Die Nacht habe ich unruhig verbracht. Die bevorstehende Reise macht mir so kurz vor dem Start mehr Sorgen, als ich erwartet hatte. Die Planung und die Vorbereitungen haben mir viel Spaß gemacht, aber als ich heute nacht aufgewacht bin, sind die Bedenken stärker gewesen als die Freude darüber, dass die Zeit endlich da ist loszugehen.
Ich bin nicht mehr der Jüngste, habe Übergewicht, Arthrose in beiden Knien, werde vom Senkfuß geplagt, mein Blutdruck ist gefährlich hoch, und seit Jahren habe ich chronische Kopfschmerzen. Nicht gerade die besten Voraussetzungen, um mit einer schweren Last auf dem Rücken fast dreitausend Kilometer zu laufen. Vielleicht schaffe ich es gar nicht, so weit zu kommen, und es wird mir ähnlich ergehen wie den Ameisen in dem Gedicht von Ringelnatz:
In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee,
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.
Meinen Rucksack habe ich schon gestern gepackt. Es hat Tage gedauert, bis ich die Ausrüstung zusammen hatte, die ich jetzt mitnehme. Bei der ersten Auswahl kam eine solche Menge von Gegenständen zusammen, dass ich das Gepäck kaum heben, geschweige denn tragen konnte. Dabei waren es ausschließlich Dinge, von denen ich meinte, nicht ein einziges entbehren zu können. Nach mehrmaligem Umpacken und Wiegen ist von allem etwa die Hälfte übrig geblieben. Trotzdem wiegt der volle Rucksack mit Proviant noch immer siebzehn Kilo. In der einschlägigen Literatur werden zwölf Kilo als Maximum empfohlen. Es ist mir ein Rätsel, wie man mit zwölf Kilo auskommen kann. Nach allen Vorbereitungen bin ich jetzt startbereit. Jetzt heißt es noch frühstücken, und dann geht es los! Aber das Frühstück will mir nicht so gut schmecken wie sonst. Die Aufregung lässt den Magen schrumpfen.
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Der Regen ist jetzt wolkenbruchartig. Gestern abends in meiner Unterkunft hätte ich mich gefreut, wenn das Wasser aus der Dusche nur halb so stark gelaufen wäre wie jetzt vom Himmel. Als es dann auch noch zu blitzen und zu donnern anfängt, während ich mich mit meinen metallenen Wanderstöcken auf einer offenen Wiese befinde, bekomme ich Angst. Die Sache wird langsam unheimlich.
Seit geraumer Zeit kreist ein Hubschrauber über mir, mal höher, mal tiefer. Dann ist er weg.
Plötzlich hupt jemand hinter mir. Was ist los? Das ist doch ein Fahrradweg, hier dürfen doch keine Automobile verkehren?! Doch, sie dürfen! Zwei VW-Busse vom Bundesgrenzschutz fahren im Schritttempo hinter mir her. Ich mache Platz. Sie überholen mich, bleiben aber nach wenigen Metern stehen. Die in den Fahrzeugen sitzenden Beamten, etwa zwölf an der Zahl, erwidern meinen Gruß und denken sich ihr Teil.
Am Abend schalte ich den Fernseher ein. Die Nachrichten verkünden, dass am morgigen Tag Atommüll von Bayern nach Niedersachsen transportiert werden soll. So ist das also! Jetzt verstehe ich erst, was die heutige Hubschraubershow und der danach folgende Besuch der Grenzschützer auf sich hatte! Ich, ein einsamer Wanderer in roter Regenpelerine, bin ein Sicherheitsrisiko gewesen!
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Da mein Anorak, den ich seit Kassel jeden Tag getragen habe, anfängt penetrant zu duften, wasche ich ihn in der Duschkabine. Die Methode ist einfach: Das gute Stück wird beim Duschen mit den Füßen geknetet. Dabei wird das Wasser so schwarz, als wenn ich einen Blumenkasten ausgespült hätte.
