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Vor der Reise Man kann mir beim besten Willen nicht nachsagen, dass ich die Tschechen besonders mag. Als geborener Ungar, dem seine Sozialisation in einer Zeit um die Ohren geschlagen wurde, als der Frieden von Trianon, die ungarische Variante des Friedens von Versailles, nicht Mal zwanzig Jahre alt war, bekam ich meine diesbezüglichen Vorurteile mit der Muttermilch verabreicht. Und wie das Leben so spielt, wurde diese negative Einstellung später bei meinem bisher einzigen Besuch in Tschechien fatal verstärkt. Das kam so: |
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Als ich 1962 unmittelbar nach meinem Studium in Budapest heiratete, verbrachte ich mit meiner Frau unsere Hochzeitreise eine Reise per Anhalter und mit Rucksack in der Slowakei, Polen und eben in Tschechien. Damals gab es in den sogenannten sozialistischen Ländern zwar die Möglichkeit, mit Reisegruppen in den „Bruderländern“ zu reisen, aber fast gar keinen Individualtourismus. Dass wir auf eigene Kappe reisten, hat meistens Staunen hervor gerufen, aber ungeachtet dieser Tatsache und trotz unserer sehr begrenzten materiellen Möglichkeiten, hatten wir auf dieser Reise nirgendwo Schwierigkeiten, da wir überall Menschen trafen, die uns, besonders wenn sie hörten, dass diese unsere Hochzeitsreise ist, in aller nur erdenklichen Weise behilflich waren. Bis auf Prag. Nach Prag kamen wir am Ende der Reise und hatten vor nach all den Entbehrungen und Strapazen, die so eine spartanische Reise neben aller Freude nun Mal mit sich bringt in Prag einige Erholungstage zu verbringen und unser Restgeld in Hotels und Restaurants zu verprassen. Nach einer Nachtfahrt kamen wir müde in Prag an, und als erstes wollten wir ein Zimmer suchen, wo wir, bevor wir uns von der „goldenen Stadt„ verzaubern liessen, ein wenig Ruhe zu finden hofften. |
Plakat des tschechischen Künstlers Alfred Mucha |
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Was wir an diesem Tag beim Zimmersuchen in Prag erlebten, glich einem Albtraum und bald wusste ich, dass es kein Zufall sein kann, dass Kafka ausgerechnet in Prag gelebt hat. Überall, wo wir in Sache Unterkunft vorsprachen, konfrontierte man uns mit der Frage, wieso wir ohne eine Reisegruppe unterwegs wären, und wie wir es überhaupt uns vorstellten, ohne eine geeignete Organisation hier zu erscheinen und zu erwarten, dass es mit der Unterkunft auch noch funktionierte. Einmal mussten wir sogar hören, dass so etwas Chaotisches sicherlich nur einem Ungarn einfiele: Die haben ja bei der „faschistischen Konterrevolution„ in 1956 bewiesen, dass sie mit der sozialistischen Ordnung nichts am Hut haben! Warum soll ich diese Geschichte in die Länge ziehen? Wir bekamen damals keine Unterkunft in Prag, nicht für Geld und nicht für gute Worte. Wir sprachen später fremde Menschen auf der Straße an, junge und alte, es war nichts zu machen! Mir ist sowas weder davor noch danach im Leben passiert! |
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Am Nachmittag stiegen wir, ohne Prag richtig gesehen zu haben, in den Zug ein und fuhren nach Ungarn zurück. Ich war so verbittert, dass ich, als der Zug losfuhr, mich in der Wagontoilette einschloss, um unbeobachtet weinen zu können. Meine Abneigung gegen die Tschechen war danach so groß, dass ich mehr als klammheimliche Freude empfand, als sie 1968 von ihren heißgeliebten sozialistischen Brüdern überfallen wurden. Lange Zeit dachte ich nicht Mal im Traum daran, je freiwillig in Tschechien zu reisen. Lang, lang ist es her! Ich bin, wenn auch nicht unbedingt weiser, jedenfalls älter geworden. Die damaligen Genossen, die mich ärgerten, sind wahrscheinlich längst mit ihrem Josip Wisarjonovitsch in der Hölle vereint, und das ist gut so. Es ist Zeit, nach einundvierzig Jahren einen neuen Anlauf zu nehmen, um Prag zu sehen. Vielleicht klappt's diesmal besser. So weckte die Idee von Suzanne, eine Radreise an der Moldau entlang zu machen, sofort meine Neugier. Also auf nach Tschechien! |