In Otranto

Otranto
Samstag, den 20.05.2006

Ich hatte einen merkwürdigen Traum. Wir sind in einer italienischen Kleinstadt und besichtigen die Kirche. In diesem Gotteshaus hat man anlässlich eines früheren Papstbesuches eine zweifelhafte Attraktion eingebaut. Man hat das Altarbild des barocken Altars entfernt, und statt dessen einen Thron installiert, die man - ähnlich wie ein Lift für eine Filmkamera - hoch und herunter fahren, bzw. in das Kirchenschiff hinaus fahren kann. Jetzt ist es eine Gaudi für Touristen, die in langer Schlange darauf warten, gegen Gebühr mit diesem Thron durch den Kirchenraum sausen zu können. Ich bin so empört ob dieses Sakrilegs, dass ich davon aufwache.

Otranto, gemessen an der Einwohnerzahl, die nur 5000 betragen soll, ist überraschend städtisch. An der engsten Stelle der Adria im 7. Jahrhundert von griechischen Seefahrern gegründet, hat die Stadt mit dem geschützten Naturhafen in ihrer langen Geschichte so viele Begehrlichkeiten geweckt und so oft die Herrschenden gewechselt, dass man darüber den Überblick verlieren kann.

Otranto, Piazza del Popolo
Otranto, Cattedrale Santa Maria Annunziata
Die Glanzzeit Otrantos fällt wohl auf das 11. bis 13. Jahrhundert, als der Bischofssitz unter normannischer Herrschaft Ausgangshafen für die Kreuzzüge wurde. In dieser Zeit ist auch die Cattedrale Santa Maria Annunziata erbaut worden.
Die Unterkirche mit 65 Säulen, von denen viele figürliche Kapitele tragen, sowie das etwa 800 qm große wunderbare Bodenmosaik, das den Fußboden der Kirche fast vollständig bedeckt, gehören zu den wichtigsten Kunstschätzen Italiens. Die dargestellten Figuren und Szenen sind so vielfältig, dass man auch nach Stunden der Betrachtung noch immer neue Details erkennen kann. Es sind biblische Geschichten, wie Adam und Eva, Kain und Abel, Turm von Babel oder König Salomon genau so vertreten, wie Tierbilder und Fabelwesen, historische Personen, Sternzeichen, Monatsbilder, Pflanzen und Ornamente. Ein faszinierender, wahrer Bilderkosmos aus Millionen von Steinchen zusammen gesetzt!

Otranto, Mosaik in der Cattedrale Santa Maria Annunziata
Mosaik in der Cattedrale Santa Maria Annunziata

Auf der zentralen Gasse der Altstadt, das Corso Garibaldi mit den vielen Andenkenläden, muss in der Hauptsaison der Teufel los sein. Dieser Ort ist der erste unserer Reise, wo die späteren Touristenmassen schon jetzt, im Mai, sich vorahnen lassen.

Eine andere sehenswerte Kirche in Otranto ist die kleine byzantinische Kreuzkuppelkirche aus dem 10. Jahrhundert, die im 11. und 12. Jahrhundert mit biblischen Szenen ausgemalt wurde.

Basilika San Pietro in Otranto

Fresko in derBasilika San Pietro in Otranto

Natürlich wird der Hafen auch in Otranto von einer starken Befestigung - schon wieder ein Castello Aragonese - bewacht.

Castello Aragonese in Otranto
Mittags nehmen wir unsere Räder und machen eine kleine Runde im Umland. Wir wollen möglichst nah an der Küste nach Süden. Nach zwei Fehlversuche auf Steinpisten finden wir doch noch die kleine Straße
Porto Badisco
nach Porto Badisco. Ich kann es nur wiederholen: Apulien ist ganz und gar nicht flach! Von Porto Badisco radeln wir nach Uggiano, wo wir in einem Olivenhain einen Dolmen besichtigen. In dem folgenden Städtchen Giurdignano gibt es einige Menhire zu sehen.
Dolmen bei Uggiano
Ein etwas merkwürdig platziertes Menhir in Giurdignano

Der Rückweg nach Otranto durch die Olivenfelder ist einsam und lieblich, wie man Italiens Süden sich vorstellt.

Es war wieder einer dieser Tage, wofür die längste Reise sich lohnt.