Donnerstag, den 05.06.2003
Von Hžiměždice nach Prag

Wir haben eine herrlich ruhige Nacht verbracht. Das ist der große Vorteil von diesen kleinen Dörfern: Hier, wo es nicht Mal Füchse gibt, die sich „Gute Nacht“ sagen könnten, ist die Nacht still, wie wir es gar nicht mehr kennen.

Dann die absulute Überraschung: Auf uns wartet das üppigste und beste Frühstück der ganzen Reise! Kaffee, Kuchen, frische Semmeln, Käse, Wurst, Marmelade, Honig... Ich will es gar nicht glauben, es ist aber wahr!

Hier noch eine Besonderheit der tschechischen Gastronomie: Bei den Gerichten werden alle Bestandsteile einzeln angegeben und berechnet. Da steht zum Beispiel nicht „Gulasch mit Knödel 89 Kronen“, sondern „100 gramm Gulasch 58 Kronen, Knödelbeilage 25 Kronen, Gedeck 6 Kronen“. Das macht zwar insgesamt auch nur 89 Kronen, also etwa 3 €, aber warum soll man die Dinge einfach machen, wenn es auch kompliziert möglich ist.

Auch jetzt wird die Rechnung für unser Frühstück nach dieser Methode erstellt: „Zwei Scheiben Käse 6 Kronen, zwei Tütchen Zucker 2 Kronen, drei Töpfchen Kondensmilch 6 Kronen,“ usw. Am Ende ist es eine Rechnung mit etwa 25 Einzelposten, die zusammen addiert für das ausgezeichnete Frühstück für zwei Personen nur etwa 4 € ergeben.
Der weitere Weg ist ähnlich wie der von gestern. Wir fahren weit von dem aufgestauten Fluss über die kleinen Dörfer, die in der hügeligen Gegend zerstreut liegen. Steil hoch, steil hinunter, immer wieder und wieder. Bezeichnenderweise haben nicht die Tage, die wir in den Bergen des Böhmerwaldes hinterlegt haben, die meisten Steigungen mit sich gebracht, sondern der gestrige und der
heutige Tag. Heute ist es noch heißer als gestern, aber wir werden jeden Tag besser. Gut, dass die Reise bald zu Ende geht, sonst wäre nicht Mal das Col du Tourmalet vor uns sicher.

Nichts, aber tatsächlich gar nichts, deutet darauf hin, dass hier in der Nähe irgendwo ein Fluss, ja der tschechische Nationalfluss sich befindet. Aber, wie bereits erwähnt, die Moldau fließt ja auch nicht mehr. Smetana müsste heute für seine symphonische Dichtung ein anderes Thema suchen.

In der Mittagszeit kommen wir nach einer langen Abfahrt nach Stěchovice und damit doch wieder zum lange vermissten Fluss. Bis Prag ist es nur noch 25 Kilometer. Die Uferstraße ist am Anfang noch recht brauchbar zum Radeln, aber je mehr wir uns Prag nähern, um so dichter und störender wird der Autoverkehr. So sind wir froh, als wir bei Zbraslav diese Schnellstraße verlassen können. Hinter dem Ort gibt es sogar einige Hinweisschildchen für Radler, kleine gelbe Schilder, auf denen ein Rad und eine Nummer zu sehen ist.

Wir sind solchen Zeichen seit Anfang unserer Reise immer wieder begegnet, aber es wurde dabei nie mitgeteilt, was die Zahlen bedeuten, welche Zahl welche Route bezeichnet. Ein Geheimcode für Insider. Egal, wir folgen diesmal den Schildern nach dem Motto: „Alle Wege führen nach Prag!“

Brücke bei Stěchovice
Prag, Staroměstské Náměsti

Es geht dann auch ohne Probleme bis etwa Zlichov, ein vorgeschobener Stadtteil Prags, wo der Fahrradweg in den großstädtischen Verkehr mündet. Die Einfallstraße ist mit grobem Kopfstein gepflastert, und die Straßenbahnschienen sind nicht in der Mitte der Fahrbahn, sondern am Rande, wo normalerweise die Radler fahren. Wenn der Tram von hinten kommt, können wir nur auf den Gehweg flüchten. Aber auch dieses unerfreuliche Stück des Weges ist irgendwann mal zu Ende. Nur noch über die Moldaubrücke Most Legii, noch ein wenig Verkehrsgewühl, dann folgt schon die altstädtische Fußgängerzone, und plötzlich stehen wir an dem berühmten Platz Staroměstské Náměsti und sind von der unerwarteten Herrlichkeit dieses Ortes wie erschlagen! Es ist ein Gefühl, wie man es ähnlich nur auf dem Plätzen Piazza del Campo in Siena oder Piazza San Marco in Venedig erleben kann: feierlich aber heiter, monumental aber menschlich, alt aber lebendig, einfach wunderbar!

