2. Tag Von Revello nach Moncalieri

Samstag, am 21. April

Wie die Sonne scheint! Das auch noch! Kann es nicht auch heute regnen oder schneien, damit wir mit ruhigem Gewissen sagen können, es ist überhaupt nicht möglich, zu der Po-Quelle hoch zu steigen? Heute bei gutem Wetter wäre es vielleicht gegangen. Trotz Sonnenschein ist es allerdings außergewöhnlich kalt, und nach kurzem Zögern entscheiden wir uns zur Weiterfahrt.

Es ist eine gute Entscheidung. Die verkehrsarme gute Asphaltstraße fällt weiter, wir kommen rasch voran und mit jedem Kilometer steigt unsere Stimmung. Hier ist es doch wunderschön! Rechts von uns breitet sich immer mehr die flache Ebene mit Obstplantagen aus, an der linken Seite lächeln uns die verschneiten Berge entschuldigend entgegen, weil sie gestern zur Begrüßung nicht erschienen sind. Jetzt zeigen sie ihren makellosen Schneemantel unter dem tintenblauen Himmel. Hinter ihnen steigt mit seiner

riesigen weißstrahlenden Pyramide der alles beherrschende 3841 m hohe Monteviso in die Höhe.
Bald kommt uns der Turm des ehemaligen Zisterzienserklosters Staffarda entgegen. Die in 13. Jahrhundert erbaute Anlage mit der romanisch-gotischen Kirche und Kreuzgang, sowie die ergänzenden Wirtschaftsgebäude und eine alte Marktloggia stehen heute noch - wie schon bei der Entstehung - isoliert auf freiem Feld. Es ist das gleiche Bild, das sich im Mittelalter den Reisenden auf Pferde dargeboten hat. Pferd oder Fahrrad, es macht überhaupt keinen Unterschied!
Bis hierher haben wir keinen Fremden, keinen Touristen getroffen. Hier aber steht ein Reisebus mit deutschem
Kennzeichen. Als wir die
Kirche betreten, sehen wir die Gruppe, die unter Leitung eines Pfarrers dort betet und singt. Sie sind sowohl im Gebet als auch im Singen gut geübt, und die Akustik des Kirchenraumes tut seine dazu. Die leisen Töne schweben wie fragile Blüten über uns und ich habe das Gefühl, dass die in den Gewölben wohnenden Engel leise mitsingen.

„Das gibt’s doch nicht!“ – reißt mich Suzanne aus der himmlischen Stimmung – „Den kenne ich doch von meiner früheren Arbeitsstelle!“

Und wahrhaftig: Es ist nicht nur der uns bekannter Herr Pfarrer Sommerer aus München mit seiner Kirchengruppe, den wir hier zufällig treffen, nein, auch persönliche Freunde von uns, Ursel und Hellmut sind auch dabei! Wie ist doch die Welt? Richtig! Die Begrüßung ist stürmisch.

Sie haben eine Sachkundige Fremdenführerin dabei, die bei anschließender Besichtigung des Klosters auch uns zu Gute kommt.
Dann ist es schon wieder Zeit uns zu verabschieden, unsere Wege trennen sich.

Der schmale Weg, den wir auf der Karte zum Weiterfahren ausgesucht haben, ist ein schlechter Feldweg, der auch noch mit einer Kette versperrt ist, so dass uns nichts anderes übrig bleibt, als auf einer stark befahrenen Straße einen Umweg zu nehmen. Es ist immer noch kühl, auch ein munterer Wind ist aufgekommen,und wie der Tag voran schreitet, so schwindet hinter einem fadegrauen Schleier das Himmelsblau.

Als wir in Villafranca einziehen, läuten die Hochzeitsglocken: Vor der Kirche ist die halbe Einwohnerschaft versammelt, ein offensichtlich beliebtes junges Paar zu ehren. Mir fällt dabei ein Studienfreund ein, der damals regelmäßig fremde Hochzeiten besuchte, nur um die Braut – zumal wenn sie hübsch war – zu küssen. Auch hier würde es nicht auffallen, wenn wir uns in die Masse der Gratulanten einreihen würden. Aber ich lasse es lieber.

Hinter der Stadt folgen wir einer schmalen Nebenstraße, die zwischen den Wiesen in aller Ruhe und Frieden dahin schlängelt. So ist Radfahren ein Hochgenuß! Keine Eile, kein Verkehr, keine Müdigkeit.
Und keine Brücke! Wir kommen am Fluss an und anstelle die an der Karte angedeutete Brücke finden wir nur eine Furt, die über das hier schon recht breite Wasser führt. Im Sommer könnte man hier vielleicht versuchen den Fluss zu überqueren, aber jetzt ist dieser Gedanke völlig abwegig. Wir fahren nach Villafranca zurück und leisten bis Vigone dem motorisierten Verkehr Gesellschaft.

