1. Tag Saluzzo - Paesana - Revello

Freitag, den 20. April

Der Himmel über Saluzzo ist grau, die Kälte lässt uns zittern. Es regnet. Italien im Frühling: So haben wir es uns nicht vorgestellt. Aber das Wetter scheint sich wenig um unsere Vorstellungen zu kümmern.

Wir sind mit dem Zug nach Italien gekommen, um mit Fahrrad dem Lauf des größten italienischen Flusses, des Po zu folgen. Von der Quelle bis zur Mündung. Wir, das sind Suzanne und ich, beide weniger ehrgeizige, als eher passionierte Radfahrer älteren Semesters, die das Rad zwar täglich als Verkehrsmittel benutzen, aber das Auto keinesfalls meiden oder gar verachten. Außer dem Radfahren habe ich auch noch andere Passionen, wie beispielsweise essen und trinken, wodurch ich mein „Kampfgewicht“ ziemlich stark überschreite. Unsere Reise soll also weniger eine sportliche Großtat, als ein vergnüglicher Ausflug werden. Bei solchem Wetter wird es mit dem Vergnügen schwierig sein.

An einem großen Fluß entlang zu reisen ist für Radler immer eine lohnende Angelegenheit. Erstens fließt das Wasser abwärts, und wenn der Radler „mitfließt“, hat er keine größeren Steigungen zu bewältigen. Zweitens dienten die Flusstäler immer schon als Wiege von Wohlstand und Kultur, deren angesammelte Erinnerungsstücke heute dort als Sehenswürdigkeiten besucht und bewundert werden können. Besonders in Italien.

„Von der Quelle bis zur Mündung“ hat außerdem den Reiz der Vollständigkeit, ein sinngebender Bogen von Alfa nach Omega, von der Geburt bis zur Bahre. Man kann ja überall radeln, aber mit so einem Motto macht es mehr Sinn. Und das ist wichtig. Nehmen wir beispielsweise einen kräftigen, erwachsenen Menschen, der stundenlang am Flussufer sitzt und auf das Wasser guckt. „Ein faules Stück ist der!“ – würde jeder sagen. Wenn er aber die selbe Untätigkeit mit einem Stock in der Hand ausübt, dann ist er ein Angler und damit legitimiert nichts zu tun, auch dann, wenn er nie etwas fängt. So haben auch wir uns ein Motto gesucht und mit diesem Motto unserer Reise ein Ziel gegeben, eine Fahne, unter der wir marschieren wollen.

Leider liegt die Quelle des Po in den französisch-italienischen Alpen, am Fuße des Berges Monteviso auf einer Höhe von 2040 Metern und wir wollen – man merke den feinen Unterschied – nicht zur Quelle radeln, sondern von der Quelle. Dazu müssen wir erst einmal hinkommen.

Der Zug hat in Saluzzo, der etwa 30 Kilometer vor der Quelle liegt, Endstation. Ob wir mit dem Bus weiterkommen?

Der Herr am Busbahnhof schaut uns, als er unser Anliegen hört, mit sorgevoller Miene an. Ja, sagt er, kein Problem, man kann mit dem Bus nach Piano del Re, zur Nähe der Quelle fahren und die Fahrräder können auch mitgenommen werden. Prinzipiell. Heute jedoch nicht. Es ist in der Nacht fast ein Meter Neuschnee gefallen, die Busse können nicht bis oben fahren und da es dort oben weiter schneit, kann auch nicht gesagt werden, wann die Möglichkeit, hoch zu fahren wieder bestehen wird. Er bezweifelt sowieso, dass wir in dieser Jahreszeit ohne Winterausrüstung, wie Schneeschuhe und dicke Winterkleidung, die Quelle besuchen können.

Das fängt ja gut an! Wie sollen wir dort radeln, wo wintergewohnte Busfahrer mit dem Bus, bewehrt mit Schneeketten, nicht fahren können? Wir sind zwar unternehmungslustig, aber nicht lebensmüde! Und wo bleibt das Vergnügen?

