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3. Tag Von Moncalieri nach Fontanetto Po
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Sonntag, am 22.04.2001
Nach dem miserablen Abendessen kam eine schlimme Nacht. Nicht nur der nicht nachlassende Verkehr vor dem Fenster hat unseren Schlaf geraubt, nein, zusätzlich betreibt der Wirt auch noch ein Szenenlokal, der sich Pub nennt und wo die Jugend der nahen und weiten Umgebung mit Bierglas in der Hand aus vollem Hals schreiend ausgerechnet vor diesem Lokal die Nacht verbringt. Zum Trost ist das Wetter am Morgen viel angenehmer, als gestern, und von Moncalieri nach Turin gibt es einen Radweg, was in Italien nicht so selbstverständlich ist wie bei uns in Deutschland. Allerdings zeugen diese Wege zwar
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immer von gutem Willen, aber oft auch von wenig Wissen darüber, wie ein Weg für Radler beschaffen sein soll. Hier beispielsweise überquert eine Abzweigung des Radweges nach Schloss Stupinigi eine autobahnähnliche vierspurige Straße, aber nicht etwa auf einer nicht weit entfernten Straßenbrücke, nein, eine Fußgängerbrücke mit langer, steiler Treppe ist als Radweg beschildert. Gut, dass dieser nicht unser Weg ist, sonst müssten wir unser Gepäck und die Räder einzeln auf die andere Straßenseite hinüberschleppen. Als wir anhalten und uns über diese Lösung sichtlich amüsieren, kommt ein Herr sein Fahrrad tragend von der Brücke herunter und ruft: „Ja, diese Straße hier ist schwerer zu passieren, als die frühere russische Grenze!“
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Der Weg in die Stadt aber führt uns über ausgedehnte ufernahe Parkanlagen, die in dieser sonnigen Sonntagmorgenstunde von Joggern, Anglern, Hunden mit Herrchen und Frauchen bevölkert sind. Wir werden mit unseren bepackten Rädern freundlich beäugt. Vorbei an den großen und prächtigen Palazzo Madama aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts kommen wir in die Innenstadt von Turin.
Über Turin wussten wir wenig und wenn wir den Namen hörten, dachten wir eher an Fiat und Juventus, als an die elegante, lebendige Großstadt, die uns hier erwartete.
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Die junge Frau im Touristenbüro ist eine begeisterte Lokalpatriotin. Wir erfahren von ihr, dass Turin die erste Hauptstadt Italiens gewesen ist, und kulturell gesehen bis heute "fast“ die wichtigste Stadt Italiens, was schon die Anzahl der Museen zeigt, nämlich 47, von denen das wichtigste, das Ägyptische Museum, „die zweitgrößte Ägyptensammlung der Welt ist, nur die in Kairo ist angeblich etwas größer“.
Der Stolz der jungen Dame ist voll berechtigt: Turin ist mehr, als sehenswert. Ich kann mich nicht erinnern, in einer anderen Stadt so viele öffentliche Repräsentationsräume, wie große Plätze, weitführende, gerade und breite Straßen, |
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großzügig angelegte Grünanlagen so dicht beieinander angetroffen zu haben wie hier. Paläste, Burgen, Kirchen, Schlösser, wahrhaft königlich und zuhauf, wohin die Augen auch blicken! Viele der Straßen sind beidseitig mit Laubengängen gesäumt, aneinander gereicht würde die Gesamtlänge dieser Arkaden angeblich etwa 180 Kilometer ergeben! Und Monumente! Alle Vorfahren müssen hier Heroen von mythischem Ausmaß gewesen sein. Leider entspricht manche dieser Werke naturgemäß nicht unserem heutigen Geschmack. Der Erste Weltkrieg war groß und furchtbar. Das Denkmal, das man als Erinnerung in zentraler Lage neben der mittelalterlichen Burg errichtete, ist noch größer und furchtbarer.
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Das Wahrzeichen Turins ist die Mole Antonelliana, ein Bauwerk mit riesiger Kuppel, die in einen himmelhohen, nadelartigen Turm übergeht. Der Bau wurde vor 140 Jahren als Synagoge geplant, dann aber als Museum fertig gebaut, was er heute noch ist. Der Baustil ist etwas eigenartig, vielleicht noch am ehesten klassizistisch zu nennen, da das Ganze mit vielen Säulen und Akanthusblättern verziert ist. Eine gigantische, verwirrende, überzogene, märchenhafte Erscheinung. Ich bin echt beeindruckt!
Das Radfahren in der Stadt ist etwas problematisch, und das aus mehreren Gründen. Erstens ist der Verkehr ziemlich dicht und lebhaft, und die Italiener haben bei uns nicht ganz zum Unrecht den Ruf, dass sie nichts vom defensiven Fahren halten. Auch merken wir, dass außer uns hier in der Innenstadt kaum jemand Rad fährt und damit sind vielleicht einige der schnellen Fahrer etwas überrascht von der langsamen zweirädrigen Konkurrenz. Trotzdem: Sie nehmen sichtlich Rücksicht auf uns Verrückten und wir haben bald ein Gefühl der Sicherheit. Eine andere Beschwernis bereitet uns der eigenartige alte Fahrbahnbelag, womit viele der Straßen versehen sind. Es sind etwa 40 x 80 cm große Natursteinplatten, optisch
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sehr ansprechend, aber uneben, am Rand abgerundet, abgefahren, die Zwischenfugen manchmal tief und breit, besser für Raupenfahrzeuge als für Fahrräder geeignet.
