Otranto - Lecce

Sonntag, den 21.05.2006

Es dauert eine Weile, bis wir die Ausfahrt nach Norden finden. Unsere Karte mit dem Maßstab 1:200.000 zeigt nicht genug Details, aber eine bessere gibt es leider nicht. Die Beschilderung der Straßen ist ziemlich lückenhaft, davon sind die im Provinz Lecce vorhandenen Radwege auch keine Ausnahmen. Außerdem sind diese sogenannten Radwege oft nur Empfehlungen, die auf normalen, manchmal von Autos stark frequentierten Landstraßen verlaufen.

Radweg in Provinz Lecce
Trotzdem ist der Anfang der heutigen Strecke bis etwa Sant'Andrea ein Genuss. Der Sonntagsverkehr auf der Küstenstraße ist noch nicht losgegangen, wir haben einen leichten Rückenwind und strahlend blauen Himmel. Sonderbarerweise ziehen an manchen Stellen dicke Nebelschwaden, wie Rauch, vom Wasser zum Land.
Nebelbank vor der Küste

Leider dauert es nicht lange, und wir radeln mitten im dichten Sonntagsverkehr. Bald ist jeder Quadratmeter, der mit Auto erreichbar ist, mit parkenden Autos bedeckt: der Straßenrand, die Zufahrtswege und auch der Strand selbst. Mitten im Müll, der auch hier die Strände bedeckt, sitzen frohsinnige Menschenmassen mit Kindern, Hunden und Picknickkorb.

Sonntag an der Küste
Wachturm aus dem 16. Jahrhundert in Torre dell'Orso

Bei Torre Specchia Ruggeri verlassen wir die Küste. Schon nach einigen hundert Metern weiter haben wir wieder die friedliche stille Einsamkeit der Olivenfelder um uns.

Steinhütte vor Acáia

In Acáia gibt es eine alte Festung und ein Stadttor daneben aus der Barockzeit. Bald danach erreichen wir Lecce, unser heutiges Tagesziel.

Acáia
Die Hotels in Lecce sind heute wegen einer Veranstaltung - Tag der offener Tür von Stadtpalästen - so gut wie ausgebucht. Wir bekommen mit Not und Mühe noch ein B&B-Zimmer für immerhin 90 €. Leider dürfen wir unser Zimmer erst um 18 Uhr beziehen. So suchen wir erst ein Café, was gar nicht so einfach ist. Wir wissen schon: Am Sonntag nachmittag ist alles zu, die Straßen sind wie ausgestorben.
Sonntagnachmittag in Lecce

Da wir noch immer viel Zeit haben, machen wir einen ersten Rundgang in der Altstadt. Lecce ist für seine vielen Barockbauten berühmt.

Duomo Santa Maria dell'Assunta, Lecce
Portal des Domes Santa Maria dell'Assunta, Lecce

Nun, ich mag Barock. Ich glaube auch nicht, dass es wegen der ersehnten und noch fehlenden Dusche oder von der Müdigkeit kommt, dass diese merkwürdige Spielart des Barocks mir nicht so gut gefällt. Es ist eine Orgie von wuchernden dekorativen Elementen, Putten, Frauengestalten, floralen Figuren. Einzeln betrachtet sind diese Details aber oft süßlich, rudimentär, ja manchmal sogar kitschig.

Portal des Domes Santa Maria dell'Assunta, Lecce

Unser Quartier "B&B Prestige" ist nicht schlecht, aber für Radler völlig ungeeignet. Die Einrichtung befindet sich in der Altstadt auf dem zweiten Stock eines Wohnhauses. Zur Unterbringung der Räder gibt es keine andere Möglichkeit, als alles auf der besonders schmalen und leiterartig steilen Treppe hochzuwürgen.

Wie ich bereits erwähnte, besteht heute die seltene Möglichkeit, viele der privaten und sonst nicht zugänglichen Stadtpaläste zu besuchen. Das Publikumsinteresse ist groß, auch wir schauen einige dieser Häuser an, wobei meistens nur der Hof und Garten, nicht aber die Innenräume zugänglich sind. Wir sind besonders von den Gärten hinter den Häusern beeindruckt. Wenn überhaupt, dann sind diese kleine Paradiese der Grund dafür, dass ich die Reichen dieser Stadt beneide.

Am Abend ist die Hauptgasse der Altstadt, die am Nachmittag völlig einsam war, so voll von Spaziergängern, dass es richtig schwierig ist, zu der nahen, empfohlenen Trattoria uns vorzukämpfen. Und mitten in diesem Gedränge schieben sich auch noch einzelne Jugendliche mit ihren Motorrädern durch. Irre!