Andere Reisen

Von Ostróda nach Elbląg

Bevor wir weiterfahren, schauen wir im Hafen vorbei, vielleicht hat jemand seine reservierte Fahrkarte für das Schiff nicht abgeholt. Wie selbstverständlich bekommen wir zwei Karten. Als das Schiff losfährt, ist es nicht einmal halb besetzt.

Das Wetter ist kühl, der Himmel melancholisch grau. Unsere Reise auf den Seen und Kanälen ist 82 Kilometer lang und dauert elf Stunden, also einen ganzen Tag. Wir tuckern auf weiten Wasserflächen, deren Ufern mit Schilf bewachsen sind, ein Paradies für Reiher, Kormorane, Blässhühner, Haubentaucher, Enten und sonstigen Wasservögel. Die Kanäle werden täglich nur von zwei Schiffen – nämlich von unserem und von dem entgegenkommenden – passiert, so ist der schmale Wasserweg bis auf einer mittleren Rinne mit Wasserpflanzen zugewachsen. Oft werden die Bootsflanken von den weißen und gelben Seerosen berührt.

Nach Stunden passieren wir zwei herkömmliche Schleusen mit Handkurbelbetrieb. Das Wetter verschlechtert sich, ist immer windiger, diesiger und kälter. Länger können wir uns oben am Deck nicht mal in unseren wärmsten Klamotten aufhalten. Dazu müßten wir wie die Fischer am Nordsee dickes Ölzeug und handgestrickte wollene Unterhosen tragen. Unten im Schiffsbauch ist es zwar warm aber eng, stickig und, da die Fenster beschlagen sind, sieht man nichts von der Umgebung.

Pünktlich vor der ersten Sliprampe, wo unser Schiff auf ein tieferes Niveau herabgelassen wird, fängt es an zu regnen. Trotzdem stehen wir alle am Deck, das Show wollen wir alle genau sehen. Die Stimmung ist gespannt. Es kommt nicht täglich vor, dass wir samt Schiff an einem dünnen

Kabel hängend an einem grünen Berghang hochgezogen oder herunter gelassen werden. Eine ältere Dame muntert sich auf, in dem sie polnische Marschlieder leise vor sich singt.

Die Hebekonstruktion ist tatsächlich eine einmalige technische Attraktion, besonders kurios sind die großen Umlenkrollen mitten im Wasser, an denen das endlose Zugkabel seine Richtung wechselt.

Wir passieren noch weitere vier Rampen, von denen die längste über 50 Meter Höhe überwindet. Das Kabel ist mit einem Mühlrad angetrieben, der unvergleichbar weniger

Oberwasser braucht, als eine Schleuse benötigen würde, obwohl Wasser in diesem regenreichen Land kein Problem sein dürfte. Warum diese Lösung einmalig blieb und anderswo nicht nachgebaut wurde, kann ich nicht sagen.

Als wir um 19 Uhr in Elbląg das Schiff verlassen, stürmt und regnet es nach wie vor. Das Hotel, wo wir Zimmer reserviert haben, müssen wir lange suchen, da die meisten Straßen- und Hausnummerschilder fehlen. Das Haus ist eine Art Studentenwohnheim, aber das Zimmer ist nicht schlechter als die, die wir bis jetzt in Polen kennengelernt haben. Da wir bei diesem Wetter nicht mehr vor die Haustür wollen, nehmen wir das Angebot der hauseigenen Kantine wahr: Tomatensuppe und Hackbraten.

Obwohl wir den ganzen Tag nur herumgesessen haben, sind wir am Abend so müde, als wenn wir die Strecke von Ostróde mit Rad hintergelegt hätten.

Das Wetter vor dem Fenster entwickelt beängstigende Züge: wolkenbruchartige Dauerregen und ein Wind, der die alten Bäume wild gestikulieren lässt.