|
|
|
|
|
|
|
 |
|
Der Morgen ist außergewöhnlich kalt. Wir ziehen uns so an, als wenn wir gar nicht Rad, sonder Hundeschlitten fahren wollten.
Bevor wir weiterfahren, schauen wir die Kirche des in 1602 gegründeten Dominikanerklosters an. Sie wurde im 18. Jahrhundert barockisiert, der Innenraum ist reines Rokoko.
Die Fahrbahn ist schmaler und der Verkehr etwas größer als es in den vergangenen Tagen, aber im weiten nicht so schlimm, wie wir es anhand von Horrormeldungen befürchteten. Auch hier begegnen wir einer typischen Moränenlandschaft mit vielen vielen Bodenwellen und unzähligen Teichen und Seen. Es ist ein schönes Land, vielleicht das schönste der bisherigen Reise. Nur verständlich, dass ein wesentlicher Teil davon als Nationalpark ausgewiesen ist.
Suwałki ist mit 65000 Einwohnern die größte Stadt der Region, sie liegt auf unserem Weg, sonst wäre ein Besuch schwer zu begründen. Wenn wir schon hier sind, fragen wir in dem Touristenbüro nach Übernachtungs möglich- keiten in der nächsten Stadt, in Olecko. In dem mit fünf
|
|
Personen besetzten Laden herrscht ein Betriebsklima, wie in einer Hafenkneipe. Da sie nicht wissen, dass ich sie verstehe, beschimpfen sie sich ungeniert gegenseitig, da keiner Lust hat, unser Anliegen zu bearbeiten. Schließlich wird die Aufgabe einem jungen Mädchen zugeschoben, das sich zwar bemüht, aber offensichtlich überfordert ist. Sie telefoniert viel und lang, dann hat sie für uns ein Zimmer in Olecko gefunden, im „Sporthotel Marathon“.
In einem einfachen Lokal nehmen wir das Mittagessen. Wir bestellen, was hier alle essen, nämlich Kartacze. Es ist ein länglicher Knödel aus Kartoffelteig, mit Hackfleisch gefüllt und mit Speck und geröstetem Zwiebel überstreut, also ein
|
|
 |
|
 |
|
deftiger Hungerstiller, den wir als hiesige Spezialität probieren wollen. Manche unseren Nachbarn essen fünf, sechs Stück von diesen Granaten. Wir bestellen uns je zwei. Eins hätte genügt.
Wir hören einem jungen Straßenmusikanten, einem Flötenspieler, eine Weile zu. Später frage ich ihn, woher er käme. Er ist Slowake, wir können uns sogar ungarisch unterhalten. Er reist seit Monaten durch Ost- und Nordeuropa, und erzählt, dass er sowohl in Litauen als auch in Polen von räuberischen Jugendlichen überfallen und ausgeraubt wurde.
Das Wetter bessert sich. An Stelle von Wiesen und Wäldern gibt es zwischen Suwałki und Olecko viel Getreide. Die Landstraße ist mit Alleebäumen begleitet. Mal sind es alte Pappeln, mal Vogelbeerbäume.
|
|
|
Wir erreichen Olecko, eine ziemlich unscheinbare Kleinstadt an einem schönen großen See. Das „Hotel Marathon“, wo für uns ein Zimmer reserviert wurde, ist kein Hotel, sondern eine Jugendherberge in einem Sportstadion. Es ist mit Schulklassen voll besetzt. Von einer Reservierung wissen sie nichts. Wir sind nicht traurig darüber. Einige Schritte weiter gibt es nämlich ein richtiges Hotel, wo wir ein schönes Zimmer bekommen. Haus „Masury“ hat auch ein Restaurant, wo wir unseren Hunger stillen können. Mehr Positives darüber lässt sich schwer sagen.
Nach dem Abendessen laufen wir die Hauptstraße hoch bis zur Stadtmitte, aber wir finden dort nichts Sehenswertes. Erst als wir am Rückweg die schmale Uferstraße nehmen, entdecken wir die Honigseite der Stadt. Dort an der romantischen Uferpromenade, wo alte Villen sich mit gemütlichen Lokalen abwechseln, wo im Schilfgürtel die Wasservögel miteinander streiten, wo Angler geduldig auf die Fische warten, und Familien mit Kindern mit einem Abendspaziergang den Tag abschließen, lässt sich die Tristesse des übrigen Ortes fast vergessen.
|
|
 |
|
|
|
|
|
|
|