Massafra - San Pietro

Mittwoch, den 17.05.2006

Der weg nach Taranto ist an der Karte kurz und einfach: etwa 15 Kilometer schnurgerade und flach auf der SS7. Diese Strasse ist allerdings so stark befahren, wie eine Autobahn, für uns also unbrauchbar. So sind wir gezwungen auf Nebenstrassen einen recht hügeligen Umweg zu absolvieren. Dafür dürfen wir von dem oben liegenden Städtchen Statte nach Taranto hinunter rollen. Die Straße auf den letzten Kilometern ist eingerahmt zwischen einem riesigen Hochofen und einem römischen Aquädukt. So etwas gibt es auch nur in Italien.

Römisches Aqädukt vor Taranto
Industrie vor Taranto

Taranto wurde siebenhundert Jahre vor Chr. von griechischen Seefahrern gegründet. Schon vierhundert Jahre später war es mit etwa 150.000 Einwohnern die größte und mächtigste Stadt Süditaliens. Mit dem Aufstieg Roms hat sie ihre wirtschaftliche Bedeutung rasch verloren. Nur der geschützte Hafen wurde seit der Antike bis heute von den jeweiligen Machthabern genutzt. Auch heute ist Taranto einer der größten Militärhäfen im Mittelmeer.

Die Altstadt befindet sich auf einer kleinen felsigen Insel. Es ist eine traurige Sehenswürdigkeit, da sie in einem so verkommenen, ruinösen Zustand sich befindet, wie wir es in einem so großen Ort und in einem so reichen Land nicht erwartet hätten. Weit über die hälfte der Häuser und vormals pompöse Paläste sind unbewohnt, die Fensteröffnungen leer, die Eingänge zugemauert, zugenagelt. In den in Zerfall befindlichen restlichen Häusern herrscht die sichtbare Armut. Man kann dies pittoresk finden, aber die dazu nötige Ignoranz haben wir nicht. Es sollen zwar seit Jahrzehnten Pläne geben, die Altstadt zu sanieren, aber ein Zeichen dafür finden wir nirgends. Diesen Stadtviertel weiter seinem Untergang zu überlassen ist eine Kulturschande.

Taranto, Altstadt
Taranto, Altstadt
Taranto, Altstadt
Taranto, Altstadt

Wir verlassen die Altstadt, vorbei an der Burg Castello Aragonese mit den runden Basteien, die zur Verteidigung der Stadt im 15. Jahrhundert erbaut wurde. Diese Anlage ist im Gegenteil zur Altstadt bestens erhalten, da sie bis heute von der Militär benutzt wird.

Taranto, Castello Aragonese

Eine kurze Brücke und wir sind schon in der Neustadt, und damit wie in einer anderen Welt. Breite Straßen, schöne Parkanlagen, gut gekleidete Passanten, lebhafter Verkehr, gute Geschäfte, alles sauber und geordnet, und das keine dreihundert Meter von der noch eben beklagten Umständen!

Nach einer Mittagspause verlassen wir die Stadt und Fahren nach Südosten zur Küste. Diese Straße ist die am stärksten befahrene, die wir in den letzten Jahren genießen durften. Wohin all diese Menschen fahren, ist uns schleierhaft, es ist heute weder ein Feiertag noch Wochenende. Wir kommen trotzdem relativ problemlos voran, da die Fahrzeuge im Stau stehen oder nur meterweise voran kommen. Wir sind mit dem Rad jetzt schneller als die Autos.

Küste, Golfo di Taranto

An der Küstenstraße ist der große Verkehr auf einmal wie weggezaubert, nur ab und zu kommt noch ein einsames Auto vorbei. Die Küste ist hier relativ flach, der Ufer steinig, aber keine Steilküste. Später folgen Sanddünen, auch der Strand ist heller, feiner Sand, das Wasser azurblau und schmaragdgrün, wie in einem Werbefilm. Die Strände sind menschenleer und die gut asphaltierte, leichte Straße wie für uns hingerollt. Wir passieren viele kleine Badeorte, die jetzt noch verlassen sind, wie Goldgräberstädte, aber viele Hotels und Pizzerias, jetzt allerdings alle geschlossen, die riesige Parkplätze und die Parkverbotsschilder mit dem Abschleppandrohung lassen uns erahnen, was hier in der Hauptsaison los sein wird.

Küste, Golfo di Taranto

Später haben wir etwas Mühe, eine Unterkunft zu finden, aber dann klappt es in San Pietro doch noch, obwohl auch dieses Hotel noch für den Sommer renoviert wird. Aber das gute Ristorante ist geöffnet, und so können wir am Abend einen besonderen Anlass feierlich begießen. Heute vor sechs Monaten wurde ich am Knie operiert. Dass ich heute 73 Kilometer radeln konnte, und das ohne Beschwerden, muss gefeiert werden. Wir beschließen den schönen Tag mit einem Fischmenü und einem guten Tropfen des hiesigen Weins.