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Das Städtchen Lauda hat einen hässlich wuchernden Außenbezirk und eine schöne alte Innenstadt. Vor der Stadtkirche treffe ich einen alten Pfarrer. Ich spreche ihn an, sage, dass ich ein Jakobspilger bin, und bitte um eine Bestätigung in meinem Pilgerpass, dass ich hier gewesen bin. Der alte Herr bittet mich, ihn zu seiner Wohnung zu begleiten. Dort begrüßt mich eine liebe alte Dame, seine Haushälterin. Sie sind beide schon über achtzig Jahre alt, und wie sie sagen, dankbar für jeden Tag, den Gott ihnen schenkt, beisammen sein zu dürfen. In der mit alten Möbeln eingerichteten Wohnung steht die Zeit schon seit langem still. Die zehn Meter, die ich zwischen Eingangstür und Wohnzimmer durchschreite, genügen, um das Heute in Gestern und die Hektik der Straße in beschaulichen Frieden zu verwandeln.
Ich bekomme meinen Stempel, und dabei erzählt der Pfarrer, dass zu seinen Familiendokumenten auch der Wanderpass seines Vaters gehört, der als Wandergeselle am Anfang des Jahrhunderts drei Jahre unterwegs gewesen ist. Man kann heute anhand der Stempel rekonstruieren, wo er sich damals überall aufhielt. Er findet es sehr lobenswert, dass auch ich mich auf einen so langen Weg aufgemacht habe. Ich bin stolz darüber, dass er mich indirekt mit seinem Vater vergleicht. Beim Abschied von den beiden lieben alte Menschen denke ich, wenn sich das Alter auf solche Weise zeigt, dann möchte auch ich alt werden.
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In Creglingen finde ich schnell ein Gasthaus. Die Wirtsleute sind sehr alt, das Zimmer ist einfach. Das Treppenhaus riecht süßlich nach einem Kater.
Vor dem Schlafengehen trinke ich in der Gaststube einen Schlummerschoppen. Die Wirtin fragt, was mich hierher bringt, und ich erzähle ihr über meinen Pilgerweg.
„Das könnte ich nicht mehr“, sagt sie. „Ich kann höchstens noch zum Friedhof. Und nur abwärts, weil ich es mit dem Rücken habe. Mein Mann kann besser aufwärts, wegen den Knien, er kann abwärts nicht. Ich kann abwärts besser als er. Aber nach … wohin wollen Sie? Nach Spanien? Nein, nein, das könnte ich nicht!“
Wie aufs Stichwort erscheint der alte Ehemann, etwa achtzig, und sagt:
„Rhodos.“
„Das ist aber in Griechenland, nicht in Spanien!“ sagt die Frau.
„Ja, Rhodos“, beharrt er, „wir waren auf Rhodos. Urlaub. Auf Rhodos. Ja.“
Seine Frau zieht ihn in die Küche zurück. Auch ich gehe schlafen.
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Schon nach den ersten paar hundert Metern bin ich in der kalten und doch feuchten Luft nassgeschwitzt. Auch der Rucksack drückt mich heute besonders schwer.
Es reicht mir!!! Diese ganze Unternehmung ist etwa so ein Genuss, wie Steine zu schleppen! So bescheuert kann doch kein Mensch sein, dass er sich mit einer sauschweren Last auf dem Rücken einen ganzen Tag abquält, während er mit dem Bus dieselbe Strecke in zwanzig Minuten gefahren wäre!
Ich bleibe voller Wut stehen, lasse den Rucksack vom Rücken auf den Boden rutschen. Dann fasse ich den Trageriemen mit beiden Händen an, und nach einer Umdrehung werfe ich dieses verdammte Miststück nach bester Hammerwerfermanier in die Büsche!!!
Das beruhigt mich etwas. Ich hole den Rucksack aus dem Gestrüpp, trinke nachdenklich einige Züge aus der Wasserflasche, und siehe da: Es hört auf zu regnen! Nicht, dass ich jetzt Freudensprünge mache, aber ich kann den Regenponcho ausziehen.
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In dem kleinen Dorf Sulmingen steht eine einfache, etwas unbeholfen wirkende Statue, ein Denkmal für einen gewissen Ulrich Schmid. Er soll während des Bauernaufstandes im 16. Jahrhundert das Volk aus der Umgebung gegen die Obrigkeit in den Kampf geführt haben. Aber Herrschaften, wo sind wir denn eigentlich? Doch nicht etwa in der alten DDR? Der Mann war doch ein Kommunist!
