Castel del Monte

Freitag, den 12.05.2006

Morgen beginnt unsere große Apulienrundfahrt. Ich hoffe, dass ich dieses große später nicht in Aufführungszeichen setzen muss. Ich habe nämlich vor fünfeinhalb Monaten ein neues Knie bekommen, eins aus Stahl und Kunststoff, mit dem ich bis jetzt nur kleinere Probefahrten gemacht habe. Apulien soll nicht zu bergig und im Mai schon schön warm sein, so ist es vielleicht für unsere erste längere Radreise in diesem Sommer bestens geeignet.
Auf dem Weg von München bis Süditalien mit dem Pkw besuchten wir unsere Freundin Erika in den Dolomiten, machten Pausen in Sache Kunst in Florenz und Assisi, und nach einer knappen Woche kamen wir an den geplanten Ausgangspunkt unserer Rundfahrt, Castel del Monte an, wo wir uns in einem

Castel del Monte

Bauernhof, etwa fünf Kilometer südwestlich dieses Castels, einquartierten. Der große Hof ist heute noch bewirtschaftet, sie haben, wie wir im Laufe des Abends erfahren, 480 Schafe und 40 Reitpferde. Das Geschäft ist weit gefächert, neben der Käserei und dem Reiterbetrieb wurden alte Wirtschaftsgebäude zu einem riesigen Ristorante mit 280 Plätzen ausgebaut.

Die vier Zimmer, die sie auch noch vermieten, sind nur eine kleine Ergänzung des Großbetriebes. Das einfache Doppelzimmer für uns zwei mit Halbpension kostet 100 €, das kann je nach dem viel oder angemessen sein. Mal sehen.

Nachdem wir uns eingerichtet haben, radeln wir zum Castel hoch. Es ist ein kurzer, aber recht steiler Weg, der auf den Hügel hochklettert, und ich bin froh, dass mein Knie diese erste Probe gut besteht.

Das Castel del Monte ist ein aus hellen Steinen erbauter, weit sichtbarer, burgartiger Bau mit oktogonalem Grundriss. Erbaut wurde es auf Befehl von Friedrich II. Die Entstehung und die Geschichte des Castels ist erforscht und gut dokumentiert, nur der Zweck, wozu es überhaupt diente, dafür gibt es bis heute nur Spekulationen. Als Verteidigungsanlage entspricht es nicht den strategischen Kenntnissen seiner Zeit, als Wohnstätte ist es ohne jegliche Bequemlichkeit und Funktionalität. Aber sehr imposant ist es. Ich denke, der große Kaiser hat sich hier eine übermutige Spielerei geleistet, ein Erinnerungsdenkmal setzen lassen.

Das Abendessen wurde auf 19 Uhr angekündigt. Obwohl noch weitere vier Gäste aus Südtirol eingetroffen sind, sitzen wir zu sechst wie verloren unter den himmelhohen Natursteingewölben. Hier in der Gegend haben viele Bauernhöfe solche burgartige gewölbte Monumentalbauten. Vielleicht waren es früher Scheunen für Heu, oder ähnliches. Unsere Wirtsleute meinen, die sind Stallungen gewesen. Vielleicht für Giraffen?

Im Ristorante der Masseria

Wie diese Menschen das Ristorante bewirtschaften, wenn mehr Gäste als jetzt da sind, ist zunächst ein Rätsel. Etwa eine Stunde passiert gar nichts. Dann kommt der junge Bauer, ein etwa 25-jähriger Lackel, und fängt an die Tische zu decken mit einer solchen Hektik und Eifer, wie es nur ein 8-jähriger, der Gaudi machen will, tun würde. Als er die Teller und die Bestecke auf den Tisch wirft, befürchte ich, dass er gewalttätig wird.

Nach einer weiteren halben Stunde erscheint die Bäuerin, eine resolute, laute, grobzügige Mama um die 50, sagt uns, dass sie aufgehalten wurde und ohne sie läuft hier gar nichts, aber jetzt geht's los, ob wir schon Hunger haben. Und wahrhaftig, was danach auf den Tisch kommt, das ist gute und üppige bäuerliche italienische Küche: gegrillte und in Olivenöl eingelegte Pilze und Gemüse, verschiedene Käsesorten vom Hof, Wurst und Salami, Ravioli mit Pilzen in Tomatensauce, gebratenes Schweinefleisch mit Salat, und abschließend Halbgefrorenes mit Nüssen. Dazu jede Menge Weißbrot, Rotwein, Mineralwasser und zum Schluss kommt sogar eine Grappaflasche zum Vorschein.

Wie der Abend voran schreitet und der Wein die Zungen löst und die Stimmung steigen lässt, werden die Gespräche lauter und die Erzählungen persönlicher. Die Wirtin erzählt uns, dass sie früher mit der Landwirtschaft nichts zu tun hatte, sie lebte in der Stadt, und die Familie war so arm, dass sie oft nichts zu essen hatte. Dann hat sie ihren jetzigen Mann kennen gelernt. Der war ein einfacher und armer Schafzüchter, der zwar die Weide und die Schafe besaß, aber das Betrieb hat kaum das Nötigste abgeworfen. Dann kam sie, die EU und der Tourismus, und nach dreißig Jahren harter Arbeit und Geschick haben sie jetzt vier erwachsene Kinder, den Hof, und ringsum das Land, soweit man schauen kann. Als Krönung dieser Erzählung holt sie ihren Mann aus der Küche, einen verlegen lächelnden, schwarzbärtigen, gutgewachsenen Mannsbild, der allerdings kaum ein Wort von sich gibt.

Zum Abschluss des Abends zeigt uns die Wirtin noch einen Stein in der Steinmauer, an dem sie den Antlitz des in Süditalien hochverehrten, wundertätigen Heiligen Pater Pio zu erkennen glaubt. Wir bemühen uns krampfhaft irgend etwas zu erkennen, aber für uns bleibt der Stein nur ein Stein.