Teufelsmauer
Die Moldau unter der Teufelsmauer

Samstag, den 31.05.2003
Von Loučovice nach Český Krumlov

Kurz hinter Loučovice ist die Welt wieder in Ordnung. Das Flusstal ist naturbelassen, die Hänge bewaldet und die Straße hat ein angenehmes Gefälle, wir brauchen es nur rollen zu lassen.

Bald erreichen wir die vielgepriesene Natursehenswürdigkeit Čertova Stěna, deutsch Teufelsmauer, wo der Fluss in einem engen, schluchtartigen Tal eingezwängt ist. Die steile, etwa 80 meter hohen Wände des Tales bestehen nicht aus monolitischen Felsen, sondern aus Granitblöcken, die – mit ein wenig Phantasie – Ähnlichkeit mit einem gigantischen Mauerwerk haben.

Zu dem teuflischen Namen wird erzählt, dass der Leibhaftige an dieser Stelle eine Staumauer errichten wollte, um mit den angesammelten Wassermassen das weiter unten liegende Kloster von Vyšší Brod zu zerstören. Ihm stand für dieses böse Werk nur eine einzige Nacht zu Verfügung. Er baute und baute, aber die Zeit wurde knapp. Als dann die Glocken des Klosters die erste Sonnenstrahlen verkündeten, musste er die Steine fallen lassen. Aus Ärger darüber hat er mit den Füßen gestampft. Seine Fußspuren sind an manchen Steinen heute noch sichtbar.

Leider wird seit den sechziger Jahren das meiste Wasser nicht mehr durch das Flussbett, sondern – wie bereits erwähnt – durch unterirdische Leitungen und Turbinen am Tal vorbei geführt. Übrig geblieben ist ein Rinnsal, das sich zwischen den Felsblöcken des Flussbettes fast verliert. Damit ist viel von der Attraktivität dieses Naturschutzobjektes verloren gegangen.

Einige Kilometer weiter erreichen wir Vyšši Brod. Gleich am Ortseingang sehen wir die berühmte Klosteranlage, den der Teufel zerstören wollte, aber glücklicherweise nicht konnte.

Das Kloster wurde 1259 vom Landesherrn Rosenberg gegründet und den Zistenziensern anvertraut. Der Legende nach wurde Herr Wok von Rosenberg am hiesigen Furt – Vyšši Brod hießt deutsch Hohenfurt – beim Überqueren des Flusses von der Strömung fortgerissen, dann aber doch gerettet. Aus Dankbarkeit lies er an dieser Stelle ein Kloster bauen.

Das ausgedehnte Klosterareal befindet sich oberhalb des rechten Ufers der Moldau. Früher war das ganze Komplex mit Schanzen und Türmen befestigt, wobei die Mauern an der Nord- und Ostseite bis heute erhalten geblieben sind. In Zentrallage wurde die Klosterkirche – wie gewöhnlich – mit dem Grundriß eines lateinischen Kreuzes erbaut, wobei alle drei Schiffe sowie das Kreuzschiff mit einem Kreuzgewölbe eingedeckt ist. Südlich der Kirche befindet sich der sehenswerte Kreuzgang.

Berühmt ist das Kloster wegen seiner alten Bibliothek, erbaut in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Die hölzernen Schränke und Regale, die überreich mit Intarsien verziert sind, gelten als Meisterschöpfungen der Handwerkskunst. Die Bibliothek verfügt über 70000 alte Bücher, 1200 Handschriften, die älteste aus dem 8. Jahrhundert, und 400 Erstdrucke.

Der junge Mann, der uns durch die Ausstellungsräume führt, spricht recht gut deutsch, und nebenbei ist er auch ein ganz passabler Orgelspieler.

