10. Tag: Von Guastalla nach Quistello

Sonntag, den 29. April 2001

Trotz dem Ärger in der Nacht gefällt uns Guastalla ausgesprochen gut. Die Macht der Stadt ergab sich aus der günstigen strategischen Lage: Sie liegt genau auf dem halben Weg zwischen Mantua und Parma am Po. Zwei Konzile, die hier stattgefunden haben, zeigen die hohe Bedeutung, die Guastalla schon im 11. Jahrhundert besaß. In den späteren Jahrhunderten hat sich die Stadt unter der Herrschaft der Gonzaga weiter entwickelt, wovon viele der heute noch vorhandenen prachtvollen Paläste und Kirchen Zeugnis geben. Einige Straßen und Plätze sind mit Laubengängen versehen, so auch die zentrale Piazza Mazzini, wo auch der Palazzo Ducale, das Rathaus, sowie die Kathedrale San Pietro stehen. Die zwei Gotteshäuser, die uns am besten gefallen, liegen ein wenig außerhalb der Stadt.

Die romanische Kirche La Pieve wurde im 11. Jahrhundert erbaut. Der dreischiffige Bau hat viele Jahrhunderte und Hochwasserkatastrophen relativ gut überstand. Im Inneren befinden sich einige schöne vier- bis sechshundert Jahre alte Fresken, eine besonders liebliche gotische Madonna mit Kind und ein altes romanisches Taufbecken.

Neben dem Eingang hat eine Dame einen Verkaufstisch aufgebaut, der mit feinen hausgebackenen Kuchen vollgepackt ist. Die appetitlichen Backwerke werden für wohltätige Zwecke feilgeboten. Eine sehr verführerische Situation, aber mit dem Fahrrad Kuchen zu transportieren ist zu schwierig und auch der

kleinste Kuchen ist größer, als wir ihn am Ort und Stelle so kurz nach dem Frühstück aufessen könnten. So müssen wir es bei dem optischen Genuss belassen.

Die andere Kirche, die in Guastalla unbedingt besucht werden muss, ist die Oratorio di San Giorgio. Da wir unsicher sind, ob wir sie finden, fragen einen alten Herrn, der gemächlich vorbei radelt. Er lässt es sich nicht nehmen, uns hinzuführen. Das ist wohl auch nötig, da das Kirchlein etwas versteckt und unerwartet klein ist. Dafür aber außergewöhnlich stilrein, wie aus dem

Lehrbuch für romanische Architektur. Der einfache dreischiffige Bau aus rotem Backstein bietet im schlichten Inneren einen wunderbaren sakralen Raum für Verweilen, Besinnen, Beten.

Eine liebe ältere Dame, die die Blumen auf dem Altartisch ordnet, wartet ab, bis sie meint uns nicht mehr zu stören, und zeigt uns einige Freskenreste und Steinreliefs, die sonst unsere Aufmerksamkeit entgangen wären. Auch erwähnt sie, dass, bevor die Deiche erbaut wurden, die Kirche fast jährlich überschwemmt wurde, also mehrere hundert Mal in ihrer Geschichte. Ob das unsere heutigen Bauten überstehen würden?

Egal, wo wir herfahren und mit wem wir sprechen, der Fluss und das Hochwasser, das sind die Themen, die spätestens nach drei Minuten die Gespräche dominieren. Teilweise sind es archaisch anmutende Erinnerungen auf den lebensspendenden und Leben raubenden Fluss, der in der modernen Zeit seinen apokalyptischen Schrecken zwar verloren hat, aber als unberechenbare Bedrohung

von Hab und Gut heute noch hinter den Deichen lauert. Früher, als die Schutzdeiche noch niedriger waren und das Wetter noch nicht mit Satteliten beobachtet wurde, hatten die Anwohner versucht, anhand von Naturbeobachtungen eine Hochwasserprognose zu machen. Beispielsweise achtete man darauf, ob und wie hoch die Schnecken auf die Baumstämme klettern, um daraus auf die Höhe der kommenden Fluten zu folgern.

Am Vormittag sind wir in Luzzara. Heute ist es wärmer, als in all den vergangenen Tagen. Auf der Piazza zwischen dem hohen Stadtturm und der Bar an der Ecke stehen drei dutzend Männer beim Sonntagsklön. Nur Männer. Die

Frauen sind wahrscheinlich in der Kirche oder in der Küche zu Hause beim Kochen. Hier scheint die Welt noch in „Ordnung“ zu sein.

In dem nächsten Dorf, Suzzara, ist Antikmarkt. In den Plätzen und Gassen der alten Ortsmitte haben die Händler ihre Stände aufgebaut. Ein schöner Markt, eine gute Stimmung, auch durch den warmen, sonnigen Tag bedingt. So ein Markt ist für mich, alter Sammler, ein besonderes Vergnügen. Es gibt viel Glas, gutes Porzellangeschirr, auch Stilmöbel, diese allerdings oft nachgemacht. Die Preise sind nicht viel anders als bei uns. Auffällig ist die hiesige Vorliebe für das Farbige, Dekorative, etwas Barocke, ja manchmal Kitschige.

Es ist heiß geworden. Ausgerechnet heute habe ich irgendwo liegen lassen. Da ich extrakurze und sowieso

zuwenig Haare habe, muss ich mich gegen Sonnenstich schützen. Ich binde mir ein Halstuch nach Piratenart um den Kopf und hoffe, dass ich die Betrachter an den Tour de France-Sieger, Marco Pantani, erinnere. Allerdings nicht, was unsere Geschwindigkeit betrifft. Der Ostwind wird am Nachmittag immer stärker und obwohl unser Weg von Mottegiana bis San Benedetto Po auf dem guten Deichweg in schöner Umgebung verläuft, macht uns der heiße Gegenwind mürbe.

Die Ortschaft San Benedetto Po hat ihren Namen von dem gleichnamigen Benediktiner Kloster erhalten. Die Gründung im 10. Jahrhundert wurde von der Bonifatiustochter Mathilde veranlasst, die dem Sagen nach gern die Mönchkutte getragen hat. Die Brüder haben große Verdienste erworben, in dem sie das sumpfige Gelände

trocken gelegt und für die Landwirtschaft urbar gemacht haben. So war das Kloster lange Zeit ein Hort von Kultur und Wirtschaftsblüte. Die ursprünglich romanische Kirche wurde später in Renaissance-Stil umgebaut und der Gebäudekomplex immer wieder erweitert, so dass wir heute nicht nur einen, sondern gleich drei Kreuzgänge bewundern können.

Nach der Besichtigung sind wir müde und würden gern in San Benedetto übernachten, aber das ehemalige Albergo hat die Zeiten auch hier nicht überlebt: In diesem herrlichen Ort gibt es keine Unterkunft. So radeln wir sieben Kilometer weiter nach Quistello, wo zwar nicht viel zu sehen ist, aber ein Hotel auf uns wartet.

Gleichzeitig mit uns hat sich eine italienische Radlergruppe von etwa zwanzig Personen in das Hotel einquartiert. Sie sind Teilnehmer einer dreitägigen Reise, die von einem Reiseveranstalter aus Mantova organisiert wurde. Sie sind die ersten Tourenradler, denen wir auf unserer Reise begegnen.