Nachdem wir uns in einer Pizzeria für den weiteren Weg gestärkt haben, verlassen wir mit dem Fluss die Stadt. Bei der nächsten Brücke wechseln wir die Flussseite. Obwohl danach bis San Mauro wir die breite Landstraße benutzen, ist das Fahren angenehm, da am Sonntag wenig Autos unterwegs sind. Zwischen San Mauro und Gássino besteht die Möglichkeit, anstelle der Landstraße einen Fußpfad zu benutzen, der neben einem schnurgeraden Kanal verläuft.
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Links vom Pfad der Kanal, dahinter in der Ferne die schneebedeckten Berge, rechts die Wiesen und die grünen Hügel mit den Obstbäumen: Beschaulich schön ist es hier. Allerdings ist der Pfad schmal und holperig, mit dem schweren Gepäck kommen wir nur langsam voran. So kehren wir bei Gássino auf die Landstraße zurück.
Der Verkehr ist lebhafter geworden, auch der Wind natürlich Gegenwind hat sich verstärkt. Der Himmel ist zugezogen, es wird wieder merklich kühler. So spulen wir die Meilen schweigend und etwas verbissen ab. Meine Sitzfläche tut immer mehr weh, auch meine linke Hand macht mir durch Durchblutungsstörung zu schaffen. Suzanne klagt über Schulterschmerzen. Chivasso, Verolengo, Crescentino... Ich weiß es nicht, worüber ich berichten könnte.
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Die Berge und Hügel, die die Ebene begrenzen, haben sich in die Ferne zurückgezogen. Das flache Ackerland um uns hat sich breit gemacht. Bald erreichen wir die ersten Wasserparzellen, die wie große rechteckige Teiche den Himmel widerspiegeln: Reisfelder. Allmählich werden immer mehr Wiesenstücke von Reisanbau ersetzt, bis wir uns ganz und gar mitten in dieser eigenartigen Wasserlandschaft befinden. Die einzelnen Felder sind voneinander durch niedrige, angehäufte Deiche getrennt, die die scheinbare Unendlichkeit des Wasserspiegels optisch kaum unterbrechen aber bestens geeignet sind, den hier heimischen zahlreichen Vögeln als
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Nistplatz und Ausguck zu dienen. Neben anderen Arten sind besonders viele große dunkele Reiher zu sehen, die ihre bevorzugten Plätze friedlich mit den etwas kleineren weißen Reihern teilen. Sie scheinen sich alle an den Menschen gewöhnt zu haben, da sie uns ganz nah kommen lassen, bevor sie mit einem kurzen und gar nicht hastigen Hüpfer doch noch auf Distanz fliegen. Nachdem wir vor Crescentino bei der Walfahrtskirche Madonna del Palazzo Rast gemacht haben, verlassen wir die Hauptstraße und machen einen Umweg zwischen den
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überfluteten Reisfeldern nach dem kleinen Weiler Santa Maria. Die wenigen Häuser, die um die kleine Kirche gruppiert sind, bieten nichts Großartiges zu sehen, aber sie vermitteln eine Stimmung der Abgeschiedenheit, die mich an den Halligen erinnert, auch wenn hier das Wasser nicht stürmisch, sondern sehr friedlich die Bauten umgibt. Auch der Friedhof der Siedlung, ein mit hohen Mauern umschlossenes kleines Rechteck, scheint wie ein Schuhkarton im Wasser zu schwimmen.
Hinter den letzten Häusern führt uns ein Feldweg weiter, vorbei an großen, verlassenen Gehöften, die sogar im Verfall von der ehemaligen wirtschaftlichen Bedeutung der Gegend künden. Der Reis hat nicht nur den hier beheimateten Menschen gut ernährt, sondern wie der frühe neorealistische Film „Bitterer Reis“ bezeugt auch vielen Saisonarbeitern aus Italiens Süden Brot gegeben. Heute sind die Felder menschenleer. Die wenigen Reisbauern, die die Felder mit Maschinen bearbeiten, wohnen auch nicht mehr hier in der Einsamkeit, sondern in den umliegenden größeren Dörfern.
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Wir müssen auf dem schmalen Feldweg einem entgegen kommenden altersschwachen Auto Platz machen. Der Fahrer, ein freundlicher alter Bauer, bleibt bei uns stehen, steigt aus dem Wagen und fragt, woher wir kommen. Als er hört, dass wir Deutsche sind, zeigt er uns stolz seine Deutschkenntnisse, die allerdings aus nicht mehr als fünf-sechs Wörtern bestehen. Er ist in dem Krieg auf dem Balkan gewesen, wo er mit den Deutschen den „Russen“ bekämpft hatte. Es war die schönste Zeit seines Lebens, es gab dort immer genug zum Essen und die Politiker waren noch nicht so verkommen, wie heute. Die politischen
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Ansichten, die er immer lauter und mit immer erregteren Gesten von sich gibt, möchte ich hier nicht wiederholen. Uns schien es, dass der alte Herr seit 1943 vergessen hat, die Blätter von seinem Kalender abzureisen. In Fontanetto Po kehren wir auf die Hauptstraße zurück und, da es spät geworden ist, nehmen wir in einem Gasthaus ein Zimmer. Es ist ein guter Griff: Die deftige bäuerliche Gerichte, die zum Abendessen geboten werden, sind für denjenigen, die so was schätzen können, fast allein schon eine |
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Reise wert. Besonders ein Gericht, die Panissa, haut mich vom Stuhl. Es ist eine herrlich gewürzte Abwandlung von Risotto mit Bohnen und zerhacktem Salami, oben mit dünnen Streifen von weichgekochter Schweineschwarte belegt. Ich könnte mich glatt reinlegen!
Der Abend ist angenehm warm, sogar die Sonne hat sich vorm Schlafengehen kurz gezeigt. Hoffentlich haben wir morgen endlich Frühlingswetter.
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