8. Tag Von Piacenza nach Zibello

Freitag, den 27. April 2001

Bei dem Frühstück entdeckt Suzanne, dass sie ihre Brille gestern abend in der Pizzeria vergessen hat. Sie hat es nach dem Studieren der Speisekarte auf dem Tisch liegen lassen.

Auf unsere wiederholten Anrufe meldet sich niemand. Was machen wir jetzt? Ohne ihre Lesebrille fühlt sich Suzanne nur begrenzt genussfähig. Es hilft nichts, eine Brille, die alte oder ersatzweise eine neue, muss wieder her. Wir müssen also zurück nach Piacenza.

Die Pizzeria macht um zwölf wieder auf. Die Zeit bis dahin ist leicht zu überbrücken: Noch eine Kirche, noch ein Palazzo. Außerdem wollen wir unsere inzwischen zu einer beträchtlichen Menge angewachsene Prospekten- und Kartensammlung nicht mehr weiter schleppen, sondern per Post nach Hause schicken.

Die Postämter scheinen auch in Italien dem selben Trend zu folgen, wie bei uns in Deutschland: auf postmodern getrimmt, aber kundenfeindlich. Nach einer halben Stunde in der Schlange erfahren wir, dass bei der Post weder ein Karton, noch ein Briefumschlag zu kaufen gebe.

Ein paar Häuser weiter finden wir ein Geschäft, einen altmodischen Laden, wo alles Mögliche an Bürokram zu bekommen ist. Eine weißhaarige Greisin fragt nach unserem Wunsch. Ja, sie hat Umschläge für uns, sie muss die aber erst finden. Die sollen auf dem obersten Brett eines hohen Regals liegen. Die uralte Dame klettert auf einen Stuhl, von dort auf einen Stapel von Papier, der auf einem zweiten Stuhl liegt, und schon hat sie für uns drei Umschläge zur Auswahl. Dass sie diese zirkusreife Nummer so lange überleben konnte und dabei nicht zum Tode gestürzt ist, kann nur mit dem schützenden Beistand des Heiligen Geistes erklärt werden. Wieder unten holt sie ein dickes Spiralheft, wo alle Waren fein säuberlich in Schönschrift per Hand eingetragen sind. Nach zwei Minuten findet sie den Preis: 1,40 DM.

Wir packen die Prospekte ein, warten in der Reihe vor dem Postschalter wieder eine halbe Stunde und wir haben das nächste Problem. Die Dame von der Post weiß nicht, welches Tarif sie berechnen soll. Uns wäre es mittlerer Weile egal, Hauptsache, dass sie ein Tarif berechnet. Nach einigen Telefonaten ist das Problem aus der Welt. Die ganze Aktion hat kaum anderthalb Stunden gedauert.

Es ist Mittag, die Pizzeria ist auf, wir wollen die Brille holen. Sie behaupten aber, keine gefunden zu haben. Wir haben keine Erklärung dafür. Enttäuscht kaufen wir eine neue Lesebrille und verlassen die Stadt.

Die nächsten zehn Kilometer sind die heißesten, die wir verkehrsmäßig bis jetzt erlebt haben. Eine nicht enden wollende Reihe von Lastzügen fegen - bedingt durch die relativ geringe Fahrbahnbreite – eng an uns vorbei. Es ist ein Segen, als wir bei Pontenure die Autopiste verlassen und schmale Nebenstraßen benutzen können.

In Cortemaggiore, eine hübsche Kleinstadt mit Arkadengängen und einigen schönen Kirchen, müssen wir die Frage beantworten, die uns seit Tagen beschäftigt: Wollen wir nach links, nach Cremona, oder aber rechts, nach Chiaravalle della Colomba, wo ein berühmtes altes Kloster zu

besichtigen ist. Es ist ein Umweg und Chiaravalle liegt gar nicht am Po, aber Cremona kennen wir von früheren Reisen, Chiaravalle noch nicht. Wir entscheiden uns für Chiaravalle.

