4. Tag Von Fontanetto Po nach Casale Monferrato

Montag, den 23.04.2001

Denkste! Ein eiskalter Regen legt sich auf unser Gemüt.

Was soll das hier alles? Wir wollten doch die deutsche Kälte hinter uns lassen und den lauen italienischen Frühling genießen. Ausgerechnet bei diesem Wetter will Suzanne einen weiten Umweg machen, um ein ehemaliges Kloster anzuschauen. Muss das denn sein?

Ja, es muss, da hilft nichts. Wir ziehen uns warm und regenfest an und begeben uns ins Vergnügen.

Ab Palazzolo radeln wir zwischen Pfützen des verregneten Schotterweges nach Norden. Nach einigen Kilometern besteigen wir einen hier recht seltenen Hügel, der wie eine Insel aus der Ebene ragt. Jenseits dieser Erhebung liegen wieder weite Reisfelder, und wir erblicken in der Ferne den wie ein Leuchtturm aus dem Wasser ragenden, überraschend hohen romanischen Turm der ehemaligen Klosterkirche von Lucédio.

Das Kloster soll im späten Mittelalter eine wichtige Station an einem der nach Rom führenden Pilgerwege gewesen sein. Nicht nur die durchziehenden Pilger, auch die Landwirtschaft hat der Reichtum der Abtei gemehrt. Vielleicht hat der Neid eine Rolle dabei gespielt, dass in den Dörfern der Umgebung immer mehr darüber gemunkelt wurde, dass die Mönche mehr den Teufel und die Hexen dienten, als den wahren Glauben. So wurde das Kloster 1764 vom Papst Pius VI. kurzerhand geschlossen.
Heute ist das mit Mauern umschlossene, alleinstehende große rechteckige Gebäudekomplex, das als Gutshof bewirtschaftet wird, etwas verwahrlost, aber die Bemühungen zur Renovierung sind schon im Gange.

Das älteste Teil ist der romanische Kirchturm. Daneben steht eine halbzerfallene Barockkirche. Das anschließende schmucklose Gebäude beherbergt im Erdgeschoss eine herrliche zweischiffige gotische Halle.

Der Privatbetrieb hat sich unter anderen Produkten auf hochwertigen Reissorten spezialisiert. So wird hier auch Carnaroli angebaut, das gern als der „Kaviar der Reissorten“ apostrophiert wird.
Erst als wir in Trino ankommen, lässt der Regen etwas nach. Von allen Gemeinden, die von dem verheerenden Hochwasser betroffen waren, das vor einem halben Jahr in Oberitalien gewütet hat, wurde Trino am schlimmsten heimgesucht. Obwohl der Fluss über zwei Kilometer weit

entfernt und in normalen Zeiten von der Stadt unsichtbar vorbeifließt, wurden alle Straßen und Häuser von der zwei bis drei Meter hohen gelben Brühe überschwemmt. Wenn die Fassaden nicht den damaligen über mannshohen Wasserstand durch Wasserschäden anzeigen würden, würden wir es gar nicht glauben, dass der Fluss, der heute zwischen den hohen Deichen friedlich dahin plätschert, überhaupt solche enorme Wassermengen führen kann.

Zwischen Morano sul Po und Casale Monferrato besteht die Möglichkeit, auf einem Schotterweg weiter zu radeln. Obwohl der Weg auf der hohen Deichkrone verläuft, bleibt der Fluss für uns unsichtbar. Dies ist eine Besonderheit dieser Reise: Wir folgen einem Fluss, den wir nur selten zu sehen bekommen. Dies ist damit zu erklären, dass die Deiche nicht unmittelbar neben dem Flussbett verlaufen, sondern wegen der außergewöhnlich großen Wasserstandunterschiede manchmal einige Kilometer davon entfernt. Die breiten Überflutungsräume sind in der Regel mit Pappelbäumen aufgeforstet, die auch hier uns der Sicht auf das Wasser nehmen.
Wir kommen nach Casale Monferrato. Es ist Mittag und unangenehm kalt. Die Straßen und Plätze sind wie

ausgestorben, die grauen Häuser unter dem grauen Himmel schauen uns abweisend an. Wir wollten hier weiterführende Landkarten kaufen, aber die Geschäfte haben eben ihre Pforten zugesperrt. Am liebsten würden wir sofort weiterfahren. Aber wohin?

Immerhin ist das Touristenbüro geöffnet. Der Mann hinter der Theke ist einer der muffigen Individuen, deren einzige Fähigkeit in einem vegetativen Reflex besteht, in dem er ein wenigsagendes Faltblatt vom Regal nimmt und auf das Pult legt. Alle Fragen, Wünsche und Begehren, die nicht auf dieses Faltblatt zielen, werden als unangebracht empfunden und entschieden abgewehrt. So sind wir beim Verlassen des Büros genau so klug wie wir beim Eintreten waren.

Ich bin lustlos und müde. Dagegen ist ein Mittagsschlaf die beste Medizin. Obwohl wir das heutige Tagespensum noch lange nicht geschafft haben, nehmen wir ein Zimmer.

Als wir aufwachen und uns hinaus begeben, erkennen wir die Stadt nicht wieder. Die Sonne scheint, die Straßen und Plätze sind bevölkert, überall geschäftigtes Treiben oder vergnügtes Flanieren

von gutgelaunten Menschen. Sogar die Bauten sind bunter und interessanter, es ist verlockender sie näher anzuschauen.

Im Westen der Stadt, am Ufer des Flusses liegt das mächtige gedrungene Viereck der Gonzaga-Burg. Der Ziegelbau mit den runden Ecktürmen vermittelt heute noch, 650 Jahre nach der Entstehung, Größe und Macht.

Nicht weit davon, genau in der Stadtmitte, erhebt sich das breite Westwerk der fünfschiffigen romanischen Cathedrale di Sant'Evasio, die den Besucher mit einer überdimensionalen Vorhalle empfängt. Wir haben Glück: Dieser wunderbare Narthex wurde nach mehrjähriger Restaurierung erst gestern feierlich wieder geöffnet. Auch die zahlreichen Stadtpaläste von der Gotik bis zum

Klassizismus, die das Gassengewirr der Altstadt schmücken, lassen uns immer wieder staunend verweilen.

Auch die Straßenkarte, die wir zum Weiterfahren benötigen, finden wir. Allerdings nicht in einem Buchladen, in dem wir danach gesucht haben. Der Inhaber, als er unser Wunsch vernahm, war sichtlich erschüttert, als er sagte: „Das ist hier ein Buchladen und kein Zeitungskiosk!“