Um Antwort zu finden ziehen wir uns in ein Café zurück. Viele der Kunden sind Stammgäste, das kurze Hallo scheint wichtiger zu sein, als der fingerhutgroße Kaffee, was sie bei dieser Gelegenheit schnell herunter kippen, bevor sie ihren Weg genau so rasch fortsetzen. Ein Kommen und Gehen, laut, freundlich, lebendig. Hier ist Italien auch beim Schlechtwetter italienisch.

Um weitere Zeit zu gewinnen machen wir einen Rundgang in der Altstadt, die sich auf einem steilen Hügel in die Höhe zieht und dabei der alten Herrlichkeit nachtrauert.
Ganz oben über den Häusern thront ein Castello, nicht weit davon der mächtige Stadtturm aus dem 15. Jahrhundert, etliche Paläste aus der selben Zeit, teilweise mit wunderbaren Ornamenten aus Terrakotta

und mit Fassadenfresken verziert, aber die meisten Bauten sind in einem tieftraurig-erbarmungswürdigen Zustand. In diesem alten Kulturland sind alte Bauschätze in solcher Anzahl vorhanden, dass es fast unmöglich erscheint, alle in würdiger Weise zu pflegen und zu nutzen. Wie viele Schlösser, Burgen und Paläste braucht heute eine abseits liegende Kleinstadt?

Als wir uns am Nachmittag nach der Verkehrslage erkundigen, wird uns mitgeteilt, dass die Straße oben nach wie vor gesperrt ist und die Busse nur bis Paesana verkehren. Paesana liegt in etwa 600 Meter Höhe und noch 18 Kilometer vor der Quelle.

So wollen wir erst nach Paesana fahren und dann Mal sehen, wie es von dort weitergeht.

Die Räder werden in dem Gepäckraum des Busses verstaut, der etwas eng ausgefallen ist, aber der Busfahrer scheint Übung und viel Geduld zu haben, die Räder Zentimeter weise so lange hin und her zu bugsieren, bis sie passen.

In Paesana schaut die Welt noch ein bisschen trauriger aus als unten in Saluzzo. Kalter Nebel verhüllt nicht nur die nahen, hier angeblich majestätischen Berge, nein, es regnet und regnet, und wenn wir die Temperatur betrachten, ist es leicht sich vorzustellen, dass einige hundert Meter höher der Regen in Schnee übergeht. Die Gassen sind leer, nicht mal die so beliebten Hunde werden vor die Tür geschickt, die

werden im Augenblick von uns vertreten, in dem wir am Hauptplatz vor der Kirche so herumstehen, wie die sprichwörtlichen begossenen Individuen dieser Spezies.

Was nun? Lange dürfen wir die Entscheidung nicht hinauszögern. Trotz warmer Kleidung frieren wir und hier ist nicht einmal ein Lokal zu sehen, wo wir uns aufwärmen könnten.

Also gut, was nicht geht, soll man nicht erzwingen. Wahrscheinlich war es ein Fehler, dass wir zu dieser Jahreszeit nicht mit dieser ungewöhnlichen Wetterlage gerechnet und uns darauf eingestellt haben.

Bleibt nur das Abwarten, wer weiß wie lange, oder wir müssen unsere Reise jetzt und hier anfangen.

Die Entscheidung ist schwer, aber schnell und einvernehmlich: Wir wollen diese unwirtliche Gegend augenblicklich verlassen. Wir satteln, werfen ein kurzen Blick auf das hier schon recht breiten Schotterbett des Flusses, in dem ein Rinnsal sich verschämt umher irrt, und fahren ab.

Auf der abschüssigen Landstraße kommen wir ohne zu strampeln auf ein Tempo, das bei diesem Wetter nicht höher sein dürfte. Dick eingemummt lassen wir es rollen, lustlos, zweifelnd, nachdenklich. Wie hoch wäre das Risiko gewesen, auf eigene Kappe zu versuchen zur Quelle zu kommen? War es doch Feigheit oder Bequemlichkeit, es nicht mindestens versucht zu haben?

Nass und etwas durchgefroren kommen wir in Revello an, wo uns die erste Möglichkeit auf dieser Straße besteht zu übernachten. Ohne Schwierigkeiten bekommen wir ein einfaches Zimmer, und nachdem wir uns in einem Lokal mit Pizza und einem guten Wein mit der garstigen Welt versöhnt haben, gehen wir in unser gut geheiztes Zimmer zu schlafen.