Náměstí Svornosti

Sonntag, den 01.06.2003

Von Český Krumlov nach České Budjovice

Morgen um sieben werden wir von drei Heißluftballons, die knapp über den Häusern schwebend ihre bestialisch lauten Brenndüsen betätigen, geweckt. Am Sonntag! Um sieben! Aber wenn wir schon wach sind, wollen wir die frühen Morgenstunden ausnutzen, bevor die Besucherbusse wieder ankommen.

Der mit Arkaden eingerahmte zentrale Platz, der Náměstí Svornosti, wo neben unzähligen alten Gasthäusern auch das alte Rathaus zu sehen ist, vermittelt in dieser stillen sonnigen Morgenstunde den würdevollen Stolz der alten Kaufleute. Andererseits ergibt die begrenzte Größe der meisten Bauten – sie haben nur zwei Stockwerke – eine liebenswerte Provinzialität. Eine friedliche, menschliche Kombination, die nostalgische Sehnsüchte weckt.

Der Höhepunkt der Sehenswürdigkeiten ist aber das Schloss über der Stadt. Die hinführende Straße – der Latrán – mit seinen alten, teilweise noch gotischen Bauten ist die würdige Overtüre für den überwältigenden Gebäudekomplex, der aus den vielen Erweiterungen der Jahrhunderte heute auf dem Schlossberg zu sehen sind.

Die mittelalterliche Burg des Rosenberger wurde im 16. Jahrhundert in einem überaus weitläufigen und hoch-herrschaftlichen Renaissance-Schloss umgebaut. Mehrere Innenhöfe mit Brunnen, Wohnbauten, üppig dekorierten Räumen, Amts- und Representationsbauten, wie Burggrafenamt, Münze, Kapellen, Tanzsaal, Theatersaal, dazu noch Wirtschaftsgebäuden, Stallungen, Reithalle, Park mit Gartenpavillon, also alles, was damals zu einem bescheidenen Fürstendasein gehörte.

Wir betreten die Burganlage durch das Bärentor, wo im Burggraben tatsächlich lebende Braunbären gehalten werden. Ganze Schulklassen von Kindern hängen an den Begrenzungszäunen, um einen Blick auf die im Schatten dösenden Tiere zu erhaschen.

Wir wollen von dem, was im Schloss zu sehen ist, möglichst viel sehen. Nach dem intensiven Studium der diesbezüglichen Möglichkeiten müssen wir unser Vorhaben stark reduzieren. Kluge Köpfe haben nämlich ein Besuchskonzept entwickelt, das in seiner sperrigen Schwerfälligkeit seinesgleichen sucht. Anstelle einer Reihe der wirklichen Höhepunkte zu zeigen, hat man verschiedene Routen festgelegt, auf denen nur ein kleiner Teil des Ganzen gezeigt wird, dafür aber übergenau. Außerdem ist die Besichtigung nur mit Führung erlaubt. Führungen werden in der Regel in tschechischer Sprache durchgeführt, für die deutsche Führung müssten wir heute beispielsweise bis 15 Uhr warten. So geht man mit einer großen Besuchergruppe und hört anderthalb Stunden lang die monoton tschechisch vorgetragenen Erklärungen über zweitklassige Portraits von drittklassigen Fürsten, nur um etwa den sogenannten Maskensaal am Ende der Führung gezeigt zu bekommen. Wenn wir also nur die wichtigsten Dinge hier mit deutsch- oder englischsprachiger Führung besuchen wollten, müssten wir dafür drei, vier Tage in Český Krumlov verweilen.

Burg von Český Krumlov
Burg von Český Krumlov

Das Leben ist kurz: Wir begnügen uns mit Besuchsroute Nr. 1, wo der besagte Baalsaal gezeigt wird. Der große Raum wurde 1747 mit Fresken ausgeschmückt, die Karnevalsmenschen in vielerlei Kleidern und Masken zeigen, volksnah und oft recht lustig.

