7. Tag: In Gruissan

Freitag, 31.08.2007
Der Wind heult ohne Pause und Unterlass! Will es denn nie mehr aufhören? Wir hätten es wissen können: Alle Beschreibungen über Languedoc und Roussillon nennen das Land um uns von Sonne und Wind geprägt.
Jetzt haben wir allerdings ein Problem: Wir wollten eigentlich von hier nach Nordwesten fahren, grob in Richtung Mazamet und Castres. Diese Ziele liegen genau dort, wo dieser abartige Wind herkommt!
Wir suchen erst nach Frühstück. In Montredon-des-Corbiéres finden wir einen Bar. Wir bestellen zwei Milchkaffees und bekommen lauwarmer Milch, in dem unauflösbare Klumpen von irgendetwas schwimmen. Die unappetitliche Brühe schmeckt noch am ehesten nach Karamell. Dafür zahlt man 5 Euro. Auch so was gibt in Frankreich!
Vor dem Bar steht ein Schild, der einen Fahrradweg nach Narbonne anzeigt. Kurz entschlossen ändern wir unseren Plan. Wenn wir es nicht schaffen, gegen diesen Wind anzukommen, dann wollen wir halt mit dem Wind fahren. Das neue Ziel ist Narbonne.

Radweg hinter Montredon-des-Corbiéres

Vor Narbonne

Vor Narbonne

Die altehrwürdige Stadt Narbonne liegt vor dem Weinbergen auf dem flachen Küstenland. Der Stadtansicht wird von dem weitsichtbaren Gebäudekomplex der Chatedrale und des Bischofspalast beherrscht.


Narbonne

Narbonne, Platz vor dem Rathaus
Narbonne war in der Römerzeit Provinzhauptstadt und hat einen bedeutenden Seehafen gehabt. Im Mittelalter hat sie als Bischofsstadt ihre Bedeutung behalten. Auch im Kreuzzug gegen den Katharer stand sie an der Seite der Mächtigen, so wurde sie nicht zerstört. Das wirtschaftliche Aus kam im 14. Jahrhundert, in dem der Hafen versandete. Dieser Bruch kann gut an der Hauptkirche der Stadt, an der Cathédrale St-Just et St-Pasteur sehen. Die heutige große Kirche ist nur der Chor des eigentlich geplanten, aber aus Geldmangel nicht mehr ausgeführten Riesenprojektes.

Reste von der Römerstraße Via Domitia vor dem Rathaus, Narbonne

Narbonne, Cathédrale St-Just et St-Pasteur

Narbonne, Cathédrale St-Just et St-Pasteur

Heute ist Narbonne eine sehr schöne Stadt mit auffallend freundlicher, eher kleinstädtischer Atmosphäre. In dem burgartigen Palast der Bischöfe regiert heute der Bürgermeister.


Narbonne, vor dem Rathaus


Narbonne, Altstadt

Sogar in der Stadt weht ein stürmischer Wind. Hört ihr das Heulen und Flattern?

Am Nachmittag setzen wir unseren Weg zur Küste fort. Das Meer liegt heute etwa fünfzehn Kilometer von der ehemaligen Hafenstadt entfernt. Wir finden eine schöne Radpiste an dem Canal la Robine entlang. In Frankreich wurden in den letzten Jahren viele neue Fahrradwege angelegt und ausgeschildert, die uns jetzt zugute kommen.


Wir verlassen Narbonne

la Robine

Am Canal la Robine

Der Küstenabschnitt vor Narbonne ist noch vor fünfzig Jahren nicht mehr als eine einsame Sumpfgebiet gewesen, wo die Bewohner dem Fischfang nachgingen. Dann kam der Touristenwelle, besser Touristen-Tsunami, die das Bild des Landstriches veränderte.


Das alte Gruissan

Das Küstenstädtchen Gruissan ist Produkt dieser Entwicklung. Es besteht aus zwei Teilen, die miteinander wenig zu tun haben scheinen. Die Altstadt, die ringförmig um einer Burg erbaut wurde, befand sich früher auf einer Insel, die heute verlandet ist. Um dieser alten Siedlung hat sich die Neuzeit ergossen: Feriensiedlungen, Hotelburgen, Yachthäfen mit unendlichen Mastwäldern, und Baustellen neben Baustellen; es wird heute noch fleißig weitergebaut. Diese riesige Kapazität an Ferieneinrichtungen, die übrigens nicht nur hier, sondern Hunderte Kilometer lang an der Küste entstanden und entstehen, sind umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass heute, am 31. August, ist Saisonende, und wir merken, wie die Stimmung schon heute in das Herbstliche, in die Melankolische neigt. In vier Wochen ist hier alles so gut wie leer, und das für die nächste acht Monate.
Der stürmische Wind macht uns – auch als Seitenwind – müde und ratlos. Es pfeift so laut, dass man die eigene Stimme kaum hören kann, die Augen brennen, zwischen den Zähnen knirscht der Sand. Wir brauchen eine Besinnungspause und so nehmen wir in Gruissan für zwei Tagen ein Hotelzimmer.


Unser Hotel in Gruissan