In Mettenberg machen wir im Dorfgasthaus Mittagspause. Außer uns sitzen
sechs, sieben einheimische Männer in der Gaststube, die in dieser relativ frühen Nachmittagsstunde schon ziemlich betrunken sind. Wie es aussieht, wird der heutige Frühschoppen in einen Dämmerschoppen münden. Was sie miteinander reden, verstehe ich nicht. Das kann sowohl mit dem Alkohol als auch mit dem hiesigen Dialekt zusammenhängen.
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In Michelberg, auch so eine Fünfhäusersiedlung, ist ein alter Mann dabei, die Bäume zu schneiden. Wir grüßen uns, und er sagt noch etwas, was ich wegen seines ausgeprägten Dialekts erst nicht verstehe. Ich muss nachfragen. „Wohl schwer beladen?“ soll es, auf meinen Rucksack bezogen, geheißen haben. Woher, wohin? Ich sage, dass ich ein Jakobspilger bin, aus Kassel komme und bis nach Spanien laufe, wenn Gott es so will. Ich lobe die Schönheit des hiesigen Landes, worin er mir nach sichtlich zufriedenem Rundblick beipflichtet. Ja, es ist wahrlich sehr schön hier!
Ich erkundige mich nach der Sorte und Art der Äpfel, die auf den gutgeformten Apfelbäumen wachsen. Ja, sagt er, das sind schöne Bäume mit guten Mostäpfeln. Er hat sie nur so nebenbei zum Vergnügen. Ob ich mal den Most probieren möchte? Aber freilich will ich ihn probieren!
Der Bauer geht in den Keller hinunter und holt einen Maßkrug voll Apfelwein. Erst probiere ich pur, dann trinke ich gegen den Durst mit Mineralwasser. Es ist lange her, dass mir ein Getränk so gut geschmeckt hat!
Wir sitzen in der Sonne und sind uns schnell einig, dass das Wichtigste im Leben ist, damit zufrieden zu sein, was man tut und was man hat.
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Das Frühstück ist wie das Zimmer: Der dünne Kaffee ist lauwarm, der Rest auch zum Vergessen.
Die alte Dame erinnert mich an meine Mutter in ihren späten Jahren. Auch sie lebte allein in ihrer Budapester Wohnung, in der sie gern für ein paar Mark zahlende Gäste bewirtete. Sie war schon achtzig und aufgrund ihres hohen Alters nicht mehr in der Lage, diese Tätigkeit richtig auszuüben. Dort wurde wie hier Service und Sauberkeit durch „Familienanschluss“ ersetzt. Jetzt wird mir das Frühstück im Wohnzimmer auf einem niedrigen Couchtisch serviert. Ich sitze auf einem Plüschsofa und höre zu, wie die alte Dame von ihren Kindern und Enkeln erzählt. Über ihr hängt das Bild des im Zweiten Weltkrieg gefallenen Ehemannes an der Wand; das Foto von einem jungen Mann in fescher Fliegeruniform mit Silberkordel. Diese auf dem Bild sichtbare Schnur ist auch real zu besichtigen, sie ist, etwas verstaubt, neben dem Bild an der Wand angenagelt. Ziemlich wenig, was von einem Menschen manchmal übrig bleibt, und dieses bisschen muss oft, wie in diesem Fall für die alte Dame, für ein ganzes langes Leben reichen.
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Weiter im Wald erreiche ich bald das Dorf Baindt. Vor dem modernen Rathaus setze ich mich auf eine Bank, um mich ein wenig auszuruhen. Schulkinder, eben mit dem Schulbus angekommen und auf dem Weg nach Hause, beäugen mich. Ein Junge bleibt vor mir stehen, dann ein zweiter, und bald bin ich umringt von einem Dutzend etwa acht- bis zwölfjährigen Kindern.
„Bist du ein Bergsteiger?“ fragt einer, auf meinen Teleskopstöcke deutend.
