Pension in Volary

Freitag, den 30.05.2003
Von Volary nach Loučovice

Das Frühstück, das uns im Zimmer serviert wird, beschert uns manche Überraschungen. Es gibt Rührei, grüne Paprika, je eine Tasse lauwarme Kaffee, eine Kanne rote Früchtetee, jede Menge Brot, und eine mittelgroße Schale Zucker. Suzanne nimmt zwei Löffel Zucker in ihren Kaffee, rührt ihn lange, und trinkt ihn. Dann rennt sie ins Bad zu spucken: Der vermeintliche Zucker ist Salz gewesen. Damit ist ihr Kaffee hin. Sie hat aber keinen Grund, Neidgefühle zu haben. Als ich meinen Kaffee trinken möchte, merke ich, dass er "türkisch" gekocht wurde. Wer meinen Kaffee getrunken hat, weiß ich nicht. In meiner Tasse befindet sich fast nur Kaffeesatz.

Wir fahren weiter. So früh am Morgen und bei so einem phantastischen Wetter macht uns das Fahren nur Freude. Bei Pékná wechseln wir die Flussseite. Der für Kraftfahrzeuge gesperrte schmale Weg durch dem feuchten Auewald ist einsam und besonders romantisch. Die Moldau, eben vereint mit ihrer „kalten“ Schwester, ist hier schon ein stattliches Flüsschen von etwa 15 m Breite. Wir folgen es auf einem parallelen Waldweg, begleitet auch von einer Bahnlinie. Vielleicht wurde diese alte Straße noch für den Bau des Gleises als Betriebsweg angelegt. Leider befindet sich der Straßenbelag in einem beklagenswerten Zustand, und überall, wo die Asphaltdecke aufbricht, kommt grober Gleisschotter zum Vorschein, eine für Radeln denkbar ungünstige Unterlage. Ich hoffe, der sonst idyllische Weg wird in Rahmen der sichtbaren Bemühungen, in Tschechien ein Radwegnetz zu schaffen, demnächst ausgebessert.

Der Wald lichtet sich, die Talsohle wird allmählich breiter und sümpfiger. Hier nimmt der große Lipno-Stausee seinen Anfang. Das Wasser der Moldau wurde in den 50er Jahren zu diesem über 40 kilometer langen See aufgestaut, um die Turbinen eines Kraftwerks zu betreiben. Die auch in den Seitentälern sich verzweigende und verbreitende Wasserfläche wird heute auch von erholungssuchenden Sommerfrischlern gern in Anspruch genommen. Da die tschechisch-österreichische Grenze nur einige Kilometer entfernt liegt, wird der See auch von Österreichern und Deutschen frequentiert, wie es uns die häufige Begegnung mit deutschsprachigen Radlern zeigt.

Wir kommen nach Nová Pec, einem Dorf, dessen Gründung eng mit der Holzwirtschaft und mit dem Bau und Betrieb des Schwarzenberger Schwemmkanals, benannt nach den damaligen Landesfürsten Schwarzenberg, verbunden gewesen ist.

Im 18. Jahrhunderts, als das Heizen der Behäusungen fast ausschließlich mit Holz betrieben wurde, hat man um die damalige Landeshauptstadt Wien die Wälder so weit abgeholzt, dass es zu ernsthaften Versorgungsproblemen kam. Es war naheliegend, die schier unerschöpflichen Holzreserven des Böhmerwaldes zu nutzen, aber die enorme Entfernung und das Fehlen von Transportwegen haben dies lange Zeit verhindert.

Ein Beschäftigter der fürstlichen Forstverwaltung mit dem Sitz in Krumau, Josef Rosenbauer, ist jahrelang der Frage nachgegangen, ob es Möglichkeiten gebe, das Brennholz vom Böhmerwald nach Wien vom Wasser transportieren zu lassen. Seine Idee war, das Wasser zahlreicher kleinerer Bächer auf der böhmischen Seite in Teiche zu sammeln und in schmale Kanäle nach Süden zum Fluss Mühl, der in der Donau mündet, zu leiten.

Lipnosee bei Nová Pec
Holzschwemmen, heute nur noch für Touristen
Fähre nach Horní Planá

Die ersten Baupläne hat Rosenbauer 1775 vorgelegt. Es hat noch weitere 14 Jahre gedauert, bis das tollkühne Projekt in Angriff genommen wurde, dann allerdings ging es Schlag auf Schlag: Innerhalb von vier Jahren wurde eine Kanalstrecke von 40 Kilometer erstellt, die von Anfang an bestens funktionierte. Die Holzstämme wurden auf handliche Größe von etwa einem Meter abgelängt und von Schwemmarbeitern mit langen Stangen so herumbugsiert, dass es relativ wenig Wasser bedurfte, die Scheite schwimmen zu lassen.

