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Bevor es losgeht, werfe ich einen Blick im Internet auf die Wetterkarte. Was ich dort finde, ist nicht besonders ermutigend: Die nächsten drei Tage sollen regnerisch sein. Eine kurze Fahrt mit der Eisenbahn von München nach Bayrisch Eisenstein und schon stehen wir an der hier besonders unscheinbaren deutsch-tschechischen Grenze. Die alte Bahnstation, ein typischer Bau seiner Gattung, ist durch die Grenzlinie mittig geteilt. In dem diesseitigen Gebäudeteil befindet sich erstens ein Informationszentrum über den Nationalpark Bayrischer Wald, wo Schautafeln uns zeigen, was hier wächst, piepst und knurrt. Man muß es nicht unbedingt gesehen haben. Die zweite Einrichtung auf deutscher Seite ist ein Restaurant. Ob hier seit der Grenzöffnung je ein Gast sich eingefunden hat, ist zu bezweifeln: Hundert meter weiter, auf tschechischem Gebiet, sind die Gastronomiepreise nur etwa ein Drittel der hiesigen. Der Wirt versucht sich zu wehren, in dem er am Eingang ein Schild gehängt hat, auf dem ein Zitat, angeblich von Bismark, zu lesen ist: „Das Volk, das seinen Wirt nicht ernährt, darf sich keine Nation nennen!“ Ob jemand bereit ist, das Dreifache zu zahlen, nur um diese Schande zu vermeiden? |
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„Halt! Durchgang verboten!“ steht am Bahnsteig, wo auch ein Kontrollhäuschen sich befindet. Wir zucken unsere Ausweise, aber die Bude ist leer, keiner will uns kontrollieren. Wir schieben unsere Räder drei Schritte weiter und schon sind wir im Ausland. Wenn ich bedenke, dass hier vor gar nicht so langer Zeit der „Eiserne Vorhang“ verlief und Menschen erschossen wurden, wenn sie diese unnatürliche, eigentlich gar nicht vorhandene Barriere passieren wollten, muß ich an dem Verstand der Menschheit zweifeln. Wir sind also in Tschechien, es kann losgehen. Es regnet zwar nicht, aber es ist grau, feucht, windig und merklich kälter als in München. Sonst ist es aber sehr schön hier, ringsrum dicht bewaldete Berge, Natur pur. Hinter der Grenze ist die Landstraße mit Verkaufsbuden gesäumt. Angeboten werden hauptsächlich Klamotten, Glasware, gigantische Armeen von Gartenzwergen, Getränke, Alkohol, Obst, getrocknete Pilze. Merkwürdiger Weise scheint hier der Handel fest in vietnamesischen Händen zu liegen. Wir bändigen unsere die Gartenzwerge betreffende Gier und fahren weiter, ohne etwas gekauft zu haben. |
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Die Straße steigt. Drei kilometer weiter liegt das Schwestergemeinde von Bayrisch Eisenstein, Železna Ruda, ein Städtchen, wo der auf die Deutschn zielende Fremdenverkehr sichtbar ist: Viele Hotels, Restaurants, Cafes, alles zweisprachig beschriftet. Hier gilt noch die zu Hause oft gehörte Äusserung, dass in Tschechien sowieso alle Menschen Deutsch sprechen können. In der Dorfmitte steht eine Kirche, die mit ihren relativ niedrigen Mauern, die ein überdimensioniertes Zwiebeldach tragen, recht ungewöhnlich proportioniert ist. Das Gotteshaus könnte man am ehesten barock nennen, obwohl es weniger die bekannte Elemente dieses Baustils aufweist, als es aus dem individuellen Schöpfergeist seines Baumeisters entstanden ist. Die nächsten sieben Kilometer haben es in sich. Es ist eine stetig steigende Hauptverkehrsstraße, die von hier nach Pilsen führt und dementsprechend relativ stark befahren ist. Allerdings stellen wir schon nach wenigen Minuten beruhigt fest, dass die hiesigen Autofahrer wesentlich mehr Rücksicht auf uns Radler nehmen, als wir es von Zuhause gewöhnt sind. Trotzdem ist so ein großer Verkehr lästig, besonders wenn man auf einer starken Steigung sich langsam und wackelig in die Höhe kämpft. Und es steigt ununterbrochen, manchmal wenn auch nur stückweise recht brutal, jedenfalls für uns alte Herrschaften mit vollgepacktem Rad. So sind wir voll beschäfftigt und haben wenig Muße, den alten Wald zu bewundern, der uns an beiden Seiten der Straße begleitet. |
