Brücke in Týn nad Vltavou

Dienstag, den 03.06.2003

Von Týn nad Vltavou nach Orlík nad Vltavou

Wieder Probleme mit dem Frühstück. Cafe oder Konditorei gibt´s hier nicht. In Týn frühstückt offensichtlich kein Mensch! Wir geben aber nicht auf und unser zähes Bemühen wird belohnt: Wir finden einen Supermarkt, wo ein Buffet angeschlossen ist. Da gibt es Kaffee und Kuchen.

Wir überqueren den Fluss mittels einer denkmalgeschützten Stahlgitterbrücke und bald geht es wieder steil aufwärts, weg vom Fluss, raus aus dem Tal. Das Steigen fällt uns jeden Tag etwas leichter. Wir haben vor einiger Zeit neue Fahrräder zugelegt, die für Steigungen eine extrem günstige Übersetzung haben. Damit kommen wir auch dort noch hoch, wo wir früher schon längst schieben mussten. Außerdem lernen wir, dass, ähnlich, wie die Profis bei der Tour de France, jeder von uns seinen eigenen Rhythmus finden muß, wie er am besten auf den Berg hochkommt, ohne sich völlig zu verausgaben. Das heißt zwar nicht, dass es uns leicht fällt einen Hang mit 10–12 % Steigung zu bewältigen – schließlich werde ich in vier Wochen 65 – aber es geht, und schon diese einfache Tatsache macht unser Unternehmen recht erfreulich.

Die Landschaft ist nach wie vor wunderschön und diese verkehrsarmen Nebenstraßen sind für Radeln ideal. Sogar der Wegbelag hat sich wieder gebessert.

Wo die Flüsse Vltava und Otava noch vor fünfzig Jahren zusammen geflossen sind, – jetzt fließen sie nämlich nicht mehr, da sie zum See gestaut sind – liegt . Früher thronte sie nach Burgenart auf einem hohen Felsen, da aber das Wasser bis zu den Füßen der Burgmauer hochgestaut wurde, liegt sie jetzt quasi im tiefen Tal am Seeufer. Im Innern sollen Fresken aus dem 16. Jahrhundert zu sehen sein. Massen von lärmenden Schülern und schreiende Lehrer, sowie die Aussicht auf eine lange Zwangsführung in tschechischer Sprache lassen uns von einer Besichtigung Abstand nehmen.

Noch eine Stunde und wir erreichen Orlík nad Vltavou. Da es in den nächsten Kilometern angeblich wenig Möglichkeit gibt zu übernachten, wollen wir hier ein Zimmer finden. Es ist wahrhaftig ein verschlafenes Nest. Kaum, dass wir in den Ort reinfahren, sind wir an dem anderen Ende schon wieder draußen.

In der Ortsmitte gibt es eine Pension, aber die Tür ist ver-schlossen und, obwohl ich durch das Fenster Menschen sehen kann, auch das Klingeln und Klopfen erweist sich nutzlos.

Burg Zvíkov
Gasthaus in Orlík nad Vltavou

Ich gehe um das Haus und versuche von der Hofseite her, jemanden zu sprechen. Dort sieht es nach Bauarbeiten aus: Sandhaufen, Betonmischer, Dachziegeln. Bald erscheint ein junger Mann in Baustellenklamotten. Er kann nur tschechisch, also her mit meinem Polnisch. Wir haben Glück: Er ist der Wirt, ja, Zimmer hat er auch, WC und Dusche im Gang, allerdings bis 18 Uhr ... und was er danach sagt, verstehe ich nicht. Auch das zweite Mal verstehe ich es nicht. Aber ich sage „in Ordnung“, was soll ich sonst sagen, und wir nehmen das Zimmer.

An dieser Stelle möchte ich über eine Besonderheit der tschechischen sanitären Einrichtungen berichten. Ich könnte allerdings statt „tschechisch“ auch ungarisch, polnisch, russisch oder bulgarisch schreiben, es ist überall dasselbe. Die Toiletten und Duschen sind nicht abschließbar. Nicht, dass sie kein Schloss oder Riegel hätten. Nein, sie haben welche, aber sie sind abgebrochen, verbogen, weggebohrt, ausgehebelt, zersägt, so, als wenn Tresorknacker am Werke gewesen wären. Ich habe zwar eine ziemlich rege Phantasie, aber sie reicht nicht dazu, die Szenen vorzustellen, die zu solchen Resulaten führen.

Ich stehe also nackt in der Dusche. Plötzlich öffnet sich die Tür. Ein Handwerker kommt herein, grüßt mich freundlich, öffnet eine andere Tür, die ich bis jetzt nicht beachtet habe. Dahinter verbirgt sich eine Treppe, die zum Dachboden führt. Und schon kommt der nächste Mensch mit Dachziegeln bepackt, auch er grüßt mich, die Menschen sind hier ja freundlich. Und jetzt weiß ich, was der Wirt mir sagen wollte: Bis 18 Uhr sind die Dachdecker da!

Unser Pension hat auch ein Speiselokal. Die Speisen sind wesentlich besser als das Zimmer. Langsam befreunden wir uns mit den hiesigen Gerichten, auch wenn wir noch immer nicht herausgefunden haben, was die berühmte böhmische Küche ausmacht. Alles, was hier serviert wird, gibt es auch anderswo, beispielsweise in Bayern, in Österreich, oder in Ungarn. Vielleicht ist es die Mischung?

Nach dem Essen machen wir eine Runde im Dorf. Nach zehn Minuten haben wir alles gesehen und gehen früh schlafen.

Palatschinken mit Eis, Obst und Sahne