Vyšši Brod
Vyšši Brod
Moldau unter Vyšši Brod
Uferstraße nach Vyšši Brod

Von Vyšši Brod abwärts bietet sich die Moldau als ideales Gewässer für Bootsfahrer dar, die ihre Kanus oder Schlachboote hier einsetzen und sich auf dem munter fließenden Wasser mehr oder weniger treiben lassen. Das Bootfahren macht sichtbar Spaß. Unsere Kollegen in dem nassen Element sind fröhlich und laut, und wenn wir auf der Uferstraße an denen vorbei radeln, werden wir oft mit Hallo begrüßt. Die meisten Boote sind übrigens Mietboote, die von dem Zielort mit Anhängern zum Anfangspunkt zurück gebracht werden.

Die Straße hinter Vyšši Brod ist die erste auf unserer Reise, die mit Recht Uferstraße genannt werden kann. Schließlich wollten wir doch an der Moldau entlang fahren, bis jetzt haben wir den Fluss aber nur von Zeit zu Zeit berührt, gekreuzt, mal kurz begegnet. Diese gute, kaum befahrene Asphaltpiste bleibt jetzt am Fluss, folgt allen Schlingen und Windungen, womit die Moldau in dem engen, bewaldeten Tal ihren Weg nach Norden sucht. Eine wunderbare Strecke, wie für Radler geschaffen. Es bleibt das Geheimnis der Autoren unseres „bike-line-Radführers“, warum sie diesen Weg nur als zweite Wahl anbieten, und statt dessen einen unbefestigten sausteilen Eselspfad favorisieren, der oben in den Wäldern sich versteckt. Für manche Autoren sind offensichtlich alle, die über 25 sind und womöglich nicht Mal Fully fahren, sowieso nur Warmduscher.

Hinter einer Flussbiegung begrüßt uns eine Kalenderblatt-Idylle: Rožmberk, ein Städtchen wie aus dem Zeichenfeder eines Romantikers. Hoch über dem Fluss, auf einer schmalen Felsspitze thront die weiße Stammburg der Rosenberger, ein Adelsgeschlecht, dem im 14. bis 17. Jahrhundert ein großer Teil von Südböhmen gehörte. Später haben sie ihren Riesenterritorium allerdings nicht von hier, sondern von Český Krumlov aus verwaltet.

In der Burg, wo manche althergerichtete Räume und die Schlosskapelle zu besichtigen sind, soll es spuken. Es ist die Weiße Frau, ein Mitglied der Familie, Perchta von Rosenberg. Sie ist in dem 15 Jahrhundert aus Kummer über ihre unglückliche Ehe jung verstorben und seit dieser Zeit erscheint sie immer wieder in den verschiedenen Schlössern der Rosenberger. Dabei soll sie ein langes Kleid tragen, dazu weiße oder schwarze Handschuhe. Wenn sie weiße trägt, kündet sie von guten kommenden Zeiten, schwarze aber bedeuten Not, Pest und Krieg. Sie soll letztenmal vor dem II. Weltkrieg gesichtet worden sein.

An der alten Moldaubrücke sind einige Gasthäuser zu finden, die nicht nur auf die zahlreichen Bootsfahrer, sondern auch auf uns magnetische Wirkung haben. Wir setzen uns auf die Terrasse, das einfache Mittagessen mundet ausgezeichnet, die Aussicht auf die Burg und den Fluss ist wie eine Gemälde, die Stimmung friedlich. Schön ist es hier!

Während wir noch unsere Mittagsruhe genießen, zieht sich der Himmel zu. Fünf Minuten später zucken schon die ersten Blitze, schwarze Wolken drohen herunter zu stürzen, aber der Regen will noch nicht losbrechen. Wir sind uneinig: Sollen wir weiterfahren oder lieber erst abwarten, wie sich das Wetter entscheidet? Suzanne will weiter, also wir fahren.

Rožmberk

Kaum zehn Minuten später erwischt es uns dann doch: Es blitzt, donnert und gießt, wie es nur diese plötzlich einbrechenden Sommergewitter tun. Glücklicherweise sind wir auch gegen Regen gut gerüstet, aber sicherheitshalber wollen wir doch das Gröbste vorüber ziehen lassen. In Ermangelung besseren Schutzes stellen wir uns unter eine Platane – „Eichen sollst du meiden“ – und schauen wir zu, wie die dicken Regentropfen die Wasserfläche aufrauhen und dabei einen eigenartigen, fast musikalischen Plätscherton erzeugen.