Zufälligerweise sind wir vor drei Wochen in Veneto gewesen, wo wir in den dortigen berühmten Villen Gelegenheit hatten, Einblicke in die Kunst der Freskenmalerei zu bekommen. Es wäre wahrhaftig unfair, die hiesigen Wandbilder mit den dortigen Werken von Zelotti oder gar Veronese zu vergleichen. Also tue ich es auch nicht.

Es ist Mittag geworden und richtig heiß. Die Landstraße, die uns aus der Stadt hinausführt, ist beschwerlich, nicht nur wegen des dichten Sonntagsverkehrs und der fehlenden Randstreifen, nein, sie ist auch noch verdammt steil. Schwer bepackt wackeln wir dem Berg hoch, später sogar müssen wir ein Stück schieben.

Nach einigen Kilometern dürfen wir diese Straße verlassen, und damit ändert sich das Bild: Auf idyllischen schmalen Asphaltstreifen rollen wir nach Zlatá Koruna.

Das Zisterzienserkloster wurde vom Tschechenkönig Przemysl Ottokar II. im Jahr 1263 als Gegenentwurf zu ähnlichen Klostergründungen der Rosenberger gestiftet. Nach der Überlieferung wurde das Kloster kurz nach der Gründung mit einer überaus wertvollen Reliquie, einem in Gold gefassten Dorn aus der Dornenkrone Christi, bedacht, die dem Kloster den Namen, zu deutsch Goldenkron, gab.

Nach anfänglicher reger Bautätigkeit wurde das Kloster um 1420 von den Hussiten geplündert und später von den Rosenbergern erobert. Erst zweihundert Jahre später, nach dem Dreißigjährigen Krieg erholte sich das Klosterleben, was an den barocken Ausbauten abzulesen ist. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts hat sich in dem Kloster eine Wandlung vollzogen, indem hier ein Zentrum von Wirtschaft und Wissenschaft entstand. So wurde beispielsweise der Anbau von Kartoffeln, das Züchten von Seidenraupen und das Volksschulwesen gefördert und weiter entwickelt.

Diese segensreiche, aber viel zu kurze Periode wurde jäh beendet von dem Reformkaiser Joseph II., der 1785 auch das Kloster aufhob und damit dem Verfall übergab. In der Folgezeit wurden die Klosterbauten gewerblich genutzt. In der gotischen Kirche wurde Zündholz hergestellt, im Kreuzgang hat sich eine Erzgießerei heimisch gemacht. Erst um 1915 hat man angefan-gen, soweit möglich die barbarischen Schäden zu beheben. Die Restaurierungsarbeiten sind heute noch im Gange. Ein Teil der Anlage ist aber für Besichtigungen freigegeben. Merkwürdigerweise sind, trotz Sonntag, nur sehr wenige Besucher da. Die Führung geschieht auch hier in tschechischer Sprache, aber wir bekommen deutsche Merkblätter, wo wir den Text der tschechischen Führung deutsch nachlesen können.

Die gezeigten, meist gotischen Räume zeugen von dem großen ästhetischen Gefühl der Erbauer, die mit ihrem Geschmack ganz nah bei dem unserigen lagen, obwohl manche von den damaligen Handwerkern vor sechs-, siebenhundert Jahren sein Brot gegessen und seinen Wein getrunken hat. Ich verstehe nicht, wie unsere vor nur hundert Jahren hier werkelnden Vorfahren diesen Bauten, in denen wir jetzt ehrfürchtig mit Schutzpantoffeln entlang gleiten, in eine dreckige Industrieanlage umwandeln konnten. Haben sie keine Augen im Kopf gehabt? Oder war deren Geldgeilheit noch größer als unsere?

Zlatá Koruna
Kreuzgang in Zlatá Koruna
České Budějovice, Marktplatz Náměstí Přemysla Otokara II.

