|
Von Olecko nach Mikołajki
|
|
|
|
|
 |
|
Es ist Vollmond, und beim Vollmond soll sich das Wetter ändern. Und wahrhaftig, vor der Tür erwartet uns der Sommer. Nur der Wind, der weht uns schon entgegen, bevor wir losfahren. Wovon weiß der Wind, wohin wir fahren wollen?
Wir besorgen uns ein wenig Proviant in einem großen Supermarkt, was gar nicht so einfach ist: Das Angebot an Waren ist kläglich. Vor dem Markt sitzen Bauern aus der Umgebung, die ihr bißchen Obst und Gemüse oder selbstgepflückte Waldbeeren feilbieten.
|
|
Je weiter wir nach Westen kommen, um so schöner ist das Land. Auch die Wildblüten am Straßenrand scheinen hier ganz besonders gut zu gedeihen. Der Zustand der Fahrbahn wechselt sich zwischen hervorragend und miserabel, je nach dem, ob die Strecke seit der Wende schon erneuert wurde, oder noch darauf wartet, erneuert zu werden. Die letzte halbe Stunde vor Giżycko fahren wir auf einer stark befahrenen, randstreifenlosen Landstraße. Hinter uns bildet sich eine lange Autoschlange, aber dies scheint hier nicht ungewöhnlich zu sein. Die Autofahrer warten geduldig, bis sie uns überholen können.
|
|
 |
|
 |
|
Giżycko ist das größte Zentrum von Tourismus und Wassersport der Mazurischen Seeplatte. Suzanne hat gelesen, dass man von hier mit Schiff über mehrere Seen fahren, und dabei einen Einblick in die Schönheit dieser berühmten Seelandschaft bekommen kann. So fahren wir nach unserer Ankunft erst zum Seehafen, um zu schauen, wann und wohin wir ein Schiff bekommen. „In fünfzehn Minuten fährt ein Schiff nach Mikołajki!“ wird uns mitgeteilt, und bevor wir uns versehen, tuckern wir schon mit dem kleinen Ausflugsschiff in Richtung Süden.
|
|
|
Unsere etwa dreistündige Schiffahrt führt über sieben kleinere und größere Seen, die mit fünf schmalen Kanälen miteinander verbunden sind. Dies bietet ideales Terrain für alle Arten von Wassersport, bis auf Motorboote, die nicht zugelassen sind . Sowohl an den Ufern als auch auf dem Wasser herrscht reger Urlaubsbetrieb, der heute, am Freitag, von Wochenendbesuchern noch weiter verstärkt wird. Hunderte Segelboote, darunter auffallend viele alte Kähne, eins sogar mit Rahsegel, machen mich, selbst passionierten Segler, richtig neidisch. Wohin wir auch schauen, sehen wir Menschen, die paddelnd, segelnd, schwimmend, oder auch nur Ball spielend oder Bier
|
|
 |
|
 |
|
trinkend ihren Vergnügen nachgehen. Es ist merkwürdig, aber wie ich von dem Deck aus die sommerliche Urlaubsszene beobachte, fühle ich mich wie ein außenstehender Gaffer, der den Privatbereich anderer Menschen verletzt.
Unsere Mitreisende sind 90 % Deutsche, und fast 100 % Rentner. Wie wir. Furchtbar!
Da die Kanäle sich an etlichen Stellen mit sehr niedrigen Straßenbrücken kreuzen, ist unser Schiff so eingerichtet, dass der Führerstand und das Sonnendach dahinter beim Bedarf etwa einen Meter herab gesenkt werden können. Eine kurze Warnung vor der Brücke „Bitte auf den Kopf aufzupassen!“ und das Dach kommt bedrohlich herunter, als wenn wir flachgepresst werden sollten. Hinter der Brücke geht das Dach wieder hoch, so als wenn das Schiff aufatmen würde.
|
|
In Mikołajki ist der Bär los! Am Hafen ist ein großes Volksfest mit Buden, Fahrgeschäften und einer Musikbühne. Das Gedränge ist so groß, dass wir Schwierigkeiten haben mit den geschobenen Rädern das Schiff zu verlassen. Der angrenzende Segelhafen ist bis auf die letzten Plätzen besetzt. Urlauberfamilien mit vielen Kindern, vermischt mit dem jungen Seglervolk und Busladungen deutscher Rentner ergeben eine bunte Menschenmischung. Auf der Bühne gibt eine Gruppe von fünf jungen Männern Irish Songs zum Besten, und zwar wörtlich, die sind nämlich recht gut.
Abendessen bekommen wir in dem benachbarten Lokal „Bar Bart“, ein insgesamt empfehlenswertes Etablissement. Besonders das Eis-Früchte-Dessert, ein Gedicht, wird uns noch jahrelang in guter Erinnerung bleiben.
|
|
 |
|
|
Trotz Wochenende und Volksfest ist es völlig unproblematisch ein Zimmer zu bekommen. Nicht nur in der Stadt selbst sind viele Hotels und Gasthäuser, die auf die Gäste warten, auch in der nahen Umgebung wird auf Teufel komm raus gebaut. Und jedes dieser Neubauten trägt ein Schild in deutscher Sprache: „Zimmer“. Als wenn wir nicht den See überquert, sondern die Grenze nach Deutschland überschritten hätten, sprechen hier alle mehr oder weniger Deutsch. Und die Gäste kommen sowieso größtenteils aus Deutschland.
|
|