7. Tag Von Terme di Miradolo nach Piacenza

Donnerstag, den 26. April 2001

Weiterhin grau und kühl. Dieses Wetter soll nach der Wettervorhersage veränderlich sein. Hoffentlich bekommen wir bald die gute Seite von „Veränderlich“.
Hinter dem Kurhaus der Terme ist ein steiler Hügel. Es ist ein fast vergessenes, genüssliches Gefühl, nach so vielen flachen Etappen wieder Mal kräftig in die Pedale treten zu können. (Das Hinunterrollen an der anderen Seite ist auch nicht zu verachten.)

San Colombano al Lambro, auch ein Heilbad, ist ein gepflegtes Städtchen mit einer alten Burgruine auf dem Hügel. Darunter das mit Brückenturm und Zinnen

wehrhafte Palazzo Patrigno. Mehrere sehenswerte Kirchen ergänzen das malerische Stadtbild. Als dann auch noch die Wolken sich verziehen und die Sonne uns wohltuend die Rücken wärmt, finden wir den Tag, und das Leben überhaupt, großartig.

In Orio Litta erwartet uns ein Schloss, das wir in diesem kleinen Dorf in dieser Größe nicht vermutet haben. Wir erfahren, dass die im 18. Jahrhundert erbaute Villa Litta Carini auch das „kleine Versailles“ genannt wird und nach Willen des Bauherrn 365 Fenster haben sollte. Heute beherbergt der Bau unter anderem ein Museum für die Geschichte der Fotographie.

Kleines Hinweisschild am Straßenrand: Ein kleiner Wandersmann mit Rucksack und Stock. Vielleicht ein Pilger? Daneben die Zeile: „Via Francigena“. Was für ein Weg soll das sein?

Im nächsten Dorf, in Senna Lodigiana, besuchen wir kurz die weit sichtbare Dorfkirche, die aber nicht viel zu sehen

bietet. Nicht weit davon finden wir einen Brunnen und eine Bank daneben, wie für einen kleinen Rast für uns hingestellt. Wir ziehen uns um: Die Wolken haben sich aufgelöst und wenn die Sonne unbehindert herunter scheinen kann, wird es schnell warm.

Ein Herr um Fünfzig schaut uns freundlich zu und fragt, woher, wohin. Nachdem wir die Fragen beantwortet haben, nehmen wir die Gelegenheit wahr, ihn nach der Via Francigena zu fragen. Er bittet uns, kurz auf ihn zu warten und entfernt sich raschen Schritts. Wir warten eine ganze Weile. Ob er wieder kommt? Doch, er ist wieder da und hat uns einen Prospekt über der Via Francigena mitgebracht.

Dort lesen wir, dass dieser Weg einer der wichtigsten Pilgerwege nach Rom war und der in den letzten Jahren – ähnlich wie der mittelalterliche Jakobsweg nach Spanien – eine Wiederbelebung erfahren hat. So folgen heute wieder viele den Spuren der alten Pilger, die von Norden kommend hier in der Nähe, bei Corte S. Andrea, über den Fluss gesetzt haben. Wir erfahren, dass dies mit einer kleinen Motorfähre auch heute noch möglich ist. Ein kurzer Blick auf die Karte zeigt uns, dass diese Wegvariante auch jetzt für uns das günstige wäre, da wir so ein verkehrsreiches Stück des Weges nach Piacenza meiden können. Also, auf zur Fähre!

Der freundliche Herr sagt, er kann uns doch nicht allein zur Anlegestelle fahren lassen. Womöglich verirren wir uns noch auf den langen fünf Kilometern! Er holt sein Fahrrad und auch einen Freund, auch er mit Rad, und mit dieser Festbegleitung radeln wir auf der Dammkrone gutgelaunt dahin. Tief unter uns auf den Feldern sind die Bauern bei der Arbeit, und alle, die uns sehen, grüßen uns laut und erfreut ob unserer Mitradler.

Wir erfahren, dass hier vor sechs Monaten das Wasser über den Weg, an dem wir jetzt fahren, herüber schwappte. Es ist für uns einfach unvorstellbar! Dann müssen doch die Pappeln da unten bis zur Spitze in den Fluten gestanden sein!