Sommerregen gehen schnell vorüber: Bald zeigt sich die Sonne wieder, der Spuk ist vorbei. Wir setzen unsere Fahrt fort, immer am Wasser entlang. Bald passieren wir eine alte, hölzerne, gedeckte Brücke und schon sind wir in Český Krumlov.

Die Stadt, auch eine Gründung der Rosenberger, scheint mit dem Fluss verwachsen zu sein. Die Moldau windet sich, gleich einer Schlange, hier fünfmal hin und her, umrundet dabei drei halbinselförmige Hügel, auf denen die Stadt erbaut wurde. Die vielen Brücken und der ständige Richtungswechsel des Flusses erzeugen ein verwirrendes Inselgefühl. Wo sind wir eigentlich, auf dem rechten oder dem linken Moldauufer? Die ganze Stadt scheint in einer märchenhaften Weise unwirklich zu sein, ähnlich den Landschaften, die für Modelleisenbahnen erbaut werden. Krumme Gassen, bunte Häuser, Kirchtürme, quadratischer zentraler Platz mit barocker Pestsäule, und hoch über allem die wahrhaft riesige Burg.

Durch die Gassen schiebt sich die Menschenmasse, die für solche Fremdenverkehrsorte so typisch ist. Wir schieben mit. Der Kraftverkehr ist in der ganzen Altstadt stark beschränkt, so schlendern wir ein wenig, von Autos ungestört, und sammeln die ersten Eindrücke.

Český Krumlov wird immer wieder als der „Venedig an der Moldau“ oder die „Siena Südböhmens“ apostrophiert. Ich finde solche Bezeichnungen, nicht nur im Falle dieser Stadt, milde gesagt affig. Český Krumlov ist vielleicht nicht so bekannt, aber doch einzigartig schön, sie bedarf also keiner solchen Hilfskrücken.

Český Krumlov

Wir suchen uns ein Zimmer. Trotz der vielen Besucher und des Wochenendes ist schon unser erster Versuch erfolgreich.

Am späten Nachmittag besuchen wir das Egon-Schiele-Kunstzentrum, das in einer uralten ehemaligen Bräuerei in der Altstadt sich befindet. Der große österreichische Maler hat hier einige Jahre in der Geburtsstadt seiner Mutter verbracht, bis er wegen seiner unmoralischen Lebensweise – horibile dictu, er hat nackte Weiber gemalt! – die Provinzstadt fluchtartig verlassen musste. Heute würde mancher Bürger sich darüber freuen, wenn er damals länger geblieben wäre. Vielleicht könnte dann die Ausstellung mehr Originalwerke des Malers zeigen, als das jetzt der Fall ist. Allerdings vermittelt die Ausstellung, wo außer Bilder auch Briefe, selbstgebaute Möbel des Malers, sowie andere Gebrauchsgegenstände aus seinem Besitz zu sehen sind, einen guten Gesamteindruck vom Leben und Wirken von Egon Schiele.

Außer dieser ständigen Ausstellung werden in dem Haus auch andere Wechselausstellungen gezeigt. Wir haben Glück: In diesem Sommer ist hier die umfassendste Ausstellung des graphischen Werks von Salvador Dali zu sehen, die je veranstaltet wurde. Gezeigt werden etwa 500 Exponate, durchweg beeindruckend mit ihrer oft explosiven Kraft und Lebendigkeit. Dabei möchte ich nicht verschweigen, dass es mit den Dali-Graphiken ähnlich ist, wie mit dem Wein: Einige „Jahrgänge“ sind genial, andere – wie die Graphiken von 1978 – kommerziell, ja fast ungenießbar.

Am Abend regnet es. Wir suchen ein Restaurant. Die Auswahl ist groß. Es fällt uns auf, dass alle Lokale fast leer sind. Wo sind die vielen Menschen geblieben, die tagsüber die Straßen bevölkerten?