Von Palm Coast nach St Augustine

Dienstag, den 03.02.2004

Hier müssen die Sommermonate furchtbar heiß sein! In jedem Zimmer des Hauses sind große Deckenventilatoren montiert. Außer Lamellenjalousien haben alle Fenster großen Markisen. Und natürlich überall Klimaanlagen. Übrigens gestern im Restaurant bin ich fast erfroren, obwohl es draußen angenehm warm war. Jetzt kratzt es mir im Hals.

Nach dem Frühstück begleiten wir Tante Mary zu ihrem täglichen Tennisspiel. Sie erzählt, dass die anderen Mitglieder im Tennisclub nicht wissen, wie alt sie ist, weil dann würde sie vielleicht schwieriger Spielpartner finden. Ich kann es mir noch immer schwer vorstellen, wie jemand mit 90 überhaupt noch spielen kann.

Nun, Tante Mary ist ein Phänomen! Sie ist zwar nicht mehr flink, laufen und springen kann sie auch nicht mehr. Sie hat aber in ihrem langen Leben schon immer Tennis gespielt und so hat sie eine Technik, für die die Jüngeren sie beneiden können. Sie spielen Doppel, die anderen drei Damen sind so um 60, aber im Endeffekt nicht besser als sie. Die anderen können vielleicht drei Schritte zum Ball machen, sie nur einen, aber wenn sie den Ball erreicht, schlägt sie ungemein platziert zurück. Sie spielen anderthalb Stunden ohne Pause. Am Ende des Spiels sind die anderen Damen außer Atem und erschöpft, unsere Tante aber gelassen, ruhig, einfach gut drauf.

Am Nachmittag lassen wir die alten Herrschaften ausruhen und fahren nach St. Augustine. Die Küstenstraße A1A ist mit Appartementhäuser schon ziemlich vollgebaut und dieser Zustand wird kräftig weiter getrieben. Was gebaut wird, ist meistens die dauerhafte Monumentalausführung von dem bekannten Baustil von Disneyland. Auch die letzte monströse Betonferkelei wird noch mit hier einem Türmchen und dort einem Bögenchen niedlich und lustig auf Hübsch getrimmt. Hinter dem Phalanx dieser Dinge befindet sich allerdings der herrlichste breite und feine Sandstrand des Atlantiks.

St. Augustine ist eine der ältesten amerikanischen Siedlungen, wo heute noch der Geist der alten Zeit zu spüren ist. Die Hauptsehens-

würdigkeit der Stadt ist die Festung Castillo de San Marcos. Die erste Holzanlage wurde in einer Flussmündung Mitte des 16. Jahrhunderts von den Spaniern erbaut. In den darauf folgenden hundert Jahren wurde diese Burg durch Feuer und Kämpfe zwischen Spaniern und Engländern immer wieder zerstört, bis am Ende des 17. Jahrhunderts der hölzerne Fort durch den heutigen Steinbau ersetzt wurde. 1821 kam Florida, und damit auch St. Augustine, vertraglich zu den USA. Die Festung wurde bis zum Ende des 19. Jahrhunderts von dem Militär genutzt. Heute ist sie ein besuchenswertes Nationaldenkmal. Wir können an den guterhaltenen Mauern herumlaufen und die leider meistens leeren Räumlichkeiten anschauen. Oben auf dem Kanonendeck sind zahlreiche, reich verzierte alte Geschütze zu bestaunen. Die scheinen eine besondere Anziehungskraft nicht nur auf die Kindern unter den Besuchern auszuüben. Auch die Erwachsenen klettern gern auf die Kanone um sich rittlings fotografieren zu lassen. Auch von Suzanne existiert so ein altes Foto, die sie als Mädchen vor fünfzig Jahren auf einem der Kanonen sitzend zeigt. Dieses alte Bild heute nachzustellen ist für sie ein besonderes Erlebnis. Dass ich diese Aufnahme hier nicht zeigen kann, hat seinen Grund (wortwörtlich!) in den Tiefen des Juniper Creecks. Aber davon später.

In Europa gibt es viele ähnlich sehenswerte Städte, aber hier in Amerika ist St. Augustine absolut einzigartig. Hier befinden sich beispielsweise einige der ältesten Gebäude in den USA. Wie relativ dies ist, dass zeigt das älteste amerikanische Haus, das Gonsales-Alvares-Haus, ein Häuschen auf dem St. Francis Street. Es ist 300 Jahre alt. Das älteste Schulhaus Amerikas auf der St. George Street ist eine 200 Jahre alte kleine Holzhütte.

Auf dem Weg zurück nach Palm Coast besuchen wir ein Fischlokal "Crazy Crab" an der Küste. Dienstag ist Snowcrab-Tag. Snowcrabs sind diese spinnenartige Krebse mit den überlangen Beinen. Wir probieren sie, und es ist eine gute Wahl, obwohl es schon eine wüste Plackerei ist, bis man an das bisschen Fleisch rankommt.