Die Segnung der Technik sei gelobt: Mit dem Handy rufen wir den Fährmann an und es dauert keine Viertelstunde, bis wir das schnelle bullige Motorboot um die Kurve sausen sehen. Wir verstauen unser Gepäck und unsere Räder und dann geht es mit einem Höllentempo los zu der etwa 5 Kilometer flussabwärts liegenden jenseitigen Anlegestelle! Der Flussbett ist hier unreguliert, der Po mäandert von

einem Ufer zum anderen. Die Wassertiefe unter uns beträgt – es wird durch ein Echolot angezeigt – zwischen 1,5 und 4,5 Meter, man muss sich also sehr gut auskennen, um solche Geschwindigkeit zu wagen. Aber bei unserem Capitano ist das sicher der Fall: Er wohnt in einem einsam stehenden Haus hinter dem Deich und betrachtet seine Tätigkeit, wie er sagt, als Dienst an Heimat und Tradition. Übrigens man kann bei ihm auch übernachten und sich bekochen lassen. Wir bedauern, dass der Tag noch so jung ist. So wollen wir lieber weiter.
Die letzten fünf Kilometer nach Piacenza auf der stark befahrenen Landstraße sind schlimm, aber dann stehen wir auf der aufregend schönen Piazza dei Cavalli, die nach den zwei Reiterstatuen von Ranuccio und Alessandro Farnese aus dem 17. Jahrhundert benannt wurde. Dahinter steht eines der wundervollsten Rathäuser Italiens, das im 13. Jahrhundert erbaute Palazzo Municipale, genannt Il Gotico. Eine mit weißem Marmor verkleidete offene Bogenhalle bildet das Untergeschoss, darüber ruht das aus roten Klinkersteinen gestaltete und mit Zinnen gekrönte Obergeschoss, wo sich die Repräsentationsräume befinden.

Wir lassen uns von der sehr kompetenten und herzlichen Dame, die in dem hiesigen Touristenbüro die Fremden empfängt, Informationsmaterial geben und machen mit dem Rad eine Runde in den schmalen Gassen der Stadt.

Piacenza hat einige sehenswerte Kirchen, die wir jetzt besuchen. Gleich an der Ecke des Platzes, etwas zurückgesetzt, ist die große gotische Backsteinkirche San Francesco aus dem 13. Jahrhundert zu sehen. Nicht weit östlich hinter dieser Kirche öffnet sich der Domplatz mit der

hundert Jahre älteren Hauptkirche der Stadt. Die drei mit biblischen Szenen, sowie mit tierischen und menschlichen Figuren geschmückten Portale geben ein schönes Beispiel für die lombardisch-romanische Kirchenbaukunst. Die feierliche schlichte Innere ist nur spärlich dekoriert. Um so mehr beeindrucken uns die auf den Säulen angebrachten einfachen Figuren, die die ehemaligen Handwerksberufe – Bäcker, Schuhmacher, Färber, Radmacher – darstellen.

Am Nordrand der Altstadt ist ein enormer Klotz aus Ziegelstein, der ehemalige Palazzo Farnese, imponierend groß, aber ungeordnet in seiner Gestaltung. In den Nischen und Ritzen der

berghohen Wände haben viele Vögel Nistplatz gefunden, die jetzt den etwas düsteren Ort mit Flattern und Schreien beleben.

Die Stadt gefällt uns, wir wollen heute hier übernachten. Leider erweist sich die telefonische Quartiersuche recht unergiebig: Entweder ist das Hotel besetzt, oder für uns unbezahlbar teuer. Letztendlich nehmen wir ein Zimmer in einem Motel zehn Kilometer außerhalb der Stadt.

Nach dem wir in einer Pizzeria gut gegessen haben, radeln wir aus der Stadt zu unserer Unterkunft hinaus. Ein Vorteil: Das Motel liegt östlich der Stadt, also in der Richtung, wohin wir morgen weiterfahren wollen.