Der Weg nach Süden führt durch ein friedliches, bäuerliches, weitläufig flaches Land. Viel Getreide, Mais, die Dörfer sind klein, die Kirchtürme niedrig. Um so mehr beeindruckt sind wir, als wir den hohen Turm des ehemaligen Klosters Chiaravalle aus der Ferne erblicken.

Das Kloster wurde am Anfang des 12. Jahrhunderts von einigen Zisterziensermönchen

gegründet, die aus dem französischen Stammhaus in Clairvaux – Chiaravala ist ein Verbalhornung von Clairvaux – eingewandert sind. Die freistehende imposante Klosteranlage macht auch dem heutigen Betrachter anschaulich, welche tragende Rolle der Orden der Zisterzienser in dem wirtschaftlichen und kulturellen Leben Europas im Mittelalter gespielt hat.

Die dreischiffige romanische Basilika wurde in den frühgotischen Zeiten eingewölbt und mit wunderbaren Fresken ausgeschmückt, die die Geschichte der Zisterzienser und das Leben des Ordengründers, des Heiligen Bernards, darstellen.

Rechts neben der Kirche befindet sich der berühmte Kreuzgang, ein besonders schönes und guterhaltenes Beispiel der romanischen Klosterarchitektur jener Zeit. In dem lichtdurchfluteten Quadrat wird die Monotonie durch den Wechsel von massiven Mauerpfeilern und zierlichen Doppelstützen aufgelockert. Besonders interessant finden wir die Gestaltung der Ecken, die von vier Stützen gehalten, aber miteinander zu Knoten verbunden sind. Ob dies in der Symbolsprache der Romanik eine Bedeutung hatte oder nur eine Spielerei war, die den Klosteralltag auflockern sollte, wissen wir nicht.
Turm, Kirche, Kreuzgang und auch die ergänzenden Bauten wurden aus Ziegelsteinen erbaut, wie überall, wo kein Bausteinvorkommen in der näheren Umgebung zu finden ist. Nur für dekorative Elemente, wie Säulenköpfe, Öffnungsrahmen oder schlanke Stützen wurden aus Marmor angefertigt, der von weit angeliefert wurde.

Die einsame beschauliche Klosterstille, die wir noch eben genießen durften, ist abrupt zu Ende: Zwei Busse voll acht- bis zehnjähriger Schüler ergießen sich schreiend - von noch lauter schreienden Pädagogen begleitet - in das Gotteshaus. Ob dies zum späteren Kunstverständnis führt?

Weiter geht es nach Busetto, in die Stadt von Giuseppe Verdi, der vor hundert Jahren verstorben ist. Anlässlich dieses Datums konnte kein europäischer Zeitungsleser oder Fernsehzuschauer es vermeiden, über Busetto genauestens informiert zu werden: das Opernhaus, die Burg, Villa Pallavicino, Palazzo Barezzi... Eigentlich ist Musik kein optisches Phänomen, das man in einer Stadt besichtigen

kann. Zehn Töne aus Verdis Requiem sagen mehr über den Komponisten, als die ausgiebigste Besichtigung seines Wohnhauses. So ist unser Rundgang in Busetto vielleicht zu kurz, aber was soll’s?

Es ist schon Abend, als wir in Zibello ankommen und in dem einzigen Gasthaus ein Zimmer nehmen. Die Speisekarte des Hauses ist etwas merkwürdig: Mehr als die Hälfte der Speisen ist mit Schinken zubereitet: Pizza mit Schinken, Spagetti mit Schinken, Reis mit Schinken, Erbsen mit Schinken. Unsere Verwunderung wird noch gesteigert, als Franzosen am Nachbartisch alles der Reihe nach bestellen, und bevor sie es essen, ausgiebig fotografieren. Dazu steigt ein Mann manchmal auf seinen Stuhl, um bessere Sicht auf seinen Teller zu bekommen. Was ist an diesem Schinken so besonderes?