Burg Orlík

Mittwoch, den 04.06.2003

Von Orlík nad Vltavou nach Hžiměždice

Das Wetter hält: Es ist nach wie vor wie Sahne!

Unser heutiges Zimmer ist inklusive Frühstück. Man serviert uns Rührei mit Brot und eine Tasse Muckefuck. Aber was soll’s? In Orlík hätten wir sonst nichts bekommen.

Die ersten acht Kilometer geht es stetig aufwärts. Wir folgen dem in dem „bikline-Radführer Moldau“ angegebenen Radweg. Schöne Landschaft, wenig verkehr, die Steigungen manchmal etwas hart, aber es geht, wir sind guter Dinge.

Nach Holušice geht es rechts ab. Der abwärts führende Weg wird immer schmaler und steiler. Einerseits is es eine Freude, es auf schönen Waldwegen einfach rollen zu lassen, aber wenn ich auf die Karte schaue, erschrickt mich der Gedanke, dass wir wieder hoch müssen, da es am Wasser entlang auch hier keine Straße gibt. Und so kommt es dann auch! Wir kommen unten am Stausee an, wo es außer einige in Büschen versteckte Datschas nichts gibt. Wir sitzen in der Falle. Die als Radweg angegebenen weiterführenden unbefestigten Waldwege sind so abartig steil, dass sie mit bepackten Rädern von uns nicht zu bewältigen sind. Ja, sogar das Schieben erfordert äußerste Anstrengung! Ich verstehe es nicht! Hätte dieser Radführer uns beim Holušice oben auf der Landstraße gelassen, wären wir auf relativ bequemen und verkehrsarmen Wegen viel weiter gekommen, als hier in diesem gottverlassenen Wald, wo wir in einer Stunde tatsächlich nur vier Kilometer schaffen, dafür uns aber für vierzig ermüden! Das ist doch kein Radfahren mehr, das ist erschwertes Wandern!

Nach etwa einer Stunde kreuzt unser Pfad eine schmale Landstraße. Wir nutzen die Gelegenheit, diese Stätte des Grauens endlich zu verlassen. Nicht, dass wir auf unserem selbst gefundenen Weg auf der Landstraße weniger Höhe überwinden müssten, aber die Steigungen betragen ein Maß, das für radelnde Normalsterbliche zwar mit Anstrengung, aber ohne Absteigen, zu bewältigen sind.

Hžiměždice

In Hžiměždice – ein schöner Name um die tschechische Aussprache zu üben – haben wir die Nase voll. Heute ist mit Sicherheit der bisher heißeste Tag des Jahres. Wir sind heute zwar nur 50 kilometer gefahren, dafür aber unter erschwerten Bedingungen etwa 700 meter gestiegen. Wir finden eine ländliche Pension mit Restaurant. Das Lokal ist schon am frühen Nachmittag voll mit biertrinkenden Männern. Das Zimmer ist einfach, Dusche und Toilette am Gang, auch hier sind die Türklinken abgebrochen, aber wir freuen uns, überhaupt ein Zimmer gefunden zu haben. Hier möchte ich noch kurz eine Spezialität des hiesigen Gastgewerbes erwähnen: Die Handtücher, die in Gast- und Privatzimmern dem Gast gereicht werden, sind, was die Größe betrifft, wahrscheinlich nach DIN-Norm bemessen, nämlich nach A4, also haben die Abmessung von 21x30 cm. In Vergleich mit denen sind unsere Tüchlein, die zuhause neben der Toilette für die Gäste ausgelegt sind, wahre Badelaken. Immerhin jeder von uns bekommt eins.

Wir sind die einzigen Schlafgäste, und auch die einzigen, die nicht Bier trinken, sondern etwas essen wollen. Pech gehabt! Es gibt nur zwei „Gerichte“: Wiener Würstl oder Matjesfilet, beide mit Brot. Wir sind hungrig, so bestellen wir beides. Alles schmeckt recht gut, auch wenn der Hering ungewöhnlicher Weise rot ist, wie Lachs.

Der obligatorische Rundgang im Dorf dauert diesmal nur fünf Minuten. Eine verschlossene Dorfkirche und ein Supermarkt, das war es schon.

Vor dem Schlafengehen fragen wir die Wirtin, ob sie uns morgen Frühstück machen könnte. Sie überlegt es so lange, dass ich vermute, sie ist schon seit Jahren nicht mit solchen ausgefallenen Wünschen konfrontiert geworden. Aber dann verspricht sie doch, dass sie, obwohl das Lokal normalerweise erst um zehn öffnet, schon um acht Uhr uns Kaffee kocht.