Andere Reisen

Von Mikołajki nach Olsztyn

Am Morgen fragt unser Wirt, ob wir zur Wolfschanze fahren wollen. „Wieso sollte ich zur Wolfschanze?“ frage ich, und er antwortet: „Alle Deutschen fahren zur Wolfschanze!“ So, so.

Heute wird wohl das Vergnügen beim Radeln etwas kurz kommen. Wir wollen nach Olsztyn. Wenn wir keinen riesigen Umweg in Kauf nehmen wollen, dann müssen wir die Nationalstraße Nr. 16 benutzten. Das ist die polnische Hauptverbindung zwischen Ost und West. Auch auf dieser „kürzeren“ Strecke beträgt die Entfernung etwa 90 Kilometer.

Am Anfang ist diese Straße überraschenderweise eine schmale Landstraße ohne Markierung, aber, vielleicht weil es Samstag früh ist, nur mit minimalem Verkehr. Die Luft ist lau, der Gegend wunderbar, so sollte es lange bleiben!

Unsere Begeisterung wird vor Marąngowo gebremst. Obwohl der Straßenbelag makellos glatt ist, macht mein Hinterrad wieder „plink, plink“, und wieder sind zwei Speichen gebrochen. Aber ich habe schon wieder Glück: kurz danach finden wir eine Werkstatt, wo das Rad repariert werden kann.

Ab Mittag kommt es, wie befürchtet. Der Verkehr wird schlagartig größer. Zusätzlich dazu eine unangenehme Begleiterscheinung: Der Asphalt des Straßenbelags, der für das Verkehrsaufkommen offensichtlich nicht ausreichend bemessen ist, wurde durch die Räder der Laster zu einem Wulst hochgedrückt, und zwar genau an der Linie, die wir normalerweise beim Radeln benutzen. Hier zu fahren ist unangenehm und nicht ungefährlich. Aus diesem Grund nehmen wir uns etwa 30 Kilometer vor unserem eigentlichen Tagesziel vor, die nächste Möglichkeit zur Übernachtung wahr zu nehmen. Aber wie so oft in solchen Fällen, bis Olsztyn finden wir nichts mehr, und so müssen wir diese Suppe bis zur Neige auslöffeln.

Olsztyn ist mit etwa 170000 Einwohnern die größte Stadt unserer Reise seit Vilnius. In dem II. Weltkrieg fast völlig zerstört, werden seit Jahrzehnten große Anstrengungen gemacht, die alte gotische Herrlichkeit der Stadt mindestens in Teilbereichen wieder herzustellen.

Wir betreten die Altstadt durch ein gotisches Stadttor aus rotem Backstein. Die Straße führt uns zu dem zentralen Platz Rynek mit dem Rathaus. Westlich davon thront auf einem Felsensporn das gleichfalls gotische Schloss aus dem 14. Jahrhundert, wo der große polnische Astronom Kopernikus drei Jahre lebte und arbeitete. Östlich von dem Stadtplatz erhebt sich die Kathedrale, Ende des 16. Jahrhundert. Die Stadt ist an diesem Samstagabend bunt belebt, die Tische vor den Lokalen voll besetzt. Da in dieser Zeit keine Fahrzeuge in der Innenstadt fahren dürfen, herrscht eine fröhliche, südländisch anmutende Stimmung.
Wir nehmen in einer zum Hotel umgebauten alten Villa ein Zimmer. Unter uns liegt der Stadtpark, wir hören die

Klänge des Sommerabends, Musik, Gesang, Lachen, Schäkern. Unmittelbar unter unserem Fenster lässt eine fröhliche Haschrunde den Joint kreisen, wir können den Grasduft mitgenießen. Von Zeit zur Zeit wird irgendwo jemand mit dem bekannten Lied „Sto lat“ hochleben lassen: „Hundert Jahre soll er leben!“