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6. Tag Von Pieve del Cairo nach Terme di Miradolo
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Mittwoch, den 25.April 2001
Grau, kalt, ungemütlich. Wie kann nach dem gestrigen sonnigen Tag so einer zum Weglaufen kommen? Apropos Weglaufen: In dieser frühen Morgenstunde ist die Straße unter unserem Fenster dicht bevölkert. Hunderte zum Lauf gekleidete Menschen bereiten sich für einen Volkslauf vor. Viele machen die in diesem Wetter wohl besonders nötigen Übungen zum Aufwärmen. Wenn hier so viele Menschen zum Lauf kommen, muss der heutige Tag ein Feiertag sein. Welcher?
Da wir nicht wissen, in welche Richtung gelaufen wird und befürchten, dass zum Start einige
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Straßen gesperrt werden, packen wir schnell zusammen und machen uns auf den Weg. Die gute Laune lässt auf sich warten. Der kalte steife Gegenwind ist auch nicht dazu angetan, die Radlerlust zu steigern. Dann passieren wir die riesigen, zum Himmel stinkenden Raffinerie-Anlagen von AGIP. Alles passt zueinander.
Im Ort danach, in Sannazzaro de’ Burgondi genießen wir in einer Bar das verspätete Cappuccino, als draußen Marschmusik erklingt. Alle Gäste, auch wir, begeben sich auf die Straße, um die Musikanten zu sehen. Ein Festzug wie aus den 50-er Jahren, als ob man hier ein Film aus dieser Zeit drehen würde, kommt um die Ecke.
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Vorne weg ein junger Mann, er trägt die Nationalfahne. Dahinter ein riesiger Kranz, auch der mit rot-weiß-grüner Schleife dekoriert und von zwei Männern getragen. Dann folgen die Honoratioren, in der Mitte der Bürgermeister mit der nationalfarbenen Schärpe. Dahinter marschieren die schräg spielenden Bläser und Trommler. Das Repertoire besteht aus einem einzigen Stück, nämlich aus dem alten Soldatenlied lla ciao“, das die Musiker endlos wiederholen. Hinter den Musikern folgen festlich gekleidete Menschen, Vertreter von Sportverein, Heimatverein, Veteranen, freiwillige Feuerwehr, Polizei, viele Fahnen und Standarte. Am Ende des Zuges marschieren zwei Polizisten mit.
Was uns auffällt, sind die betont ernsten Gesichter der Teilnehmer, die mit starr nach vorne gerichtetem Blick an uns vorbei defilieren und zu dem Heldendenkmal, das wie in jedem italienischen Dorf, so auch hier, vor der Kirche sich befindet, ziehen. Merkwürdig: Obwohl alle Rollen besetzt sind, sind es insgesamt nur etwa fünfzig Menschen, die den Umzug bilden. Als ob der Produzent des besagten Filmes die Kosten für Statisten sparen wollte...
Wir fragen einen alten Herrn, der mit uns zuschaut, was für ein Tag heute gefeiert wird. Er blickt uns verwundert an und antwortet: „Heute ist der 25. April, der italienische Nationalfeiertag!“ „Was wird an diesem Tag gefeiert?“ „Der Tag der Befreiung!“ antwortet er mit steigendem Staunen ob unserer Unkenntnisse. Ich überlege kurz: Die Lombardei wurde in der Geschichte oft umkämpft und noch öfter von Franzosen und Österreichern besetzt... „Welche Befreiung meinen Sie?“ frage ich unbedacht und kaum ist die Frage ausgesprochen, wird mir bewusst, dass diese wohl die falscheste aller Fragen ist.
„Natürlich 1945!“ sagt er fast empört und dreht sich von uns ab, um zu seinem Weinglas an der Theke zurück zu kehren.
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Heute wird es nicht mehr warm, im Gegenteil, es wird immer kühler. Die Strecke bis Pavia ist mehr Pflicht als Genuss. Es ist grau und diesig, aber der berühmte Nebel, der für die Poebene so typisch sein soll, ist es noch nicht, den haben wir noch nicht angetroffen.