„Nein, ich bin ein Wandersmann.“
„Wo kommst du her?“
„Aus Kassel.“
„Ich war schon in Kassel“, sagt ein Mädchen, „das ist aber sehr weit! Bist du alles gelaufen?“
„Ja.“
„Ohne zu schlafen?“ fragt ein anderes Kind.
„Nein, das geht doch nicht! Ich schlafe in Gasthäusern.“
„Das ist aber sehr teuer! Bist du reich? Brauchst du nicht zu arbeiten?“
„Nein, reich bin ich nicht, aber ich habe in meinem ganzen Leben gearbeitet und jetzt bekomme ich Rente, wie euer Opa. Der arbeitet auch nicht mehr, trotzdem hat er immer Geld, stimmt’s?“
„Ja, stimmt. Und wie weit willst du noch laufen?“
„Bis nach Spanien.“
„Nach Spanien?? Wie lange soll das denn dauern?“
„Das wird schon Sommer werden, bis ich ankomme“, sage ich nachdenklich.
„Und wozu machst du das alles?“ fragt ein Junge, und ich denke, genau das ist die Frage der Fragen. Was soll ich darauf antworten? Aber bevor ich dazu komme, antwortet ein anderer kleiner Junge für mich:
„Wandern macht Spaß!“
Eine sehr vereinfachende Antwort, aber ich will sie gelten lassen.
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Als ich von der Burg in die Stadt hinabsteige, fängt es an zu regnen. Es ist kalt, und ich bin zu leicht und falsch angezogen. Um mich umzuziehen, stelle ich mich unter einen Torbogen. Ein Mann kommt von der anderen Straßenseite auf mich zu und fragt, woher ich komme und wohin ich will. Ich erzähle, dass ich ein Pilger bin und dass ich nach Spanien laufe. Er sagt, auch er sei unterwegs, aber nicht als Pilger, sondern als Berber, ohne besonderes Ziel, wie es halt so komme. Ich bin überrascht. Er ist normal gekleidet, hat eine gewählte, intellektuelle Ausdrucksweise, nur seine Zahnreihen sind lückenhaft. Er erzählt, dass er in die Stadt gekommen sei, um ein Zelt zu kaufen. Es muss ein Igluzelt sein, in dem man auch sitzen kann. Frühjahr und Sommer will er heuer in den Wäldern verbringen, und zwar aus einem ganz bestimmten Grund. Er hat einen sehr alten Hund, der bald sterben wird, und er hat den Wunsch, dieses Tier, wenn es so weit ist, ordentlich zu begraben. Hier in der Stadt ist es nicht erlaubt und auch nicht möglich, seinen armen Freund, wie es sich gehört, unter die Erde zu bringen. Im Wald ist es zwar auch nicht erlaubt, aber dort braucht er keinen Menschen nach Erlaubnis zu fragen. Seine Tränen rollen, als er dies erzählt; er verabschiedet sich abrupt, wünscht mir gute Reise und entfernt sich rasch in Richtung Innenstadt.
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Die lange Zeit der Einsamkeit zeigt ihre Wirkungen. Ich bin förmlich ausgehungert nach Gesprächen, Begegnungen, jeder Art von menschlichem Kontakt. Einerseits genieße ich die Freiheit, die mir das Alleinsein gibt. Wann und wohin ich gehe, wie lange und wie weit ich laufe, alles dies und noch viel mehr kann ich spontan entscheiden und meine Entscheidungen genauso spontan revidieren. Mit der Zeit bekomme ich einen immer klareren Kopf, frei von den Sorgen des gewohnten Alltags und frei für philosophische Gedanken über Sinn und Unsinn des Lebens. Ich kann meine Gedankengänge bis zu Ende verfolgen, und wenn ich mit dem Ergebnis nicht zufrieden bin, noch einmal von vorne anfangen. Ich kann endlose Selbstgespräche führen, keiner quatscht mir dazwischen, keiner sagt, dass ich spinne. Mein Blick für die Welt wird von Tag zu Tag schärfer. Ich sehe die Wolken, die Bäume, die Blumen mit neugierigen Kindesaugen, die ich lange verloren geglaubt habe.
