg aus der Stadt ist etwas stressig, der Verkehr ist dicht. Wir nehmen erst den Gehweg, später kommt ein Randstreifen dazu. Das Wetter ist ideal. Nach den zwei Tagen in Vilnius haben wir wieder richtig Lust, unterwegs zu sein.

Etwa nach 30 Kilometern erreichen wir Trakai, im 14. Jahrhundert Hauptstadt Litauens. Die heutige kleine Siedlung mit ihrer malerischen Lage auf einer langen Halbinsel mitten in einer Seelandschaft ist das Zentrum des gleichnamigen Nationalparks. Die Wälder und Seen der Gegend wären schon Grund genug, das Städtchen zu besuchen, aber die Hauptsehenswürdigkeit, die Trakai berühmt gemacht hat, liegt auf einer kleinen Insel, die nördlich der Stadt vorgelagert ist. Es ist das Schloss aus dem 14. Jahrhundert, ein mit Türmen und Mauern bewehrte märchenhafte gotische Burganlage aus rotem Ziegelstein.

Überwölbt von einem gigantischen Himmel bietet die Wasserburg mit ihren roten Dächern, die sich im Wasser widerspiegeln, ein Bild, das jedes noch so schönes Kalenderblatt übertrifft. Wir sitzen der Burg gegenüber am Seeufer und können uns von diesem Wunderwerk kaum wegreißen.

Nach dem wir uns in einem Gartenlokal am See verköstigen lassen, nehmen wir uns eine Menge Zeit, um die beschauliche Ruhe zu genießen. Danach fällt es uns recht schwer, wieder Fahrt aufzunehmen, aber es ist noch früh am Tag, wir wollen doch weiter. So bestellen wir uns telefonisch ein Zimmer und machen uns auf den Weg. Beim Verlassen des Dorfes merke ich, dass die Schwalben sich ganz wild aufführen, in dem sie laut zwitschernd in Tiefflug durch die Luft jagen. Soll es etwa bedeuten, dass es bald regnet?

Es ist jetzt erstmal heiß geworden, aber Panošiškės, wo unsere Unterkunft sein soll, ist nur zwei Stunden von Trakai entfernt. Allerdings liegt das Haus nicht im Dorf, sondern „etwas weiter draußen“. Ein etwa drei Kilometer langer Feldweg soll uns dahinführen.

Nun, wir haben gedacht, dass, was Feldwege betrifft, uns auf dieser Reise nichts Neues geboten werden kann. Ein Irrtum! Dieser Weg ist so weich und so wellig, dass wir wiederholt absteigen und schieben müssen. Wir kommen nur in Schneckentempo voran und fangen an zu zweifeln, dass hier außer Wiesen und Seen auch noch menschliche Behausungen zu finden sind. Doch dann erreichen wir unser Ziel, ein alleinstehendes Anwesen am Hang über

einem See, und wir werden für unsere Mühe mit einer besonders schönen Unterkunft belohnt. Das Gästehaus steht weiter unten, nahe dem Ufer, ein nagelneues Holzhaus in Blockbauweise, das erst in diesem Sommer fertig wurde. Zimmer, Küche Bad, und weil wir hier die einzigen Gäste sind, alles für uns alleine.

Seit wir Vilnius verließen, sprechen fast alle Menschen auch Polnisch. Auch mit unserer Wirtin, die uns ein einfaches Mahl kocht, kann ich mich ohne Probleme auf Polnisch verständigen. Nach dem Abendessen sitzen wir

vor dem Haus auf der Terrasse und schauen den Störchen zu, die nur zwanzig Meter vor uns entfernt mit gemächlichen Schritten die Wiese inspizieren. Der See und die Hügel dahinter sind von der tiefstehenden Sonne milchig-orangerot gefärbt. Eine friedliche, anheimelnde Abendstimmung wärmt unsere Seele.