Donnerstag, den 29.05.2003
Von Srní nach Volary

Heute ist es freundlicher und wärmer als gestern, was unsere nach der himmlischen Nachtruhe schon gute Stimmung noch weiter steigert.

An dem schönen Landschaftsbild ändert sich erst gar nichts, geheimnisvolle Wälder mit altem Baumbestand wechseln sich mit weiten Wiesen ab, die jetzt voll in Blüte stehen: Manchmal ist alles weiß, es ist die Bibernelle, aber meistens gelb, vom Hahnenfuß. Auch das gestrige Grau ist von Sonnenstrahlen vertrieben worden, jetzt ist der Himmel blau und die Wolken weiß, wie es sich gehört. Die schmale Landstraße ist gut gepflegt, glatt und ohne nennenswerten Verkehr. Um die Freude vollständig zu machen, geht es in den ersten Kilometern eher abwärts, die Steigungen sind kurz oder mäßig. So sollte es immer sein.

Ist aber nicht. Die drei Kilometer zwischen Modrava und Filipova Hut ist eine üble Rampe, die von uns viel Schweiß abverlangt. Oben allerdings haben wir das wohltuend stolze Gefühl, es geschafft zu haben. Das Dorf mit seinen alten Industriebauten ist mit etwa 1160 m der höchste Punkt unserer Reise. Dies merken wir auch an den kühleren Lufttemperaturen. Wir müssen die inzwischen entledigten Klamotten wieder aus der Tasche holen.

Die Wälder hier oben sind wunderbar, durchweg alte Fichten mit dicken Stämmen und von himmelhohem Wuchs. Das Terrain ist nicht so aufgeräumt wie in unseren Wäldern, wo ich immer das Gefühl habe, dass jeder Grashalm schon dreimal angefasst und gerade gebogen worden ist. Hier wachsen noch überall Heidelbeeren und üppiges Moos, und die großen Ameisenhügel müssen nicht, wie bei uns, durch Maschendraht geschützt werden. Auch wenn es sicherlich nicht so ist, sieht es hier noch nach unberührter Wildnis aus, wie ich es nicht mehr kenne.

Kirchentor in Kvilda

Immer wieder entdecken wir Wegekreuze am Straßenrand, Zeichen der Volksfrömmigkeit, die die schweren Jahrzehnten offensichtlich gut überstanden haben. Sie alle haben eine landesspezifische Bauart: Auf einer etwa anderthalb Meter hohen Steinsäule steht ein schmiedeisernes Kruzifix, meistens mit einem ovalen Schild, auf dem eine fromme Gebetzeile zu lesen ist. Viele dieser Kreuze sind gepflegt, neu gestrichen und mit Blumen geschmückt.

Endlich geht es wieder abwärts, bis Kvilda. Dort schauen wir uns kurz das Kirchlein an, das gegen Witterung nicht nur am Dach, sondern auch an den Wänden mit Holzschindeln geschützt ist. Dann merken wir, dass der Magen knurrt, es ist Zeit für die Mittagspause. So kehren wir in das erste Gasthaus, das wir finden, ein.

Bevor wir die Gaststube betreten können, kommt der Wirt heraus gerannt, ein zahnloser alter Mann, der allerdings etwa 10 Jahre jünger ist als ich, und besteht darauf, dass wir unsere Fahrräder in einer Kammer im Haus einschließen lassen. Ich denke nicht, dass dies hier nötig ist, vielleicht will er auch nur unserem vermeintlichen Sicherheitbedürfnis entgegen kommen, aber was soll's, wir tun ihm das Gefallen.

Im Gastraum, wo auch noch ein junger Mann auf Kundschaft wartet, sind wir die einzigen Gäste. Eine Speisekarte gibt es nicht, die Wirtsleute können nur tschechisch, aber gulaš ist Gulasch und knedlik sind Knödel, das verstehen wir doch, also bestellen wir es.

Das Essen, das wir bekommen, ist wieder sehr sehr einfach: Ein Teller voll Gulaschsoße, in der einige Fleischfasern sich verlieren, und halt diese Knödelscheiben, aber hier schmeckt es herzhaft und gut gewürzt. Die zwei sind sehr um uns bemüht und fragen immer wieder nach, ob alles richtig sei und ob wir Nachschlag wollen. Aus dem Lautsprecher tönt volkstümliche Musik, was die beiden lauthals mitsingen. So werden wir beim Essen bestens unterhalten.

Unterhalb des Städtchens Kvilda begegnen wir zum ersten Mal dem Begleiter unserer weiteren Reise, dem Fluss Moldau, der nur wenige Kilometer westlich von hier in den Wäldern der Černa Hora entspringt. Unsere „Tour de Moldau“ müsste eigentlich dort oben ihren Anfang nehmen, aber aus Gründen der Bequemlichkeit begnügen wir uns mit dieser weniger abenteuerlichen Variante.

Die Moldau liegt hier – als ein unscheinbares kleines Bächlein – erst in der Wiege. Wahrscheinlich würden wir es übersehen, und nur das Wissen über den späteren großen Fluss lenkt unser Interesse darauf. Das ist hier allerdings nur die eine Hälfte des Ursprungs, die Warme Moldau, die sich später mit einem zweiten Quellfluss, der Kalten Moldau, vereint.

Es geht weiter abwärts, die Täler werden breiter, offener, die angrenzenden Berge niedriger. Auch die Bäume sind nicht mehr ausschließlich Nadelbäume, es mischen sich immer mehr Birken dazwischen, und als Alleebäume stehen manche Vogelbeerbäume am Wegrand, die in dieser Jahreszeit ihr weißes Blütenkleid tragen.

Horni Vltavice, Lenora; das sind alte Holzfäller- und Glasmachersiedlungen, in denen der neuzeitliche Tourismus die Hinterlassenschaft des Sozialismus und die noch ältere Armut noch nicht ganz verdrängen konnte.

Die erste Begegnung mit der Moldau
Kirche in Volary

Dies gilt auch für unser heutiges Tagesziel Volary, eine etwas größere Ortschaft. Die Kirche in der Ortsmitte ist frisch renoviert, auch an einem pallastartigen Bau, heute Schule, ist der neue Putz noch nicht ganz trocken, aber das allgemeine Ortsbild wird von der bekannten Tristesse der sechziger bis achziger Jahre beherrscht: drei- bis vierstöckige Plattenbauten, die die ländliche Umgebung vergewaltigen, ein grauer Hotelklotz, wo die Plattenverkleidung und die „Hotel“-Buchstaben von der Wand fallen, Geschäfte mit verstaubten Schaufenstern, die eher „Wegschaufenster“ heißen müssten. Und auffallend viele schwarzhaarige Menschen, hier eher Romas als Sintis, die als Arbeitskräfte angesiedelt wurden, als hier noch sowas wie Industrie gab, deren verfallene Reste jetzt manche Ecken verschandeln.

Auch hier ist es kein Problem, ein Zimmer zu finden, und dass es sehr preisgünstig ist, brauchte ich nicht zu erwähnen. Auch das Essen in einem alten Gasthaus ist bemerkenswert gut, besonders die Palatschinken (Eierpfannkuchen), die mich an meine Kindheit erinnern. Wenn meine Mutter mich danach fragte, was sie uns kochen soll, habe ich immer Palatschinken mit Aprikosenmarmelade gewünscht. Hier machen man sie genau so, wie sie meine Mutter uns gemacht hat.