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Das ändert sich erst, als wir in etwa 960 m Höhe diese Landstraße verlassen dürfen und unseren Weg auf einem schmalen Asphaltstreifen nach Süden fortsetzen. Jetzt wechseln sich die Steigungen mit rasanten Abfahrten ab, ähnlich einer Achterbahn. Da hier nur in jeder fünften Minute ein Auto kommt, haben wir die Straße, ja diese wunderbare spröde Berglandschaft, in der die dunkelen Nadelwälder mit saftig-grünen Wiesen von dem milchigen, grauen Licht ins Märchenhafte verklärt werden, für uns alleine. Untermalt wird dieses Bild von dem stetigen leisen Sausen des Windes im Geäst der Bäume, ein Geräusch, das der tschechische Name des Böhmerwaldes so schön lautmalerisch nachahmt: Šumava (sprich Schumawa). Kein Wunder, dass hier früher der Waldschrat täglich gesichtet wurde. Bis Srní ist es 33 km, nicht besonders viel, aber es ist schon 17 Uhr, wir suchen eine Bleibe. Gar nicht so einfach, denken wir. Morgen ist Himmelfahrt, es sind viele Menschen mit Auto unterwegs. Die Pensionen und Hotels, wo wir nach einem Zimmer fragen, sind ausgebucht. Es dauert eine Weile, bis wir kapieren, dass die Schilder, die praktisch hier an jedem Haus hängen und auf denen „Ubytování“ steht, Privatunterkunft anbieten. So ist unser Problem nur ein scheinbares, wir finden schnell ein Privatzimmer. Srní ist ein Luftkurort, auch Wanderer und Skilangläufer kommen hier auf ihre Kosten, aber es ist kein schöner Ort. Sicher, es sind noch einige alte Waldlerhäuser aus Holz vorhanden, aber das Ortsbild wird eher von den schuhkartonartigen Wohnbauten und von unpassenden grauen Hotelklötzen der vergangenen Jahrzehnte bestimmt. Daran ändert die in der Ortsmitte stehende einfache Kirche auch nur wenig. |
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Schon hier, nur wenigen Kilometer nach der Grenze, sprechen die meisten Menschen nur Tschechisch. Meine Kenntnisse der polnischen Sprache, die ich längst vergessen glaubte, tun uns jetzt gute Dienste: Beide sind slavische Sprachen und damit ähnlich. Wir machen uns landfein und wollen essen gehen. Ein Lokal ist schnell gefunden. Wir haben über die böhmische Küche schon viel Gutes gehört und hungrig sind wir auch. Die besagte Wirtschaft ist schnell gefunden und gut besucht, also kann nichts mehr schiefgehen. Der Raum ist schön warm geheizt, wir genießen es, da draußen inzwischen richtig kalt geworden ist. Merkwürdig ist nur, dass alle Fenster bis zum Anschlag geöffnet sind. Jetzt weiß ich, warum die Bäume vor den Fenstern so schön grün sind: Die werden im ganzen Jahr warm gehalten. Wir bestellen Schweinebraten mit Knödel und Bier, Marke „Gambrinus“. Nun, das Bier schmeckt hervorragend, aber das Essen ist unterstes Kantinenmaß, wie ich es aus sozialistischen Zeiten kenne: Zwei kleine, trockene Fleischstücke in Spinatbrei gebettet, wie Babypempe, eingerahmt von einigen Scheiben Serviettenknödeln, die aussehen und auch so schmecken wie falsch gebackenes, speckiges Weißbrot. Dass das ganze so gut wie nichts kostet, finden wir auch nicht tröstlich, da wir uns am Ende des schönen Tages auf das gute Essen gefreut haben. Diese Erwartung wurde enttäuscht. |
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