Freitag, den 06.06.2003 Prag

Wir lassen die Räder im Hotel stehen und kaufen uns Tageskarten, die für alle öffentlichen Verkehrsmittel in Prag gültig sind. Für das Geld, was hier die Tageskarte kostet, könnten wir zuhause mit dem Bus nicht mal drei Haltestellen hin und zurück fahren. Dafür lohnt sich wahrhaftig nicht, in Prag mit dem Rad herum zu fahren. Hier in der Stadt fährt sowieso kein Mensch Rad, Radfahrer sind auch nicht vorgesehen. Der Verkehr ist heftig, die Straßen sind grob gepflastert, schon gestern sind wir oft auf die Gehwege ausgewichen und dort sind wir von verwunderten Blicken der Passanten begleitet worden.

Ein einziger Tag in einer so großen Stadt wie Prag ist kaum geeignet, mehr als nur einen flüchtigen Eindruck zu gewinnen, besonders wenn man es so langsam angehen läßt, wie wir es tun. Wenzelsplatz, Altstadt, Karlsbrücke ... Die Verbindungsgassen zwischen diesen Hauptsammelpunkten für die Touristenmassen sind von Andenkenläden gesäumt, einer neben dem anderen, immer derselbe Kitsch in tausenfacher Anfertigung: Bierkrüge, Schlüsselanhänger, Hüte, Gemälden, T-Shirts. Wer kauft all das Zeug? Immerhin versuchen es hier hunderte, wenn nicht tausende von Menschen von dem Verkaufen dieser Unsäglichkeiten zu leben.

Es ist Mittag geworden, wir wollen essen gehen. Suzanne hat in einem Buch ein Bild gesehen, das ein schönes Jugendstilrestaurant zeigte. Es soll sich im Hauptbahnhofsgebäude befinden. Wir fahren also hin.

Nun, der Prager Hauptbahnhof ist ein Riesenkomplex moderner Art, wo man Reste des alten Gebäudes recht oder schlecht integrierte. Jetzt allerdings lässt man diese schönen Fragmente etwas verwahrlosen. Eine mit einer wunderbaren Jugendstilkuppel überwölbte Halle beherbergt heute eine recht schäbiges Cafe. Essen können wir dort jedenfalls nicht. Aber hungern brauchen wir deswegen noch lange nicht: Ganz in der Nähe finden wir bald ein akzeptables Esslokal.

Es dämmert schon der Abend, als wir den Prager Burgberg erklimmen. Die Kirchen, Museen und Paläste sind schon geschlossen, dafür sind die alten romantischen Gassen und Plätze, wo tagsüber lärmende Menschenmassen sich drängeln, jetzt menschenleer, beschaulich, friedevoll. Auch die schmale Gasse der Goldmacher, die gewöhnlich mit Gitter abgesperrt ist und nur nach langer Wartezeit und gegen Eintritt besichtigt werden kann, ist jetzt unversperrt und zeigt sich uns mit den bunten Miniaturhäuschen von ihrer pitoresken Seite.

Ein Tag in der Stadt ist ermüdender als einer mit dem Rad auf der Landstrasse. So lassen wir den Kneipenbesuch am Abend recht kurz ausfallen und ich gehe mit der Erkenntnis schlafen, dass die Tschechen, die eine so schöne Stadt mit erbaut und bis heute erhalten haben, können nicht so böse Menschen sein, wie ich es früher glaubte.