Das Geschäft mit dem Holz hat so gut floriert, dass in den darauf folgenden fünfzig Jahren weitere, auch breitere Kanalstrecken mit Schleusen und Aquadukten gebaut wurden, bis schließlich eine Gesamtlänge von 90 Kilometern zu Verfügung stand. Da zum Holzeinschlag und zum Schwemmen viele Arbeitskräfte benötigt wurden, sind neue Siedlungen entstanden, so auch Nová Pec.

Das Ende des Schwemmbetriebes wurde mit der Umstellung der Heizung auf Kohle, sowie dem Bau von Eisenbahnstrecken eingeläutet. Der Schwemmtransport nach Wien wurde schon 1891 eingestellt, Teilstücke des Kanals wurden aber bis 1962 benutzt. Heute sind Bestrebungen in Gange, die Reste des Kanals als geschütztes Baudenkmal nicht vollständig verfallen zu lassen. So gehören zu den Sehenswürdigkeiten von Nová Pec einige Kanalabschnitte, ein Kanaltunnel, eine Kanalbrücke.

Der See wird breiter, wir wollen hinüber nach Horní Planá. Es gibt eine kleine Fähre, die hier stündlich verkehrt. Es sind hauptsächlich deutschsprechende Radler ohne Gepäck, die auf die Fähre warten. Wo kommen sie denn alle so plötzlich her? Wir haben unterwegs kaum einen Radler getroffen.

Das Dorf Horní Planá ist nicht, wie die meisten der bisherigen Ortschaften der Gegend, eine Waldlersiedlung, sondern eine alte Marktgründung der Zisterzienser aus Zlata Koruna, die hier auf dem Handelsweg zwischen Böhmen und Österreich an dem Warenverkehr mitverdienen wollten. Der rechteckige Marktplatz ist heute noch der Mittelpunkt des Dorfes. Das soll aber nicht viel heißen: Auch Horní Planá ist nicht das, was wir von einem altwürdigen Ort an Schönheit erwarten. Nicht Mal der Blick auf den nahen See und die schöne Landschaft läßt die verschlafene Traurigkeit vertreiben, die auch über den Hauptplatz des Ortes sich breitmacht.

Meine zugegebenermaßen negative Sichtweise könnte aus meinen persönlichen Erfahrungen aus den Zeiten des sogenannten Sozialismus entsprungen sein. Ich kann am morbiden Verfall von Gebäuden, Ortsbildern, ja Sitten nichts verklärt Romantisches entdecken. Neben manchen hiesigen fein renovierten Bauten überwiegen noch immer diejenigen, die nur Reste von Putz und Farbe zeigen. Aber nicht nur die Häuser wecken einen verwahrlosten Eindruck. Sicher begegnen wir vielen freundlichen und gepflegten Menschen. Genauso viele sind aber recht muffig, nicht wenige unrasiert, ungekämmt, zahnlos, gekleidet in schlappem Turnzeug, das wie Unterhose und Unterhemd an den schwitzenden Leibern klebt. So sitzen sie in Cafes und Restauranten und lassen Unmengen von Bier durch die Kehle laufen. In den meisten Geschäften und Lokalen werden wir zwar korrekt, aber uninteressiert bedient. Die von uns gelernten tschechischen Begrüßungsformeln können wir getrost vergessen, auf die antwortet uns kaum jemand. Egal, ob wir viel oder wenig Trinkgeld geben, es wird wortlos eingesteckt, kein Kellner bedankt sich dafür. Natürlich möchte ich diese Menschen nicht persönlich dafür verantwortlich machen, dass sie es nicht gelernt haben, was hier genau so wenig zu lernen war, wie im kommunistischen Ungarn oder in der ehemaligen DDR. Dort hat sich die Lage inzwischen zum Besseren gewendet, was wiederum seinen Preis hatte. Hier ist noch vieles billig geblieben, sowohl in direktem, als auch im übertragenem Sinn.

Černá v Pošumavi
Frymburk

Eine gewisse Berühmtheit genießt Horní Planá als Geburtsort von Adalbert Stifter. In seinem nach einem Brand wiederaufgebauten Geburtshaus ist eine Stifter-Gedenkstätte errichtet.

Oberhalb des Ortes steht ein altes Kirchlein, die Gutwasser-Kapelle. Nach der Sage soll hier die Gottesmutter einen Blinden von seinem Gebrechen mit dem hiesigen Quellwasser befreit haben. Als Folge dieses Wunders ist an der Quelle ein Wallfahrtsort entstanden, der besonders von Gläubigen mit Augenleiden besucht wird.

Es ist warm geworden, auch der Verkehr ist etwas angewachsen, viele Motorradfahrer mit deutschen und österreichischen Kennzeichen sind unterwegs. Es ist schön hier, am See, trotzdem bedauern wir, dass die dunklen geheimnisvollen Wälder und die einsamen Wege des Böhmerwaldes schon hinter uns liegen.

