Andere Reisen

Von Elbląg nach Danzig

Nachts hat es weiter gestürmt. Ich habe geträumt, dass wir nicht weiter nach Westen fahren können, weil die Brücken über der Wisła vom Hochwasser zerstört wurden. Die Straßen sind von Kolonnen zugestellt, Menschen, die mit Kindern und Gepäck per Pferdewagen und Handkarren nach Westen wollen, wie wir. Das Bild kenne ich aus Filmen, die ostpreußische Flüchtlinge aus dem Jahr 1945 zeigen. Kein schöner Traum!

Der direkter Weg nach Danzig ist wieder ein Hauptverkehrsweg. Ich würde ihn nehmen, aber Suzanne weigert sich, diese Möglichkeit auch nur in Erwägung zu ziehen. Sie studiert die Karte und schlägt eine Variante über das Deltagebiet der Wisła vor. Ich bin skeptisch, da dieser Weg viele kleine Wasserarme überqueren muss, wo auf der Karte keine Brücken, sondern Fähren eingezeichnet sind. Ob diese Fähren alle in Betrieb sind?

Die sympathische Dame im Reisebüro beruhigt mich: Die Fähren fahren.

Wir lassen uns ein Zimmer in Danzig reservieren. Zuletzt kaufen wir in einem kleinen Gemischtwarengeschäft Mineralwasser, wobei der Besitzer uns eine ganz spezielle Sorte empfiehlt. Er ist Marathonläufer, seine Bestzeit ist 2:42, und dies verdankt er der Tatsache, dass er seit Jahren ausschließlich dieses Wasser trinkt. Wenn das keine Empfehlung ist?

*

Ich sollte in der Zukunft die Routenplanung Suzanne überlassen. Die von ihr ausgesuchte Strecke über das weite Marschland ist landschaftlich schön, der Straßenbelag gut, es gibt kaum Verkehr, sogar der Wind kommt von hinten.

Mittags sind wir oben an der Küste, wo die Badeorte sich wie Perlen aufreihen. Es ist hier sehr familiär, viele Kinder, die Sommerhäuser meistens einfach, oft selbstgebaut, die Nebenstraßen unbefestigt, holperig. Wie in den 50-er Jahren am Plattensee, wo ich als Schüler die Sommerferien verbrachte.

Leider erinnert mich auch das Mittagessen, was wir in einem Gartenlokal in Mikoszewo bekommen, an sozialistische Zeiten. Hier nur eine von vielen Fragen: Wie schafft man es, dass eine sauere Gurke weder sauer, noch nach Gurke, sondern nach Kernseife schmeckt?

Der Weg in die Stadt Danzig ist nur scheinbar kompliziert. Wir kommen auf den besagten Nebenstrecken recht nah an die Stadt ran. Dann folgen autobahnähnliche Straßen, die aber mindestens einseitig Gehwege besitzen, die wir mit dem Rad befahren können. Die letzten Kilometer haben sogar einen richtigen Radweg, und dann stehen wir vor der Altstadt mitten im Wahnsinn!

Wenn ich im Riga mich über die Touristenmassen beklagte, war es ein Irrtum! Riga war mit Danzig verglichen eine Oase der Ruhe und Beschaulichkeit! Jetzt stehen wir vor dem Grünen Tor und wollen – die Räder schiebend – auf den Platz Lange Markt, der hinter diesem Tor liegt. Es geht aber nicht! Die Dichte der Menge kann ich nur mit dem Gedränge auf dem Oktoberfest an einem sonnigen Samstagnachmittag vergleichen. Es geht nichts mehr!

Wir lassen den Langen Markt erst Mal liegen und versuchen auf Nebenstraßen weiter zu kommen. Leicht ist das auch nicht, auch die Gassen sind mit Verkaufsständen und Marktbuden vollgestellt. Schließlich finden wir ein Café, wo wir beim Lunch die ersten positiven und negativen Eindrücke verdauen.

Ich war schon Mal in Danzig. Das ist allerdings einundvierzig Jahre her. Damals lag die Stadt noch in Ruinen, nur der besagte Lange Markt, ein Teil der anschließenden Lange Straße, sowie einzelne Gebäude, wie die Marienkirche und das Krantor waren schon wieder aufgebaut. Ich hätte damals nicht geglaubt - und ich habe auch jetzt noch Schwierigkeiten, es zu fassen - dass die völlig zerstörte Stadt jemals in seinem alten Glanz aufersteht. Wenn man die alten schwarzweißen Fotos betrachtet, muß man sich sogar eingestehen, daß die Altstadt von Danzig heute baulich in einem so gepflegten Zustand befindet, wie das vor der Zerstörung nie der Fall war.

