9. Tag Von Zibello nach Guastalla

Samstag, den 28. April 2001

Gestern bei unserer späten Ankunft haben wir gar nicht gemerkt, dass Zibello ein ausgesprochen hübscher Ort ist. Auf dem Hauptplatz unter den Arkaden sind Cafés und kleine Geschäfte, unter anderem auch ein Metzger. In dem Schaufenster sind hauptsächlich Schinken, Schinken in jeder Form und Größe zu bewundern. Auf der Reklametafel vor dem Laden ist zu lesen, dass in Zibello die Geburtsstätte „des Königs aller Schinken“, das Culatello di Zibello, ist. So ist das also mit dem gestrigen Fototermin der Franzosen.

Wir erfahren, dass das Culatello ein Art Wickelwurst ist. Das beste Schinkenfleisch wird im Stück mit wenig Meeressalz, Pfeffer, Knoblauch und Weißwein gewürzt und in einer Schweineblase eng umwickelt. Dann kommt das Wichtigste: die mindestens zwölf Monate dauernde Reifezeit, in der das gute Stück erst in winterlich-nebliger Luft der Flussnähe, dann einige Zeit im Keller, und schließlich in heißer Sommerluft getrocknet wird. Das Ergebnis ist kaum zu beschreiben,

es muss einfach probiert werden. Es ist der beste Schinken, den wir je im Leben genießen durften!

Der Tag ist, wie man sich immer wünscht: klarer blauer Himmel, angenehm laue Luft, Windstille, verkehrsarme Nebenstraßen. Wie im Traum rollen wir dahin.

In Roccabianca steht in der Ortsmitte, ein wenig hinter neueren Häusern versteckt, eine malerische Wasserburg mit massigem quadratischem Wehrturm. In unserer Zeit scheint sie keine Anwendung gefunden zu haben und so modert dieser märchenhafte Zeuge der Vergangenheit trotzig vor sich hin.

Das flache Land um Colorno ist durch zahlreiche Bäche und Kanäle durchzogen, die der Entwässerung der ehemals sumpfigen Felder dienen. Andererseits sind gerade diese Wasserläufe Quellen von Gefahr, zumal wenn extremes Hochwasser die Sperrschleusen rückwärts überwindet und sich ein Rückstau bildet. In solchen Fällen wird das Wasser eher verteilt als zurückgehalten. Um dieser Gefahr zu begegnen hat man hier auch die winzigsten Rinnsale mit haushohen Deichen eingefasst. Die Notwendigkeit dieser aufwendigen Schutzmaßnahmen ist in normalen Zeiten, wie beispielsweise heute, kaum nachvollziehbar. Dann aber sehen wir, wie an einigen Stellen die Deiche erneuert werden müssen, weil sie vor sechs Monaten wie

Maulwurfhügel weggespült wurden. Auch ein stählerne Fußgängerbrücke, die zwei Ortsteile verband, liegt jetzt verbogen im Bachbett: Die Flut hat den Mittelpfeiler weggespült.

Colorno wurde schon in dem 14. Jahrhundert befestigt, um die Handelsstraße zu überwachen, die vom Po-Überquerung nach Parma führte. In den späteren Zeiten wurde die alte Burg wohnlicher gemacht, und diente als Treffpunkt für Künstler und Wissenschaftler. Am Anfang des 18. Jahrhunderts ist der Besitz dem Fürsten Farnese zugefallen, der das heutige Schloss erbauen ließ. Das gut gepflegte, riesige Gebäudekomplex mit dem weitläufigen Barockgarten dahinter ist heute die Hauptsehenswürdigkeit der Stadt und wird für Ausstellungen und Konzerte genutzt.
Nach kleinen Dörfern erreichen wir Brescello, wo vor fünfzig Jahren der Film „Don Camillo und Peppone“ gedreht wurde. Heute versucht der hübsche Ort diese Tatsache gewinnbringend zu vermarkten, indem er sich mit dieser Reklame über die anderen, ähnlich hübsche Ortschaften der Umgebung zu erheben trachtet.

Kurz vor unserem Tagesziel fahren wir durch das Renaissance-Städtchen Gualtieri mit dem weiten Schlossplatz. Es wäre lohnend hier länger anzuhalten, aber wir sind müde und wollen die Fahrt für heute bald beenden.

In Guastalla suchen wir ein Zimmer. Das Angebot ist typisch für diese Gegend. Es gibt hier drei Hotels, alle drei mit drei Sternen, preislich kein Unterschied, alle sind ziemlich teuer und ohne Alternative. Einfachere Hotels, Albergo oder gar Privatzimmer gibt es hier keine. In ähnlich attraktiven deutschen oder österreichischen Landstrichen steht in jedem

Dorf ein Gasthaus und auf jedem dritten Haus das Schild „Zimmer frei“. So ist die Unterkunft der Hauptkostenfaktor dieser Reise.

Bei den hohen Zimmerpreisen wollen wir heute beim Essen sparen und das heißt hier: anstelle Trattoria eine Pizzeria. Wir bestellen Pizza und den Hauswein. Es wird ein auffallend guter Tropfen gebracht, aber der, den wir bestellt haben, ist er nicht: Die Flasche macht mehr als die Hälfte des Rechnungsbetrags aus. Ein unnötiges Ärgernis.

Zum Abschluss des Tages noch eine Misere: Unter unserem Fenster ist ein Hundezwinger, in dem ein armes Tier herzzerreißend heult. Erst als ich mich um Mitternacht energisch beschwere, wird der Hund anderswo hingebracht.