Andererseits fehlt mir der Austausch mit anderen Menschen. In Stunden der Freude wäre ich noch glücklicher, diese wunderbare Welt nicht nur mit meinen eigenen Augen, sondern auch mit den Augen eines geliebten Menschen sehen zu dürfen.
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In der Gaststube sitzen viele Gäste. Da man mit dem Auto bis hierher hochfahren kann, nutzen die frühlingshungrigen Menschen den heutigen Sonntag für einen kleinen Spaziergang. Richtige Wanderer wandern anderswo. So errege ich mit meinem großen Rucksack beim Betreten der Gaststube ein gewisses Aufsehen. Als meine Tischnachbarn erfahren, dass ich schon seit fünf Wochen unterwegs bin, werde ich bestaunt. Eine Dame erzählt über ihren Großvater, der als junger Mann nach Rom gepilgert war. Dort ist er in die Schweizergarde eingetreten, in der er über zwanzig Jahre Dienst getan hat, bis er als Hauptmann mit einem guten Ruhegehalt verabschiedet wurde. Nach seiner Rückkehr in die Heimat hat er mit sechsundvierzig Jahren geheiratet und noch vierzehn Kindern gezeugt, das letzte mit vierundsechzig Jahren!
Nein, denke ich, ich bin zwar auch ein Pilger, mein Weg ist viel weiter als der nach Rom, aber das mit den vierzehn Kindern, das schaffe ich nicht mehr!
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Weit sichtbar ist der auffallend spitze Turm der Dorfkirche von Malters. Der sticht in den Himmel wie eine Insektennadel, auf die präparierte Wolken aufgesteckt werden sollen. Ich gehe in die Kirche, will sie eigentlich nur besichtigen, aber als ich sehe, dass bald eine Messe anfangen soll, setze ich mich in die hinterste Reihe und warte, dass es losgeht. Zunächst aber kommen immer noch mehr Menschen, und offenbar hat hier jeder seinen festen Sitzplatz, weil plötzlich steht ein alter Herr erwartungsvoll neben mir. Ich stehe auf und will ihm den Platz überlassen:
„Es ist sicher Ihr Platz. Ich suche mir einen anderen.“
„Ich habe es nicht gekauft!“ knurrt er und setzt sich woanders hin. Meine Sitznachbarn schauen mich vorwurfsvoll von der Seite an.
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Bei uns zu Hause, in meinem Elternhaus, gab es viele Bücher. Die Romane gehörten meiner Mutter, die Reiseliteratur wurde von meinem Vater angesammelt. Im zarten Alter, in dem ich für Romane noch nicht reif genug war, ist es meine Lieblingsbeschäftigung gewesen, in den Büchern meines Vaters nach Bildern zu suchen. Mit der Zeit kannte ich mich in vielen dieser Bücher recht gut aus, und bestimmte Bilder fand ich, wenn ich sie suchte, auf Anhieb.
Manche Bilder ängstigten mich, trotzdem zogen sie mich magisch an. So ein Bild war beispielsweise das Portrait eines Afrikaners mit wildbemaltem Gesicht, wobei es mir heute noch kalt über den Rücken läuft, wenn ich daran denke: Er zeigte seine spitzgefeilten Zähne, so als ob er mich beißen wollte.
Es gab aber auch die anderen Bilder, meine Lieblingsbilder. Wenn ich sie betrachtete, waren es keine Bilder mehr, sondern Kulissen für meine Tagträume. Ich kann es heute nicht mehr sagen, wieso ein bestimmtes Bild in die Reihe meiner Lieblingsbilder Aufnahme fand, aber wenn es dann dazu gehörte, bekam es von mir das damals noch kindliche Versprechen: Wenn ich mal groß bin, werde ich es besuchen.
Nun, es sind inzwischen über fünfzig Jahre vergangen, und ich habe mein Versprechen bis auf zwei Bilder eingehalten. Ich lief über den Pont du Gard, habe in Plitvice meine Hände in den Wasserfällen gewaschen, bin im Prater Riesenrad gefahren und habe in Kopenhagen die kleine Seejungfrau gestreichelt, um nur einige dieser Besuche zu erwähnen.