Frymburk, die nächste kleine Stadt, ist die erste auf unserer Reise, die uns richtig gut gefällt. An dieser Stelle befand sich im Mittelalter ein Furt, der von reisenden Kaufleuten gern benutzt wurde. Als Folge dieser geographischen Lage entstand hier diese Marktsiedlung mit einem länglichen zentralen Platz, der bis heute den Charakter der Stadt bestimmt, auch dann, wenn in der Mitte des ehemals offenen Platzes jetzt ein parkartiger Grünstreifen die Platzseiten voneinander trennt. So sind der Marktbrunnen, die barocke Marien-säule, sowie der ehemalige Pranger, alle aus dem 17. Jahrhundert, die früher in der Platzmitte standen, jetzt hinter Büschen und Bäume versteckt. Aber daran haben nur Puristen, wie ich es bin, etwas auszusetzen. Der Platz mit seinen renovierten Bürger- und Kaufmannhäusern, in denen heute Geschäfte, Cafes und Restaurants auf Kundschaft warten, macht einen lebhaften, sympatischen Eindruck. Das untere, flussseitige Ende des Platzes ist von dem Turm der gotischen Sankt-Bartholomäus-Kirche abgeschlossen und malerisch akzentuiert. Es gefällt uns hier so gut, dass wir überlegen, für die Nacht hier zu bleiben, aber es ist noch früh am Nachmittag, wir wollen doch noch ein Stück fahren. Vielleicht bis Lipno?

An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass wir auf unserer Karte zwar sehen, wo eine Ortschaft kommt, aber ob diese eine malerische Siedlung oder ein zerfallener Industrieschrotthaufen ist, das zeigt uns die Karte nicht. Es bleibt nichts anderes übrig, als uns überraschen zu lassen.

So auch in Lipno. Immerhin ist der Stausee nach Lipno benannt, wir hoffen also auf einer tschechischen Variante von Starnberg am See. Wir liegen damit gar nicht so verkehrt, nur dass wir zwei, drei Jahre zu früh – oder zu spät – gekommen sind. Ein holländisches Konsortium ist dabei, Lipno völlig umzukrempeln und in ein Yachting City zu verwandeln. Im Augenblick ist Lipno eine riesige Baustelle und als solche für Übernachtung wenig verlockend. Also weiter nach Loučovice.

Wir fahren am Staudamm vorbei, der niedriger ausfällt, als ich nach der Größe des Stausees erwartet hätte. Aber der Strom wird auch nicht hier erzeugt: Die Turbinen befinden sich etwa 6 Kilometer flussabwärts bei dem tiefer gelegenen Vyšší Brod, wohin das Wasser durch unterirdischen Röhren geleitet wird.

Vor Loučovice passieren wir zwei schöne Hotels, aber wir wollen lieber in dem Ort, als im Grünen übernachten. Vielleicht gibt es dort etwas zu sehen.

Dies hätten wir lieber lassen sollen. Loučovice ist nur auf der Karte ein reichtiger Ort, in der Realität besteht es aus einem riesigen Kraftwerk, garniert mit verlassenen Industriebetrieben, Fernwärmerohren, von Unkraut überwucherten Gleisen und Plattenbauten.

Was nun? Wir könnten weiterfahren, aber Suzanne klagt über Schmerzen in der Schulter. Außerdem wer sagt uns, ob die nächste Stadt nicht genau so aussieht, wie diese?

Vor einer Haustür sind zwei Männer dabei, ein altes Motorrad zu reparieren, ein dritter guckt aus dem Küchenfenster ihnen zu. Ich frage sie, ob hier in der Nähe eine Möglichkeit bestehe, zu übernachten. Sie beraten es lange miteinander, aber sie wissen es offensichtlich nicht. Dann raten sie uns, dass wir nach Lipno zurückfahren, dort könnte vielleicht ein Hotel geben.

Das tun wir nicht. Kaum hundert meter weiter finden wir ein Haus, wo „Hotel“ draufsteht.

Zu früh gefreut: „Heute geschlossen“ – steht auf einem Schild. Aber unmittelbar dahinter ist ein Privathaus, dort wird Zimmer angeboten. So bekommen wir doch noch eine überraschend komfortable Ferienwohnung. Wer allerdings in Loučovice seine Ferien verbringen will, bleibt für mich ewig ein Rätsel.

Um abend essen zu können, müssen wir zu einem der Hotels vor der Stadt zurückfahren. Das Etablissement hat einen deutschen Namen, „Waldschänke“, eine sehenswerte Speisekarte und auch eine entsprechende Küche, die uns sogar mit Loučovice versöhnt.

Nach Lipno
In Loučovice