Danzig, oder wie heute polnisch heißt, Gdańsk, wurde um 1000 von Polen gegründet. Es dauerte etwa 200 Jahre, bis deutsche Kaufleute aus Lübeck die günstige Lage der Stadt für den Osthandel entdeckten, sich hier niederließen und die Stadt dem Hanse zuführten. Bald folgte der Deutsche Orden, der hier eine Burg hinstellte und die Gegend bis Mitte des 15. Jahrhunderts beherrschte. 1454 erhob sich die Bürgerschaft gegen die Mönche, jagte sie weg und machte die Burg dem Erdboden gleich. Um sich gegen äußere Feinde zu schützen, hat sich Danzig als Freie Stadt vertraglich unter die polnische Krone gestellt, und dabei sich gleichwohl einen Außenhandelsmonopol für ganz Polen ausgehandelt. Jedes Fass Salz, jeder Zentner Weizen, alles, was nach Polen kam oder Polen verließ, mehrte den Wohlstand Danziger Kaufleute. Von dem Reichtum zeugen heute noch manche pompöse Stadtpaläste.

Die goldenen Jahrhunderte haben 1793 ein jähes Ende gefunden, als bei der Teilung Polens Preußen die Stadt besetzten. Bis 1920 war Danzig Teil des Deutschen Reiches, wobei Deutsche und Polen in friedlicher Koexistenz miteinander lebten.

Nach dem I. Weltkrieg wurde Danzig wieder Freistadt, und als solche dem neugegründeten Völkerbund unterstellt.

Der Rest ist bekannt. Der II. Weltkrieg fing an, in dem am 1. September 1939 der deutsche Zerstörer Schleswig-Holstein auf den vor dem Hafeneingang liegenden polnischen Militärposten Westerplatte das Feuer eröffnete. Diesem ersten Schuß folgten viele Millionen andere, bis nicht nur in Danzig kein Stein auf dem anderen blieb.

Nach dem Krieg wurde die völlig zerstörte Stadt von den Polen in altem Glanz wieder aufgebaut, und zwar in einer Zeit, in der die Bevölkerung kaum was zum Essen hatte. Damit erübrigt sich über die ewige Frage, ob die heutige Stadt eine deutsche, oder eine polnische ist, jede Diskussion.

Wir fahren zu unserem Hotel. Es liegt etwas außerhalb, nördlich der Stadt. Wir verirren uns und so kommen wir zum Industriegebiet, wo der Danziger Werft steht, ein wahrhaft historischer Ort, ein Zentrum des Widerstandes gegen das kommunistische Regime. Als 1970 die Werftarbeiter streikten, wurde der Aufstand mit brutalem Gewalt niedergeschlagen, vierundvierzig Arbeiter starben unter den Kugeln des „Arbeiter- und Bauernstaates“. Zehn Jahre später streikten die Werktätigen wieder, und mit diesem Streik und mit der Gründung der Gewerkschaft Solidarność leiteten sie den Niedergang des kommunistischen Weltsystems ein. Neun Jahre später fiel dieser absurde Irrtum der Weltgeschichte in sich zusammen. Für die Ehre der Danziger Werftarbeiter erbaute man hier später ein Denkmal, das über den anderen Bauten der Umgebung sich in den Himmel erhebt. Es sind drei turmhohe Kreuze und Ankern aus grauem Beton, riesig und bedrückend.

Ich weiß es nicht, ob auf diesem Werft heute noch gearbeitet wird, oder ob es schon zugemacht ist. Das weitläufige Gelände modert in seinem Zerfall still vor sich hin.

Um das Werk sind straßenlang Werkswohnungen, alte Wohnhäuser, die billig hergestellt und nie renoviert wurden. Sie sind auch heute noch bewohnt. Viele der Männer stehen nur so herum, mit Bierflasche in der Hand, oder sie schrauben an ihren alten Karren herum. Wir sehen auffallend viele Kleinkinder, die zwischen den Häusern im Unrat spielen.

Nach diesem Umweg finden wir doch noch unser Hotel. Das „Dom Nauczyciela“ , „Haus der Lehrer“, ist wieder eine merkwürdige Einrichtung. Von außen gesehen ist es ein gediegenes Gründerzeithaus mit reich dekorierter Fassade. Innen ist es allerdings eine dieser Einrichtungen, in denen die sozialistischen Zeiten unbeschadet weiterleben. Es wäre mühselig aufzuzählen, was alles kaputt, versieft, gebrochen oder verdreckt ist. Eigentlich ist das ganze Haus eine Zumutung. Das Zimmer ist klein, trotzdem müssen wir unsere Fahrräder mit aufs Zimmer nehmen, weil die Hotelmanagerin zwar bereit ist, die Räder im Keller oder in einem Abstellraum einzusperren, aber sie meint, die Gefahr, daß diese Räume aufgebrochen und die Räder gestohlen werden, sei viel zu groß.