Ich bin begeistert, und gleichzeitig fühle ich mich etwas beschähmt. Ich habe zwar immer wieder gehört und gelesen, dass Prag, die „Goldene Stadt“, etwas Besonderes wäre, aber das wird auch über viele andere osteuropäische Städte erzählt, ob die Krakau, Budapest oder Moskau heißen. Dabei habe ich immer den Verdacht, dass diese Städte nur unter einem bestimmten Gesichtspunk so positiv beurteilt sind: Sie sind in ihren ärmlichen Umgebungen singulär, und dazu bei uns relativ unbekannt. Es ist schick, diese Städte wunderbar zu finden. Ich war ziemlich sicher, dass auch Prag in dieser Kategorie der Städte gehört. Nun, das tut es nicht! Es bedarf nur Minuten, bis wir uns zu den Prag-Bewunderern zählen!
Wenn wir unseren Blick von den hohen Türmen auf den Platz heruntersenken, erblicken wir die knochenharte Realität aller herausragenden Sehenswürdigkeiten dieser Welt: Ein beängstigender Touristenrummel mit tausenden von Menschen aus allen Herren Ländern, die meistens in Gruppen hinter einem Individuum herlaufen, das seinen Führungsanspruch mit einem hochgehaltenen Fähnchen oder einfach mit einem bunten Regenschirm anzeigt.

Diese „Fähnriche“ bewegen sich, ohne hinter sich zu schauen, flink von einem Objekt zum anderen, um dort schnell einige Sätze zu sagen, bevor sie weiterhasten. Dabei kreuzen, ja sogar durchdringen sich die verschiedenen Gruppen, dem zufolge einige Mitglieder die Orientierung verlieren und versuchen verzweifelt, über die Köpfe der Menge den richtigen Regenschirm wieder zu finden. Mir kommt der Gedanke, dass wenn ich jetzt mit einem hochgehaltenen Regenschirm hier völlig sinnlos herumlaufen würde, könnte ich innerhalb von kürzester Zeit eine große Gefolgschaft hinter mich vereinigen.
Wir haben aber keinen Regenschirm, obwohl wir einen bald gebrauchen könnten. Dunkelgraue Wolken eines Sommergewitters lassen das Tageslicht schwinden, und der losbrechende, heftige Sturzregen jagt uns samt Fahrrädern unter das erstbeste Dach, das wir finden. Wir flüchten mit vielen anderen Touristen unter die Arkaden eines schönen Palastes neben dem bekannten Uhrenturm.

Das ist allerdings ein Fehler, der offensichtlich nur einem ortsunkundigen Fremden unterlaufen kann. Dieser exponierte Platz mitten in der goldenen Stadt Prag wird nämlich – mangels entsprechender üblicher Einrichtungen – von den täglichen Menschenmassen als öffentliche Bedürfnisanstalt missbraucht. Entsprechend bestialisch ist der Gestank, den wir, von dem Regen gefangen gehalten, erleiden müssen. So ist es verständlich, dass wir gar nicht das Ende des Wolkenbruchs abwarten, sondern uns bald hinaus in den Regen begeben.

Unterkunft finden wir etwas außerhalb der Altstadt in „Hotel Sofia“. Die Preise sind um das Vierfache höher, als wir bis jetzt bezahlt haben, etwa 80 Euro für das Doppelzimmer. Das ist für uns noch gut akzeptabel, aber immerhin soviel pro Nacht, wie die halbe Monatsrente eines hiesigen Ruheständlers ist. Das Haus ist, milde gesagt, etwas altehrwürdig und beim besten Willen nicht als luxuriös zu bezeichnen. Es gibt vier Stockwerke, aber keinen Aufzug, der Teppichbelag ist fleckig und am Rand aufgerissen, die Zimmer werden nach zwei Tagen weder gereinigt noch aufgeräumt. Dafür gibt es aber ein Frühstücksbuffet, das keine Wünsche übrig läßt.

Was wir erst beim Frühstück merken, der Hotelname „Sofia“ ist durchaus ernst gemeint: Es ist ein bulgarisches Hotel mitten in Prag. Im Fernseher laufen bulgarische Filme, die Beschriftungen in dem Speisesaal sind in kyrillisch gehalten, und die Wände sind mit einer aus zehn Landkarten bestehenden Bildreihe dekoriert, die zeigt, wie das Bulgarische Reich im Lauf der Jahrhunderte sich immerzu vergrößerte, bis die halbe Welt zu Bulgarien gehörte. Naturgemäß fehlen die letzten sechshundert Jahre. Schade, dass Amerika damals nocht nicht entdeckt worden ist, sonst wäre sie sicherlich auch bulgarisch gewesen.

Am Abend besuchen wir eine Bierhalle in der Nähe des Hotels. Das Lokal ist voll, die Gäste sind fast ausschließlich Einheimische. Die Stimmung ist „vorangeschritten“. Da die meisten Anwesenden wenig speisen, dafür aber um so mehr trinken, herrscht ein Geräuschpegel, der mich an spanische Verhältnisse erinnert, und das will schon was heißen! Als Erstes holen wir mit dem ausgezeichneten Bier unser Alkoholdefizit nach, wodurch der Lärm sofort erträglicher wird. Die Speisekarte ist nur in tschechischer Sprache gehalten, auch der Kellner spricht nur Tschechisch. So bestellen wir rein nach Gefühl das Gericht, das von oben das zehnte ist und lassen uns überraschen. Und siehe da, es ist eine gute Wahl. Wir bekommen Schweineschnitzel, die in einer Panade aus Kartoffelpufferteig gebacken sind.