Vigone überrascht uns: Obwohl wir vorher keinen Hinweis darauf gefunden haben, ist das Städtchen mit seinen arkadengesäumten Gassen, romantischen Plätzen und mit dem frischrenovierten Renaissance-Rathaus ausgesprochen sehenswert. Als später die Sonne für kurze Zeit wiederkehrt, finden wir für die Mittagspause neben dem Rundbau der Capella di S. Giovanni Nepomuceno im Windschatten eine Parkbank. Der mitgebrachte Schinken und Käse mit frischem Weißbrot machen die müden Radler wieder munter.

Dies ist wohl auch notwendig: Der Wind wird immer stärker und kälter, und weht nicht – wie hier es normalerweise tut – aus dem Westen, sondern vom Osten, also uns entgegen. Stumm spulen wir die nächsten Kilometer ab.

Eigenartig: Ausgerechnet an dieser ablegenen Route wird Straßenstrich betrieben. In regelmäßigen Abständen – wie Kilometersteine – sitzen die Damen am Straßenrand, halbbekleidet und blaugefroren. Manche haben kleine Lagerfeuer angezündet um Schlimmeres zu entgehen. Die ausschließlich farbige, bedauernswerte Geschöpfe werden von ihren

„Besitzern“ am Morgen auf ihre Campingstühle gesetzt und am Abend wieder abgeholt. Ich kann nicht nachvollziehen, dass es Männer gibt, die beim Anblick dieses Elends Lust verspüren.

Die unmittelbar danach sich anbietende kleine Besichtigungspause bei dem alleinstehenden Santuario di Vallinotto, eine klassizistische Rundkirche, nutzen wir um uns aufzuwärmen. Unsere Kräfte lassen nach und wir nehmen uns vor, in der nächsten größeren Stadt, in Carignano zu übernachten.

Wohl gedacht, schwer durchzuführen: In Carignano gibt es keine Übernachtungsmöglichkeit mehr. Ein alter Baedecker von 1911, den wir aus Spaß mitgenommen haben, empfiehlt hier ein guten Albergo, aber das ist uns in Augenblick wenig von Nutzen.

Die etwa eine Stunde Fahrt in dem tosenden Verkehr bis zum Turiner Vorort Moncalieri ist reine Fronarbeit, aber dann haben wir es geschafft. Auch ein Hotel finden wir schnell. Es liegt zwar an einer Durchgangstraße, aber wir sind müde genug, um auch beim Lärm schlafen zu können.

Nach dem wir uns stadtfein gemacht haben, laufen wir in die auf einem Hügel gelegene Altstadt. Die in die Höhe führende schmale Gasse ist von alten, teilweise noch gotischen Häusern gesäumt, deren Bauzustand leider auch hier sorgenerweckend ist.

Beherrscht wird die Stadt von dem weit sichtbaren, riesigen Schloss Castello Reale, im 15. Jahrhundert erbaut und zweihundert Jahre später im Renaissancestil umgestaltet, heute Sitz der Carabinieri von Piemonte. Unterhalb des Schlosses ist das eigentliche Zentrum der Stadt, die Piazza Vittorio Emanuele II, von der gotischen Kirche Santa Maria della Scala und vom prächtigen Palazzo Comunale geschmückt. Trotz Kälte ist der Platz in dieser Abendstunde, ähnlich dem antiken Forum mit Menschen gefüllt, die hier ihre Bekannten und Freunde treffen, ihre Kleinkinder bewundern lassen und beim Herumschlendern gut gelaunt dem Abendessen entgegen blicken.

Apropos Abendessen: Auch wir wollen nicht hungrig schlafen gehen, aber ob wir uns ungeschickt anstellen oder sonst etwas falsch machen, wir finden kein Lokal, das offen wäre. Nach langem Umherirren nehmen wir das erste Ristorante, das wir antreffen, einen Chinesen. Es ist noch früh, wir sind – kein gutes Zeichen – die einzigen Gäste, aber wir haben Hunger, also her mit dem Menü!

Nun, es ist mit Abstand das schlechteste chinesisches Essen, das wir je vorgesetzt bekamen. Was heißt chinesisch? Es ist weder chinesisch noch italienisch, es ist einfach eine Pempe aus guten, aber verschandelten Zutaten. Nicht Mal den Reis haben sie gut hingekriegt! Das Erstaunlichste ist aber, dass während wir versuchen, das Fraß herunter zu würgen, füllt sich das Lokal und als wir gehen, stehen die Menschen für den freigewordenen Plätze Schlange. Ob in Moncalieri die Hungersnot ausgebrochen ist?