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12. Tag: Von Bondeno nach Serravalle
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Dienstag, den 01. Mai 2001
Schon wieder ein Feiertag. Dem Anlass entsprechend ist der Himmel blau und die Luft mild, die Straße wartet auf uns. Leider hat nachts mein rechtes Knie geschmerzt. Früher wurden solche Beschwerden auf dem Weg mit der Zeit weniger. Und jetzt? Das ist nicht schön!
Wir fahren auf einer langen geraden Nebenroute nach Ferrara. Kein Autoverkehr stört das Summen der Ketten und Reifen, wir kommen gut voran. Allerdings ist an diesem windstillen Morgen die Luft so mit kleinen schwarzen Fliegen gesättigt, dass wir bald wie schwarzgepunktete Mohnkuchen erscheinen. Auch aus unseren Augen und Ohren können wir später Dutzende dieser Tierchen heraus befördern.
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In dem kleinen Örtchen mit dem schönen Namen Diamantina ist Hundeausstellung. Hunderte von Autofahrern haben ihre Tiere angeliefert, die jetzt gekämmt und getrimmt werden, bevor sie sich zur Schau stellen. Von Weitem haben wir erst gedacht, dass es eine Erster-Mai-Veranstaltung sei und wunderten uns, wieso hier in der Pampa. Aber der 1. Mai ist auch nicht mehr das, was es einmal war.
Unser erster Weg in der doch recht festlichen Ferrara führt uns in das Touristenbüro, das in der alten Festung in der Stadtmitte untergebracht ist. Unseren gemischten Erfahrungen, die wir in solchen Einrichtungen gesammelt haben, wird hier mit einer weiteren Negativerfahrung ergänzt. Von den zwei jungen Damen, die hier Dienst tun, spricht die eine überhaupt keine Fremdsprache. Macht nichts, Suzanne spricht ja Italienisch. Nachdem wir die Hotelliste, die wir erhalten, angeschaut haben, bieten wir sie, eins dieser Häuser für uns anzurufen und fragen, ob ein Zimmer für uns frei sei. Dies verweigert sie einfach: Dafür ist sie nicht zuständig. Wofür denn sonst? Wir können diese Gefälligkeit in jeder Bar an der Ecke bekommen, nicht aber in dem offiziellen Fremdenverkehrsbüro der wunderschönen Ferrara.
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Ferrara ist nämlich eine Offenbarung, die alle anderen Städte unserer Reise übertrifft! Die bis heute fast vollständig mit einer Stadtmauer umringte Stadt hat ihre Glanzzeit in dem 15. Jahrhundert erlebt, als sie unter der Herrschaft des Hauses Este mit den mächtigen Nachbarn Venedig und Mantua konkurrierte. Die damals angelegten weitläufigen Plätze und geradlinigen breiten Straßen, sowie die Macht und Reichtum demonstrierende Paläste und Kirchen haben die Zeiten relativ unverändert überstanden so, dass der heutige Betrachter zumal an Feiertagen, wenn der motorisierte Verkehr aus der Innenstadt weitgehend verbannt ist und die Einwohner ungestört auf den sonnigen Straßen flanieren können sich in eine mittelalterliche Straßenszene versetzt fühlt.
Das Zentrum wird von dem gigantischen, im 14. Jahrhundert aus rotem Backstein erbaute Burg der Este beherrscht. Die mit massigen Ecktürmen, Wassergräben und Zugbrücken beschützte Festung erscheint mit den damaligen militärischen Mitteln heute noch uneinnehmbar. Südlich der Burg steht das Renaissance-Schloss der Herzöge, wesentlich wohnlicher als die alte gotische Burg. Gleich dem Schloss gegenüber erhebt sich die romanische Marmorfassade der Kathedrale, eine riesenhafte, innen im Barockstil umgestaltete Kirche. Allein der Besuch dieses
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Ensemble wäre für unsere Reise ein guter Grund. Und dabei ist es noch lange nicht alles, was Ferrara so sehenswert macht! Unzählbar sind die wunderbaren Paläste, von denen ich hier nur das berühmte Palazzo dei Diamanti, auch ein Palast der Este, namentlich erwähnen möchte.