Zwei dieser Verabredungen stehen noch aus. Erstens ein Franziskusbrunnen in Mailand. Es soll ein einfaches rundes Wasserbecken sein. Daneben steht ein bronzener Franziskus, wie er mit den trinkenden bronzenen Vögeln spricht. Ich bin noch nie in Mailand gewesen und weiß nicht mal, ob dieser Brunnen noch steht.
Zweitens ist es die Kapellenbrücke hier in Luzern. Als Kind habe ich mir vorgestellt, dass es irre Spaß machen muss, über diese gedeckte Holzbrücke zu gehen und dabei mit den Füßen zu trampeln, damit die Bretter dröhnen.
Später einmal, ich war schon über zwanzig, habe ich einem Freund diesen Wunsch erzählt und dabei seine zufällig anwesende Mutter fast zum Weinen gebracht. Sie war als kleines Mädchen in Luzern zur Schule gegangen, und wenn sie mit ihren Schulfreundinnen auf dem Weg nach Hause über die Kapellenbrücke ging, stampften sie mit den Füßen genau so, wie ich es gern getan hätte. Ist es verwunderlich, dass mein erster Weg heute zu dieser Brücke führt?
Da ist sie also. Dreimal geknickt läuft sie vorbei an dem mächtigen achteckigen steinernen Wasserturm von einem Ufer der Reuss zum anderen. Sie sieht ziemlich neu aus, die Balken und die Bretter sind hell, nur die beiden Brückenenden sind alt und dunkel. Vor vier Jahren ist die Brücke fast vollständig abgebrannt, aber jetzt steht sie wieder, das Holz wird schon nachdunkeln. Ich bin froh, hier zu sein.
An den beiden angrenzenden Ufern findet heute ein Gemüsemarkt statt. Dementsprechend ist die Brücke voller Passanten. Zwischen die Reihen der Einheimischen mit ihren Einkaufskörben schieben sich die dichten Massen von Touristen. Ich könnte hier mit den Füßen trampeln wie verrückt, in diesem Sprachengewirr und dem Verkehrslärm, der von der parallel angelegten Seebrücke herüberflutet, würde ich es kaum hören. Dennoch suche ich dort einen Platz, wo die alten Planken das Feuer überstanden haben, und schlage mit dem Fuß ein bisschen dagegen, als ob ich die Güte der Holzbohlen prüfen würde. Vielleicht schaut die Mutter meines Freundes vom Himmel herunter und zwinkert mir zu. Nur wir zwei verstehen uns in dieser Menschenmenge, aber das genügt.
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Am Eingang von Escholzmatt steht auch so ein Haus mit einem grässlich bellenden Hund, aber da sind auch die Besitzer, eine Frau mit zwei Töchtern. Der Hund ist klein, aber giftig. Ich bleibe stehen und warte, bis sie ihren Hund zurückrufen, was die Frau auch umgehend tut. Ich laufe vorbei, wir grüßen uns freundlich. Da schleicht sich dieses Biest von hinter an mich heran und beißt mir in die linke Wade!
Ich weiß nicht, wer von den Anwesenden am meisten erschrocken ist. Ich bin noch nie in meinem Leben von einem Hund gebissen worden, und so ist mein Schmerz zwar groß, aber noch größer ist meine Überraschung über diese Untat. Der hat mir tatsächlich durch das Hosenbein ein blutiges Loch in das Fleisch gebissen!
Eines der Mädchen fängt zu weinen an, die Frau ist sehr besorgt und behauptet, dass der Hund noch nie, noch nie jemanden gebissen habe. Ich neige dazu, es zu glauben, obwohl, welcher Hundebesitzer würde in derselben Situation zugeben, dass sein Hund ein Beißer ist? Ich frage noch, ob der Hund geimpft ist, und als die Frau es fast beschwört, will ich keine Zeit mehr verlieren. Obwohl mein Bein schmerzt, laufe ich weiter.
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Das letzte Zitat ist erst von der Seite 76, das Buch hat aber 316 Seiten. Ich hoffe, dass ich ihr Interesse geweckt habe und Sie den Reisebericht als Buch weiterlesen wollen.