Montag, den 02.06.2003

Von České Budějovice nach Týn nad Vltavou

Himmlisch geschlafen! Jetzt noch ein gutes Frühstück und der Tag kann nicht schlecht werden!

Leider ist es mit dem Frühstück in Tschechien nicht so einfach, jedenfalls nicht, wenn wir unseren mitgebrachten Essgewohnheiten zu viel Bedeutung beimessen. In den Privathäusern und Pensionen wird in der Regel kein Frühstück serviert. Die Restaurants, wo es manchmal Frühstück gibt, öffnen erst um zehn. In normalen Kneipen bekommt man zwar fast Tag und Nacht Wienerschnitzel und Bier, aber keinen Kaffee. Auch die Bäckereien sind früh geöffnet, sie haben auch alles, was wir uns zum Frühstück wünschen: Semmeln, Croissant, Quarktaschen, alles frisch, sogar noch warm. Aber Kaffee haben sie keinen. Zum guten Letzt bleiben die Konditoreien. Dort gibt es Kaffee, aber dazu nur Torten und sonstige Leckereien mit viel Buttercreme nach Wiener Art. Andere Länder, andere Sitten. Aber wir können ja wählen: Schnitzel oder Buttercreme? Wir wählen die Torten zum exzellenten Kaffee.

Die ersten sieben, acht Kilometer aus der Stadt hinaus ist ein einziger Hochgenuß, ein richtiger asphaltierter Fahrradweg am Fluss entlang, eingerahmt von leuchtend gelben Büschen des SichelHasenohrs, das jetzt üppig blüht.
Auf einem steilen Hügel über dem Fluss thront die berühmte Burg Hluboká. Die erste gotische Festung wurde noch von Ottokar II. im 13. Jahrhundert erbaut. Später haben die Schwarzenbergs hier ihre Residenz aufgeschlagen. Seine heutige Gestalt hat das Schloss Mitte

des 19.Jahrhunderts erhalten, als Fürst Johann Adolf II. von Schwarzenberg sie in dem damals modischen Stil der englischen Neogotik umbauen ließ. Heute ist das romantische Märchenschloss einer der Hauptanziehungspunkte des tschechischen Fremdenverkehrs, ähnlich wie Schloss Neuschwanstein in Bayern.

Wir begnügen uns damit, das weiße Schloss untertänig aus dem Tal zu betrachten und setzen unseren Weg nach Norden fort.

Burg Hluboká

Nach Hluboká haben wir die Wahl zwischen den Wegen rechts oder links vom Fluss. Keiner der beiden Wege ist auch nur annährend ein Uferweg. In den 50er Jahren wurde der Fluss in mehreren Abschnitten aufgestaut, die die jahrhundertalten Verkehrsverbindungen, die meistens den Flusstälern folgten, zerstörten. Neue Uferwege, wie in ähnlichen Fällen bei uns, wurden hier nicht gebaut, die entstandenen Seen werden für Freizeitaktivitäten heute noch erstaunlich wenig genutzt, außer vielleich von einigen Anglern.

Wir wählen den Weg rechts vom Fluss. Es ist eine schmale Landstraße, die weit vom Fluss die winzigen Dörfer der hügeligen, oft bewaldeten Gegend miteinander verbindet. Der hier recht verbesserungsbedürftige Asphaltstreifen ist ohne große Erdarbeiten wie ein Teppichläufer auf das Land gelegt und so folgt er jedem Auf und Ab des Terrains. Die Steigungen sind zwar kurz, aber meist giftig. Trotzdem: Wir genießen das friedliche, ländliche Bild, die Einsamkeit, die Wärme und die wohl schönste Jahreszeit, in der alles saftig Grüne um uns wächst, blüht, duftet.

Aus dieser Idylle werden wir plötzlich durch den Blick auf die riesigen Kühltürme des Atomkraftwerks Termelin heraus gerissen, die westlich von uns bedrohlich in den Himmel wachsen. Wie überall in der Welt, haben die Mächtigen auch hier eine besonders abgelegene, naturbelassene, romantische Gegend ausgesucht, ihre Monströsitäten zu platzieren. Wo wenige Menschen leben, ist wenig Widerstand zu befürchten. Trotzdem beschäftigt dieses Atomkraftwerk öfters die Gemüter, als andere. Die benachbarten Länder – Deutschland und Österreich – behaupteten, dass der AKW-Termelin durch die alte russische Bauart besonders störanfällig ist und verlangten, dass es umgehend abgeschaltet wird. Nun, dass sie damit Recht haben, bestätigt die Tatsache, dass schon in der ersten Phase der Inbetriebnahme etwa fünfzig Störfälle registriert wurden. Allerdings finde ich die Proteste unserer Politiker wenig überzeugend, wenn sie gleichzeitig unsere auch nicht ungefährlichen Misthaufen als vollkommen sicher hinstellen und alle Proteste der eigenen Bevölkerung ignorieren.

Týn nad Vltavou

Týn nad Vltavou entstand in dem gründungsfreudigen 13. Jahrhundert an einem Flussübergang der Moldau. Die Furt, die nur beim Niedrigwasser zu benutzen war, hat man bald durch eine Holzbrücke ersetzt; diese ist wohl die erste große Holzbrücke in Böhmen gewesen. Handel und Flösserei brachten einen gewissen Reichtum, deren Spuren in der etwas verschlafen wirkenden Kleinstadt heute noch zu sehen sind. Wie in anderen böhmischen Städten, so auch hier gibt es den obligatorischen zentralen Marktplatz, wo die wichtigsten Bauwerke sich befinden: Ein großer Barockbau, ehemals erzbischofliches Schloss, heute Stadtmuseum; die schöne Barockkirche St. Jakobus, das Rathaus und weitere alte Gebäude, unter ihnen das alte Gasthaus „Zlata Lod“, „Goldene Barke“, wo wir uns heute einquartieren. Bezeichnenderweise sind in dem alten historischen Teil des Hauses Büros untergebracht. Die Gästezimmer befinden sich in einem baufälligen Betonanbau aus sozialistischen Zeiten. Der Sozialismus scheint sich in der ganzen Einrichtung dauerhaft eingenistet zu haben. Das an sich schöne und saubere Zimmer hat zwar ein Bad mit Wanne und einen Balkon zur Moldau hin, aber die Balkonplatte ist so rissig und bröckelnd, dass sie zu betreten lebensgefährlich wäre. Die Toilettenspühlung funktioniert nur nach langem Zureden, und der Stoff der Bettlaken ist so zerwaschen und dünn, dass, obwohl am abend noch heil, am morgen in Streifen gerissen ist.