Nach einer ersten flüchtigen Stadtbesichtigung verlassen wir Ferrara und freuen uns über das baldige Wiedersehen auf dem Rückweg. An diesem sonnigen Feiertag sind ungewöhnlich viele Radfahrer unterwegs, allerdings nur in der Stadtnähe. Nach einigen Kilometern sind wir wieder so gut wie allein.
Ich habe erwähnt, dass im ersten Teil unserer Reise der Fluss sich unseren Blicken meistens entzogen hat. Dies hat sich seit San Benedetto Po geändert. Wir können in der Regel den Deichweg benutzen, und die Deiche verlaufen hier zumeist eng am Flussufer. So können wir beispielsweise die Fischer beim Netzlegen beobachten. Schiffe sehen wir selten, da das Wasser auch hier noch zwischen Kiesbänken hin- und herschlängelt und die Wassertiefe sich von Tag zu Tag ändert.
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Die weitläufige Landschaft hat nach wie vor ihren eigenen Reiz, aber die Dörfer sind eher von Heute als von Gestern und sie zeigen weniger Spuren der alten Pracht, als wir es weiter flussaufwärts gesehen haben.
Als wir uns dem kleinen Dorf Francolino nähern, werden wir von dem aufwendigen Glockenspiel der Kirche empfangen, das uns auch noch hinter dem Dorf lange begleitet. Wem spielen die Glocken? Fremden kommen hier selten vorbei und ob die Einheimischen die langen Lieder noch überhaupt hören?
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Der Wind, der Wind! Der weht auf der ganze Reise uns meistens heftig entgegen. Auch die Hitze steigt, und damit auch unser Durst. Die mitgebrachte Trinkflaschen sind schnell geleert und wir müssen immer wieder den Deichweg verlassen, um unten in den Dörfern neues Trinkwasser zu tanken. Bis etwa Guastalla haben alle Gemeinden öffentliche Brunnen mit Trinkwasser gehabt. Seit drei Tagen müssen wir das Wasser in Kneipen kaufen.
In Guarda ist die Kirche eigenartigerweise mit der Portale zum Deich und mit dem Rücken zum Dorf ausgerichtet. Wir begrüßen sie wie einen alten Bekannten, obwohl wir noch nie hier gewesen sind. Guarda und ihre Umgebung ist der Schauplatz, an dem der berühmte Roman, eine Familiensaga, von Riccardo Bacchelli Die Mühle am Po spielt.
Der Kampf mit dem Wind wird immer verbissener, aber wir müssen weiter: Die nächste Übernachtungsmöglichkeit liegt hinter Serravalle. Die letzten Kilometer sind wirklich ätzend. Wir legen Gänge ein, womit wir normalerweise auf der Glocknerstraße hochfahren könnten, aber gegen dieses inzwischen stürmische
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Gebläse hilft es uns nur wenig. Ein Herr, den wir in Berra nach unserer Unterkunft fragen, sagt, es sei noch vier Kilometer. Am Ende sind es zehn.
Endlich ist es geschafft, wir sind angekommen. Das Haus, die Villa Giglioli, wird von einer Initiativgruppe bewirtschaftet, die die Wiedereingliederung von sozial benachteiligten Jugendlichen zum Ziel gesetzt hatte. Auch die Zimmervermietung mit Frühstück gehört zum Finanzierungsprogramm der Einrichtung. Zum Erlebnis wird diese Übernachtung aber erst dadurch, dass die Räume des ehemals prächtigen, heute etwas restaurierungsbedürftigen Palazzo aus dem 18. Jahrhundert durch und durch mit
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farbenfrohen Fresken bemalt sind. So springen über unserem Bett zwei Pferde voller Lebensfreude auf einer Blumenwiese. Wenn wir hier nicht gut schlafen werden, wo sonst?
Leider liegt das nächste Lokal, wo wir was zum Essen bekommen könnten, fünf Kilometer entfernt. Hin und zurück ist es zehn. Wir sind aber erschöpft und nicht mehr in der Lage, uns noch einmal auf das Rad zu setzen. So gehen wir ohne zu essen ins Bett.
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