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Danzig
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Suzanne ist krank, sie hat eine Blasenentzündung mit starken Schmerzen. Wir fahren mit dem Bus in die Stadt und versuchen in mehreren Apotheken das nötige Medikament zu finden. Leider können wir nicht so gut Polnisch, und die Apotheker nicht so gut eEnglisch oder Deutsch, daß wir uns über medizinische Fragen verständigen könnten. Dann hat Suzanne eine gute Idee: Wir gehen in die benachbarte Buchhandlung, dort schauen wir in einem dicken Wörterbuch nach, wie Blase und Schmerz Polnisch heißen. So bekommen wir ein Mittel, hoffentlich das Richtige.
Am Vormittag sind die Straßen auch schon recht voll, aber nicht so schlimm, wie gestern.
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Im Stadtzentrum folgen wir dem sogenannten Königsweg, dem Weg, den die polnische Könige und ihr Gefolge feierlich abschritten, wenn sie die Stadt besuchten. Die schönsten und reichsten Bauten der Stadt befinden sich auf diesem Weg, oder in dessen Nähe.
Schon der Anfang ist ein architektonischer Paukenschlag, drei mächtige Stadttore hintereinander! Das älteste ist der wehrhafte Stockturm aus rotem Ziegel, Teil der ehemaligen Befestigungsanlage. Hier befand sich früher die berüchtigte Peinkammer der Stadt. Als Zeichen des Reichtums von Danzig stellte man später unmittelbar vor und hinter das Stocktor zwei weitere Prunktore hin: Das Hohe Tor aus der Renaissance und das barocke Goldene Tor. So sind es drei imposante Torbögen, die den Anfang des Königsweges bilden.
Hinter den Toren öffnet sich die Lange Straße, die Prachtmeile von Danzig, die ein wenig erweitert in den Langen Markt mündet. Der Königsweg wird von dem jenseitigen Stadttor, dem Grünen Tor abgeschlossen.
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Es würde Bücher füllen, all die Wunderwerke, die diesen Weg säumen, detailliert zu beschreiben, so möchte ich nur einige Bauten kurz erwähnen. Da die Glanzzeit der Stadt in der Renaissance liegt, sind die meisten Bauten Perle dieses Baustils. So das Rechtstädtisches Rathaus mit dem hohen spitzen Turm, 1556 fertiggestellt. Daneben steht der Artushof von 1480, eine Versammlungshalle der reichen Kaufleute, wo sie Politik betrieben und Geschäfte tätigten. Davor der berühmte und tausendfach fotografierte Neptunbrunnen. Zahllos sind die palastartigen Häuser der reichen Kaufmannfamilien, wie das Ferberhaus, das Schuhmannhaus, in dem heute das Touristenbüro untergebracht ist, oder das Goldene Haus der Familie Speymann, dessen Fassade durch und durch mit Blattgold verziert ist.
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Das Wahrzeichen der Stadt steht am Ufer der Mottlau, das 1440 erbaute Krantor: Zwei Backsteintürme unterstützen die mittlere hölzerne Hebekonstruktion, die dem Tor den Namen gab. Eine Lauftrommel mit fünf Meter Durchmesser, die Sträflinge antreiben mußten, ermöglichte bis zu vier Tonnen schwere Lasten zu heben.
Die Hauptkirche der Stadt, die Marienkirche ist die größte Backsteinkirche der Welt. Der Grundstein wurde 1343 gelegt. Als die dreischiffige Hallenkirche 160 Jahre später fertig wurde, bot sie für mehr Menschen Platz, als die Stadt Einwohner hatte.
Zuletzt möchte ich die Große Mühle erwähnen, in ihrer Zeit die größte Getreidemühle der Welt. Am Anfang des 14. Jahrhunderts leiteten die Ritter des Deutschen Ordens, um ihre Burg mit Wassergräben zu schützen, den Fluss Radaune um. Sie waren es auch, die an dem neuen
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Wasserlauf die Große Mühle bauten. Das heutige gotische Gebäude ist aus dem Jahr 1350. In dem stattlichen Bau mahlten nicht weniger als 18 große Wasserräder Korn. Das Getreide und das Mehl wurden unter dem riesigen Dach gelagert. Auch die städtische Wasserversorgung wurde aus dem Radaunekanal bedient. Im 17. Jahrhundert gab es in der Stadt über 600 Wasserentnahmestellen, die alle aus einem zentralen Röhresystem gespeist wurden. Auch der Neptunbrunnen erhielt das Wasser aus der Radaune.
Ein älterer gut gekleideter Herr spricht uns an, als er uns Deutsch sprechen hört, und fragt, wie uns Danzig gefällt. Wir loben die Schönheit der Stadt. Er sagt, Danzig ist und bleibt eine deutsche Stadt und dann erzählt er ziemlich atemlos, wie furchtbar es ist, als Deutscher unter den bösen Polen leben zu müssen, und fragt, ob wir ihm, einem „echten Danziger Landsmann“, mit ein paar Euro behilflich
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sein könnten. Ich gebe ihm etwas, um ihn los zu werden, und denke dabei, offensichtlich kann man heute in Danzig ganz gut davon leben, dass man sich der Vorurteile, die deutsche Touristen über die Polen haben, hemmungslos bedient.
Ich habe noch nie so viel Straßenkünstler auf einem Ort versammelt gesehen, wie hier in Danzig. Dabei ist die Bezeichnung „Künstler“ vielleicht nicht die richtige. Es gibt zwar einige ganz unterhaltsame Musiker, meistens in Volkstracht, die Volksweisen zum Besten geben, aber die meisten sind nur kurios. Vollgekiffte Spontankünstler, die ihre armen Gitarren malträtieren, traurige Russen mit Dudelsack, Kaschuben von der Küste und Góralen aus den Bergen, die zwar malerisch angezogen, aber kaum spielen können. Überhaupt scheint das Optische wichtiger zu sein, als alles andere. Wie sonst sollte man die Straßenkünstler interpretieren, die sich zwar verkleiden, aber sonst überhaupt nichts können? Sie machen weder Pantomime,
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stellen keine Statuen dar, sie stehen nur so herum, lächeln freundlich und hoffen dafür ein paar Cent zu bekommen. Es gibt alles, was man vorstellen kann. Auf jeder Ecke steht ein Gespenst, ein Burgfräulein, ein Gorilla, ein Seeräuber, Kreuzritter, Indianer, galaktische Krieger oder Pharaone. Ob hier der Fasching im Sommer gefeiert wird?
Wir setzen uns ein wenig abseits der Touristenströme in ein Café, wo eher die Einheimischen die Nachmittagsonne genießen. Auch uns bemächtigt diese friedliche Stimmung und plötzlich haben wir das Gefühl, es ist der richtige Zeitpunkt, diese alles in allem schöne Reise hier zu beenden. Was kann nach einer so großartigen Stadt kommen, was eine weitere Steigerung bringen könnte? Mit allen seinen alten, ehrwürdigen Bauwerken ist Danzig ein richtiger Paukenschlag am Ende einer etwas fremdartigen Symphonie aus tausend Eindrücken. Ähnlich wie bei dem Musikstück, der aus vier Sätzen besteht, reihen sich für uns diese vier Länder zu einem Ganzen. Welches der Länder uns am besten gefallen hat, ist genau so schwer zu beantworten, wie die Frage, welcher Satz einer Symphonie der schönste ist. Auch dabei haben wir alle unsere individuellen Vorlieben.
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Ende
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