Die sonnenbeschienene Landschaft ist bäuerlich, friedvoll, undramatisch. Der schmale Weg, der durch die kleinen Dörfer führt, ist oft von weißblühenden und süßlich duftenden Hollunderbüschen gesäumt. Kaum einem Radler begegnen wir, Autos bevorzugen sowieso andere, breitere Wege.

Auch die große Stadt České Budějovice ist an diesem Sonntagnachmittag wie entvölkert. Wohin sind denn die Einwohner ausgeflogen? Auf dem Lande, wo wir herkommen, sind sie jedenfalls nicht gewesen.

So kommen wir ohne Verkehr und sonstige Hindernisse in die Stadt, und stehen auf einmal unvermittelt auf dem zentralen Marktplatz Náměstí Přemysla Otokara II., benannt nach dem Stadtgründer von 1265. Der vollkommen quadratische Platz mit seinen umlaufenden Arkaden und feinst restaurierten Bürgerhäusern aus der Gotik, der Renaissance und dem Ba-rock, die ich eher als Paläste bezeichnen möchte, nötigt uns uns im Kreise zu drehen und staunen. Die meisten der Bauten sind in fröhlichbunten Farben gehalten, einige mit Sgraffiti – Bildern und Ornamenten, die in Kratzputztechnik hergestellt wurden – verziert. Keine unpassende neuzeitliche Verschandelung, keine parkenden Autos, nichts beeinträchtigt das Gesamtbild dieses städtebaulich wunderbaren Ensembles!

Ein wahres Prunkstück ist das 1730 erbaute Rathaus, das mit seiner feierlichen Fassade, reich versehenen mit Stilelementen aus der Renaissance und dem Barock, den Platz dominiert. Die Platzmitte ist von einem nicht minder prächtigen Barockbrunnen eingenommen, wo der von Atlanten getragene biblische Samson der Stadt Wasser spendet.

Unweit des Brunnens ist ein großer, rundlicher, mit einem eingemeißelten Kreuz gekennzeichneter Stein in die Pflasterung des Platzes eingelassen. Man nennt ihn Irrstein. Der Stein bezeichnet die Stelle, wo 1478 zehn Menschen, die man der Verschwörung bezichtigte, hingerichtet wurden. Die heutigen Passanten, die aus Unachtsamkeit über diesen Stein schreiten, verirren sich anschließend in dem engen Gassengewirr der an-grenzenden Altstadt. So wird es jedenfalls erzählt.

Etwas zurückgesetzt, aber vom Platz gut sichtbar steht der mächtige Schwarze Turm, ein ursprünglich gotischer, später umgebauter Bau, heute ein beliebter Aussichtspunkt für alle, die bereit sind, an so einem warmen Sonntag so viele Treppen zu steigen. Wir gehören nicht dazu.

Nicht nur das Stadtzentrum, auch die angrenzenden Straßen sind Zeugen der wirtschaftlichen Prosperität, die České Budějovice von Anfang an genießen durfte. Sogar die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, der ganz Tschechien verwüstete, hat die gutbefestigte Stadt relativ heil überstanden. Dem Silberbergbau, dem Salzhandel und der Teichwirtschaft der frühen Jahre folgte die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts. Die um 1830 hoch-moderne Pferdeeisenbahn von České Budějovice nach Linz mag heute von uns belächelt werden, aber die damalige Brauereien haben heute noch Weltgeltung.
Wir nehmen ein Zimmer im Zentrum, gleich hinter dem alten gotischen Salzspeicher Solnice. Wir wussten mit den Schildern, die wir an manchen Häusern mit dem Wort „Privat“ gesehen haben, erst recht wenig anzufangen, bis wir dann doch dahinter kamen, dass dort Privatzimmer vermietet werden.Wir bekommen eine ganze Wohnung, der Preis ist beschämend niedrig. Unser Hausherr spricht fließend Deutsch, und als ich erwähne, dass wir heute unterwegs recht viel geschwitzt haben, bringt er uns zwei Flaschen kühles Bier als Begrüßungsgeschenk.

Rathaus in České Budějovice
Salzspeicher in České Budějovice