Die alte gedeckte Backsteinbrücke Ponte Coperto, eines der Wahrzeichen von Pavia, die den breiten Fluss Ticino überquert, der einige Kilometer weit von hier in den Po mündet, erinnert uns wieder daran, dass die Flüsse hier von Zeit zu Zeit viel mehr Wasser führen, als jetzt. Die sechs gewaltig hohe Bögen würden im Bedarfsfall ein Meer von Wasser durchlassen. Auf einem hohen Vorsprung des Mittelpfeilers liegen jetzt noch ganze Bäume, die die Fluten des letzten Hochwassers hinterlassen haben.
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Zur Begrüßung regnet es. Aber Pavia ist schön, auch im Regen. Wie als Entschädigung für uns ist die Innenstadt für den motorisierten Privatverkehr gesperrt, wir können ungestört bis in das Zentrum radeln.
Vor der imposanten Renaissance-Fassade des alten Rathauses auf der Piazza della Vittoria ist die Befreiungsfeier vorbei, die Bühne wird bereits abgebaut. Dafür ist das andere Ende des länglichen Platzes um so bunter und lauter: Hier gastiert ein sizilianischer Wochenmarkt. Es ist eine PR-Verkaufsveranstaltung für sizilianische Landwirtschaftsprodukte, mit Musik und Volklore angereichert. Lauter feine, teilweise exotisch anmutende Leckereien, Würste und Käsesorten, eingemachte Paprika, Oliven, Melonen, getrocknete
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Tomaten, allerlei süßes Gebäck, alles zum Probieren und alles zum Erwerben. Die Verlockung ist einfach zu groß, die anderen Sehenswürdigkeiten müssen sich etwas gedulden.
Hinter dem Rathaus erhebt sich die Kuppel des Domes. Die kreuzförmige Kirche wurde in dem 15. Jahrhundert im Frührenaissancestil unter Mitwirkung von Bramante begonnen und jahrhundertlang weiter gebaut.
Neben dem Dom steht der hohe Turm Torre Maggiore. Eine Denktafel macht den Betrachter auf ein tragisches Ereignis aufmerksam: Vor wenigen Jahren wurden hier fünf Passanten von herabstürzenden Bauteilen erschlagen.
Früher hat man Pavia die „Stadt der hundert Türme“ genannt; in dem 17. Jahrhundert sollen es sogar hundertsechzig gewesen sein, die das Stadtbild bestimmten. Die meisten davon wurden später gekürzt oder abgebrochen, aber einige wenige dieser aberwitzig hohen Ziegeltürme haben der Zeit getrotzt und so dürfen wir die wie die nebeneinander stehenden Torre di San Dalmatio und den Torre Belcredi aus dem 13. Jahrhundert heute bewundern.
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Als wir Pavia verlassen, hört es auf zu regnen. An schmalen asphaltierten Nebenwegen radeln wir zum Weiler San Giacomo, wo nach unseren Informationen eine besonders schöne Kirche im lombardischen Renaissancestil zu finden sei. Nun, das Kirchlein erweist sich als wenigsagend, aber der Weg dahin ist idyllisch und völlig verkehrsfrei.
Belgioioso ist die nächste größere Siedlung auf der Karte. Die Kälte macht uns mürbe, wir wollen dort ein Zimmer suchen. Bei der Ankunft in der Stadt werden wir von dem großen Verkehr und von Menschenmassen überrascht. Was ist denn hier los? Wir erfahren, dass in Belgioioso eine internationale Modemesse stattfindet. Außerdem ist die Stadt ein beliebter Ausflugsort für die Milanesen, die den Feiertag für einen Besuch der hiesigen Festung aus dem 15. Jahrhundert, sowie den großen Park daneben nutzen. Die Unterkünfte sind jedenfalls alle besetzt.
In solchen Fällen hat sich immer wieder der Besuch in einer Bar als hilfsreich erwiesen. Wirtsleute wissen in der Regel recht gut darüber Bescheid, wo man in der näheren oder weiteren Umgebung übernachten kann. Der Herr hinter der Theke ist diesmal besonders hilfsbereit. Er hängt sich an das Telefon und fragt überall nach, ob sie noch
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ein Zimmer für uns hätten. Leider ist die nächste Schlafmöglichkeit noch weitere 20 Kilometer entfernt, in dem Badeort Terme di Miradolo. Wir beißen in den saueren Apfel, aber danach dürfen wir zur Belohnung im Albergo Castello ein hervorragendes Abendmenü genießen.
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